Murmeltiere - pelzige Weggefährten am Berg | BERGSTEIGER Magazin
Die Alpenmurmeltiere erwachen aus dem Winterschlaf

Murmeltiere - pelzige Weggefährten am Berg

Murmeltiere sind bewundernswert. Obwohl sie gejagt, gekocht und zu Salbe verarbeitet werden, machen sie das Beste aus ihrer Situation. Einige schlagen sogar mit ihren Waffen zurück.
Von Dominik Prantl
 
Viele Murmeltiere sind zutraulich und scheuen den Menschenkontakt nicht © picture alliance/blickwinke
Viele Murmeltiere sind zutraulich und scheuen den Menschenkontakt nicht
Jetzt, wenn sich die Schneedecke in Wildbäche verwandelt und nicht nur die liebeswütigen Hormone, sondern angeblich sogar ganze Bäume ausschlagen, kommt die Zeit des Alpenmurmeltiers. Selbst Menschen, die sonst für nichts und niemanden Bewunderung oder gar Zuneigung übrig haben, müssen eingestehen: das Marmota marmota bekommt nichts geschenkt. Natürlich geht das den meisten Bergbewohnern so; vom hart schuftenden Almöhi über den um seine Anerkennung rackernden Yeti bis zum unterkühlten Gletscherfloh. Aber während der Almöhi ein alter Grantler ist, der Yeti sowieso nur Messner grüßt und der Gletscherfloh alleine Wissenschaftler interessiert, hat sich das Murmeltier heute zu einem Wahrzeichen der Alpen gemausert.

Auf den ersten Blick wirken sie eher wie Schmuseteddys als Alpinisten: hohe Stirn, kurze Glieder, Kulleraugen, mehr Kindchenschema geht nicht. Wer ein wenig hinter den Kuscheltiercharakter des Murmeltiers blickt, sieht einen grandios unterschätzten Überlebenskünstler, mit dessen Hilfe sich sein Lebensraum zugleich besser verstehen lässt. Wahrscheinlich gibt es von der Verhaltensforschung bis zur Wildtierbiologie kaum einen Zweig in der Wissenschaft, der sich nicht mit dem Murmeltier beschäftigt; es ist ein wandelndes Forschungslabor. Goethe dichtete ihm das Marmottenlied »Ich komme schon durch manches Land«, Beethoven schrieb die Musik dazu. Wie vielen Tieren wurde diese Ehre zuteil?

45 verschiedene Namen für das Alpenmurmeltier

Allein die Namensvielfalt: eine Fundgrube für alpine Sprachforscher! Gerhard Aubrecht listet in seinem Artikel »Allerlei Ergötzliches und Wissenswertes über das Alpenmurmeltier« 45 verschiedene Namen auf, darunter Mistbelleri, Mankei, Munggen, Furmenta, Murmel, Bergmännle. Dabei führt das Bergmännle ein hartes Dasein und ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie man das Beste aus einer echt miserablen Situation machen kann. Pendelt es doch ein Leben lang zwischen dem Hochgenuss der Sommerfrische, Hitzestress und akuter Lebensgefahr durch Steinadler und Winterkälte, die es freilich verpennt. Schon in Conrad Gessners »Thierbuch« aus dem Jahr 1583 heißt es: »Ein gar schläferig thier ist das Murmentle.« Aber auch: »So dise thier mit einandere spilend oder gopend so fürend sy ein geschrey wie die Katzen.«

Bei Walter Arnold, der als Leiter des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien die Murmeltiere gewissermaßen bis in ihren Bau verfolgt hat, hört sich das 432 Jahre später so an: »Es sind Tiere mit einem komplexen Sozialsystem. Das ist in der Anpassung an extreme Lebensräume entstanden.« Das Besondere: Das Murmeltier verbringt die kalte Jahreszeit als einzigartiger Gruppenkuschler im Familienverband.

Doping mit Fettsäuren

Der Adaptionsprozess an eiszeitliche Verhältnisse zieht für Arnolds Berufszweig einige Rätsel nach sich. So fährt das Herz des Murmeltiers während des Winterschlafs auf zwei bis drei Grad herunter. Eigentlich macht das kein Herzmuskel der Welt mit. Der Grund liegt laut Arnold darin, dass Murmeltiere besonders viele Omega-6-Fettsäuren aufnehmen und in die Zellmembran des Herzmuskels einbauen. »Das wirkt wie Doping.« Dazu wartet das Murmeltier noch mit einigen anderen Tricks auf. So werden im halbjährlichen Kühlschrankmodus die inneren Organe wie Darm und Magen teilweise um die Hälfte verkleinert, der Energieverbrauch wird auf drei bis fünf Prozent des mittleren Sommerwertes heruntergefahren. Andere Fragen bleiben, zum Beispiel, was der Klimawandel demnächst mit dem hochgradig spezialisierten Eiszeitrelikt anstellen wird. So berichteten Forscher vor einigen Jahren im Fachblatt Nature, dass die Murmeltiere in Colorado dank der längeren Sommer immer pummeliger wurden. Höhere Temperaturen könnten die wärmeempfindlichen Tiere im Sommer wiederum eher vom Fressen abhalten, heißt es in anderen Studien.

Arnold meint, die Wissenschaft stehe diesbezüglich noch am Anfang. Er selbst vermutet, dass die Tiere den Klimawandel nicht gut verkraften werden. Das wäre schon deshalb jammerschade, weil das Murmeli ein Teil der Kulturgeschichte in den Alpen ist. Wer sein Verhalten deuten konnte, dem diente es als Wetterprophet, es wurde geliebt, gejagt, gekocht. Viele schätzen noch heute das Fleisch, »sofern es gut zubereitet ist«, wie Arnold meint. Das vorm Braten zu lösende Fett half im Laufe der Jahrhunderte unter anderem gegen Koliken, Keuchhusten, Brandwunden, Gicht und Hodenbrüche. Tatsächlich enthält das oft in Touristenshops verkaufte Volksheilmittel Murmeltiersalbe Corticoide. Arnold spricht daher von »einer milden Cortisonsalbe gegen Arthritis und Gelenkschmerzen.«

Auch das Fell fand seine Bestimmung und wurde sogar aus Asien importiert. »Es gibt Spekulationen, dass die Pest im Mittelalter über Murmeltierpelze zu uns kam«, sagt Arnold. Erst im vergangenen Jahr soll ein Murmeltier im Westen Chinas einen Mann, der das tote Tier gefunden, mitgenommen und an seinen Hund verfüttert hatte, mit der Lungenpest infiziert haben. Ein ganzes Stadtviertel wurde daraufhin unter Quarantäne gestellt. Zu lesen war: »Und tödlich grüßt das Murmeltier.« Überhaupt grüßten die Nager, die auch schon so manche Stolperfalle für Almrinder gegraben haben, zuletzt recht fleißig von den Web- und Zeitungsseiten. Erst vor wenigen Monaten begeisterte der kleine Jimmy in Sun Prairie, Wisconsin. Als er auf einer der volksfestartigen Veranstaltungen, dem zum kulturellen Ereignis hochgejazzten »Groundhog Day« am 2. Februar, das Wetter der kommenden Wochen prognostizieren sollte, biss Jimmy den Bürgermeister ins Ohr. Zu lesen war: »Das Murmeltier schlägt zurück.« Abgesehen von der Frage, wie wohl ein Bürgermeister reagieren würde, wenn er in der Nacht künftige Haushaltfragen beantworten müsste, zeigt das wieder eines: Traue nie einem haarigen Wesen der Berge, selbst wenn es so viel herziger aussehen mag als Almöhi, Yeti und Gletscherfloh.

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Fotos: 
Picture Alliance / Westend61 (2) / blickwinkel (3) / Arco Images (3)
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2015. Jetzt abonnieren!
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