Aussichtsberg am nördlichen Rand der Bayerischen Voralpen

Wendelstein - Porträt eines Berges

Meteorologen, Astrophysiker, Höhlenforscher, Filmregisseure und Touristen – alle wollen sie auf den Wendelstein. Was hat dieser Berg im bayerischen Mangfallgebirge nur, was andere nicht haben?

 
Meteorologen, Astrophysiker, Höhlenforscher, Filmregisseure und Touristen – alle wollen sie auf den Wendelstein. © C. Hinz, Bildagentur Huber
Meteorologen, Astrophysiker, Höhlenforscher, Filmregisseure und Touristen – alle wollen sie auf den Wendelstein.
Es ist Montag, die Zahnradbahn auf den Wendelstein spärlich besetzt. Die wenigen, die in der Bahn sitzen, grüßen einander wie alte Bekannte: »Ah, der Gaggl!«, »Servus Hans!« und »Claudia, griaß di!«, tönt es. Bei einem Ratsch mit Hans verfällt Gaggl in nostalgische Schwärmerei: »Beim Drei-Tage-Rennen san’s in zwoa Minuten acht den Wendelstein von oben bis unten runterg’fahren. Der Seiler Toni, der Hinterseer und der Irlbacher, woasst no?«

Damals, erinnert sich der Hans versonnen, sei man noch ein Hecht gewesen, wenn man vom Wendelstein auf Ski abgefahren sei. Eine Piste gab es nicht, die Skifahrer suchten sich den besten Weg durch den steilen Wald auf der Ostseite bis hinunter nach Brannenburg. »Da hat’s nur Gradausfahren gegeben. Mit Bogerl war da nix«, fällt dem Gaggl ein, »und der Kleine Hotelhang, der war verreckt! Da ham sich die meisten die Füß’ gebrochen.«

Seit rund 50 Jahren steht der Hans am Wendelstein auf den Brettln. Zuletzt gehörte die morgendliche Abfahrt im Winter sogar zu seinem Berufsalltag: Hans Vogt war 35 Jahre lang Betriebsleiter der Wendelsteinbahn und kümmerte sich um die gesamte Infrastruktur am Berg. Von Osterhofen bei Bayrischzell führt eine Gondelbahn bis unter den felsigen Gipfelaufbau, von Brannenburg die Zahnradbahn. Oben wartet der Wirt des Wendelstein-Hauses darauf, seine Gäste mit bayerischen Schmankerln zu verköstigen. Bei schönem Wetter drängeln sich die Ausflügler zu Hunderten auf der betonierten Terrasse, von der mehrere Treppen abzweigen – zur Aussichtsplattform »Gacher Blick«, zum Wendelsteinkircherl und zu dem gut gesicherten Steiglein auf den höchsten Punkt.

Ein Kunstprofessor als größter Fan des Wendelsteins

Anders als Gaggl, Hans und Claudia musste der Münchner Kunstprofessor Max Kleiber noch mit eigener Kraft auf den Wendelstein steigen – und war von dem erhabenen Ort so begeistert, dass er zuerst den Bau des Wendelsteinhauses im Jahr 1883 und schließlich den des Wendelsteinkircherls 1889 initiierte. Auch die Schauhöhle in den Gipfelfelsen erschloss er 1882 für die Öffentlichkeit. Sie ist die höchstgelegene Schauhöhle in Deutschland. Bis in eine Tiefe von 170 Metern können Besucher sie eigenständig erkunden. Wer sich einer der »Wendelstein inside«-Führungen anschließt, kann in Begleitung der Höhlenforscher und mit Helm und Stirnlampe ausgerüstet noch tiefer ins Innere des Berges vordringen. Kriechend und kletternd gelangt man so in einen Teil der Höhle, wo Kalkablagerungen kleine Terrassen auf abschüssigen Felsen geschaffen haben und hier und da eine aufgescheuchte Fledermaus flattert. Die Tiere überwintern in den schmalen, dunklen Gängen. Manche Fledermäuse ziehen sich hierher auch zum Sterben zurück. Davon zeugen die feinen, rotbraunen Knöchelchen und winzigen Schädel, die bisweilen auf den Steinsimsen liegen.

Vom Wendelstein ins Weltall

Doch es sind nicht nur Höhlenbewohner, Bergtouristen und Skifahrer, die den markanten Gipfel am Rande der Bayerischen Voralpen zu schätzen wissen. Auch Meteorologen und Astrophysiker haben den Wendelstein inzwischen für sich entdeckt. Die technischen Anlagen haben dazu geführt, dass der Wendelstein im Gipfelbereich »wia a Igel« aussieht, findet Hans Vogt. Der rotweiße Sendemast des Bayerischen Rundfunks überragt die übrigen Stacheln, die als Mobilfunksender oder als Messinstrumente für die Wetterstation dienen. Auf dem betonierten Gipfelplateau ducken sich mehrere weiße Kuppeln. Unter einer davon verbirgt sich seit Neuestem Deutschlands größtes optisches Teleskop: 25 Tonnen bringt es auf die Waage, sein Spiegel hat zwei Meter Durchmesser. Mehr als eine Milliarde Lichtjahre weit kann man damit in den Weltraum schauen.

Eigentlich gelten die Atacama-Wüste und die hohen Berge in Chile sowie Hawaii als die idealen Orte, um den Weltraum zu beobachten. Erstaunlicherweise schneidet der Wendelstein – nahe der Großstadt München und gerade mal 1838 Meter über dem Meeresspiegel – im Vergleich dazu gar nicht mal so schlecht ab. Der Direktor der Sternwarte, Dr. Ulrich Hopp, weiß warum: »Der Wendelstein ist ein sehr spitzer Berg, an dem die Thermik ohne große Störungen vorbeiziehen kann und so die Bildqualität des Teleskops kaum beeinflusst.« Außerdem profitieren die Sternengucker häufig von den Inversions-Wetterlagen, wenn Wolken und Nebel die Lichter der bayerischen Landeshauptstadt bedecken, während oben am Berg klare Sicht herrscht. »Wir haben am Wendelstein durchschnittlich 120 klare Nächte im Jahr«, sagt Hopp. In der Atacama-Wüste seien es 300. »Aber um diese 300 Nächte reißen sich gut 5000 international renommierte Wissenschaftler.«

Um das Teleskop am Wendelstein reißen sich pro Semester nur ein, zwei Dutzend Astronomie- Studenten und deren Professoren aus München. Der Öffentlichkeit sind die Räumlichkeiten der Sternwarte nur im Rahmen von Führungen zugänglich. Seit 1939 beobachten Forscher die Himmelskörper vom Wendelstein aus.

Büro über den Wolken

Der Deutsche Wetterdienst nutzt die exponierte Lage des Wendelsteins bereits seit 1883 für Wetterbeobachtungen. Wenn im Winter Schneewächten den Weg zum Gipfel unmöglich machen, erreicht man die Behausungen der Sternen- und Wetterbeobachter nur über einen Lift im Inneren des Berges. Claudia Hinz, die bei der morgendlichen Fahrt mit der Zahnradbahn dem Gaggl und dem Hans stille Gesellschaft leistete, ist mittlerweile eine von vier Wetterbeobachtern, die am Wendelstein für den Deutschen Wetterdienst arbeiten.1999 kam die Chemnitzerin als Technische Assistentin für Meteorologie zum ersten Mal auf den Wendelstein. »Es war alles tief verschneit, darüber leuchtete ein strahlend blauer Himmel«, erinnert sie sich und gesteht: »Ich hatte mich von Anfang an in diesen Berg verliebt.« Ihr Büro ist sonnendurchflutet, an die Felsen unter den großen Fenstern schwappt lautlos das Nebelmeer. Die ganze Nacht und den darauffolgenden Vormittag wird Claudia in dem Haus auf 1838 Metern Höhe verbringen, währenddessen das Wetter ringsum beobachten und die Messungen jede halbe Stunde an die Regionalzentrale in München weitergeben. Einmal saß sie neun Tage lang auf dem Wendelstein fest, weil ein Wintersturm die Bahnen blockiert hatte.

»Einsamkeit macht mir nichts aus, im Gegenteil – ich genieße das!« Im übrigen ist die Wetterbeobachterin auf ihrem Posten gar nicht so einsam: weniger wegen der zahlreichen Tagestouristen, die sich an schönen Tagen gut hundert Meter unter dem Büro des Wetterdienstes auf den Aussichtsplattformen tummeln. Sondern wegen der vielen Bewohner am Wendelstein. Da gibt es zum einen die Kollegen im Observatorium nebenan, das ebenfalls rund um die Uhr besetzt ist. Und dann gibt es noch Flori, den Fuchs.

Freund Fuchs

Seit Jahren kommt er regelmäßig zu Besuch zur Wetterstation. Ganz nah traut er sich allerdings nur heran, wenn seine Freundin Claudia Dienst hat. »Von den anderen Kollegen hat ihn noch kaum einer zu Gesicht bekommen«, berichtet Hinz. Verborgen warte er meist am Felsvorsprung unter dem Haus, bis sie sich zeige. Die Wetterbeobachterin zeigt amüsante Beweisfotos auf ihrem Computerbildschirm – Flori im Fensterrahmen, Flori direkt vor der Haustür – und stellt nebenbei noch ein paar weitere tierische Freunde vor. Da sind beispielsweise Max und Moritz, die beiden Fledermäuse, die einmal im dunklen Gang zum Büro überwintert haben. Und Charlie eins und zwei, die beiden Bergmäuse. Ein Rotmilan-Pärchen, Mauerläufer, Murmeltiere und unzählige Gämsen. Wetterphänomene wie jüngst den extremen Kälteeinbruch im Februar konnte Hinz mittels Tierbeobachtungen vorhersagen: »Die Gämsen und Murmeltiere haben sich so lange wie möglich Reserven angefressen, anstatt sich zum Winterschlaf zurückzuziehen. Das tun sie normalerweise selbst bei warmen Temperaturen im Dezember nicht.«

Ein Berg als Filmstar

2006 avancierte der Wendelstein zum Filmstar. Zu verdanken hat er das seiner Rolle in »Wer früher stirbt, ist länger tot«. Eine Führung durch den BR-Sender am Gipfel inspirierte den Regisseur Marcus H. Rosenmüller zum Drehbuch. Sein Begleiter, der Bassist der gemeinsamen Band, scherzte, dass man von einem solchen Ort aus das Musik-Video der Band verbreiten müsse; und schon sei man ein Rockstar, quasi unsterblich. Die Idee zur Komödie, die bis über Bayerns Grenzen hinaus die Kinokassen zum Klingeln brachte, war geboren. Hans Vogt von der Wendelsteinbahn erinnert sich noch daran, als er die Dreh-Anfrage mit einer Kurzfassung der Story in Händen hielt. »Erst hab ich mir gedacht: so ein Kaas!« Doch mittlerweile habe sich die Unterstützung der Filmcrew tausendfach rentiert, freut er sich: Kaum eine Wendelstein-Führung, in der nicht die Frage nach den Drehorten zu diesem bayerischen Kultfilm auf komme.

Trotz der Erschließung durch Bergbahnen, trotz der Nutzung seiner exponierten Lage für Sternbeobachter und Wetterdienst, trotz der vielen Touristenattraktionen birgt der Wendelstein mit seinen steilen Felsflanken nach wie vor alpine Gefahren. 1975 erfasste eine Lawine die Schneeschleuder der Zahnradbahn und katapultierte sie über die Felsen in den Abgrund. Fünf Mitarbeiter starben bei dem Unglück. Heute ist die Schneise lawinensicher verbaut. Hans Vogt, der auch Obmann der Lawinenkommission in Brannenburg ist, kennt die Tücken des Wendelsteins nur allzu gut: »Ich behandle den Berg nach wie vor jeden Tag mit Respekt.« Der Berg dankt es ihm.
 
Von Dagmar Steigenberger
Fotos: 
C. Hinz, Bildagentur Huber
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2012. Jetzt abonnieren!
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