Tita Piaz - Legenden der Totenkirchl-Westwand | BERGSTEIGER Magazin
Fragwürdigkeiten des Alpinismus

Tita Piaz - Legenden der Totenkirchl-Westwand

Giovanni Battista (»Tita«) Piaz war die treibende Kraft bei der Realisierung der ersten Route durch die Totenkirchl-Westwand. Um diese Durchsteigung ranken sich etliche Legenden. Vermutlich lief sie so ab, wie es Piaz selbst berichtet hat. Außerdem soll zusätzlich etwas Licht auf die schillernde Persönlichkeit des großen Dolomitenführers geworfen werden.
 
Fragwürdigkeiten im Alpinismus Teil 5 © BERGSTEIGER
Tita Piaz und die Totenkirchl-Westwand
Leuchs, damals der unbestritten beste Kaiserkenner (von 200 bekannten Klettertouren beging er 192 selber), hat nicht nur die Mitterkaiser-Nordschlucht versucht (sie sollte Jahre später Paul Preuß vorbehalten bleiben), sondern auch einen Kamin am Totenkirchl mit einer Schlüsselstelle im V. Grad durchstiegen. Und doch zählt er noch zur »alten Schule«; ein hervorragender Kletterer, ein wagemutiger Alleingänger – aber von einer Totenkirchl-Westwand im Wilden Kaiser etwa würde er die Finger lassen.

Nicht so der neunzehnjährige Rudolf Schietzold, Sohn eines sächsischen Kunstmalers. Im Sommer 1907 klettert er frei durch den Christ-Fick-Kamin des Kirchls ab, das ist schon was (heutzutage oberer IV. Grad). Die herrliche Westwand des Totenkirchls hat es ihm angetan, und um sie optimal einsehen zu können, steigt Schietzold auf die Kleine Halt. Er klettert dort das Leuchs’sche Ostwandband runter und hat von da aus die Aufgabe direkt gegenüber, prägt sich die vermutlich entscheidenden Stellen ein. Nein, im zentralen Wandteil fände sich auch kein »Weg« für Rudolf Schietzold. Doch ein gutes Stück weiter links verheißt die Wand mehr Gliederung. Dort müsste vielleicht was gehen…

Totenkirchl-Westwand: im Aufstieg absolut unmöglich?

Gesagt, getan. Schietzold probiert es, er hat wirklich Schneid und ist sich seines Kletterkönnens, das er sich durch Tita Piaz angeeignet hat, bewusst. Am 11. September 1907 steigt er etwa 150 Meter hoch, quert bis unter das heutige »Piazwandl«, erkennt, dass er dort solo keine Chance hat, steigt zurück und versucht, in den »Schrammkamin« (der erst 1912 durchstiegen werden sollte) hineinzukommen. Er schlägt zwei Haken für eine wenigstens moralische Sicherung, aber vergebens. Schietzold gelangt nicht in den überhängenden Spalt. Zwei Tage später erkundet er von oben, von der Zweiten Terrasse aus. Er seilt ab (mit dem Zwei-Schenkel-Kletterschluss), klettert ab, schlägt vor der vom Ostwandband der Kleinen Halt ausgemachten Querung einmal mehr Haken zur Selbstsicherung und traversiert – wobei sich ein Graspolster löst, an dem er sich hochzudrücken gedenkt – bis oberhalb des späteren »Schrammkamins«; klettert darin hinunter, bis ihn nur noch ein Absatz von seinen zwei Tage vorher gesetzten Haken trennt.

Schietzold seilt sich ab und probiert die Stelle (das ist schon sehr modern; Dülfer sollte es sechs Jahre später an der »Direkten« ähnlich machen), sieht aber keine Möglichkeit. »Zwei entscheidende Mauerhaken nur aus meinem sicheren Klettersitz jetzt leicht eingetrieben, würden den Aufstieg klar ergeben haben; aber sie wären kein Ergebnis, so wenig wie eine Turnspielerei die vier Meter an einem jetzt festgehängten Seil etwa morgen empor: es wäre billig und leicht gewesen, der Verzicht war schwerer.« Donnerwetter, das könnte man schon als verdammt sportliche Gesinnung bezeichnen, lieber Schietzold! Sein Fazit: »Im Aufstieg ist die Wand absolut unmöglich!«

Piaz lässt sich überreden

1908 verdingt sich Rudolf Schietzold – laut Fritz Schmitt eine »Träumerseele« – als Bergführer beim berühmten Giovanni Battista (»Tita«) Piaz aus Pera im Fassatal und erzählt dem »Teufel der Dolomiten« von seinen Versuchen an der Kirchl-Westwand. Piaz ist damals der vermutlich beste Kletterer alpenweit, und Schietzold versucht, ihn für die Wand zu erwärmen. »Er brachte alle erdenklichen Argumente vor, wandte die ganze Überzeugungskraft eines Asketen an, beteuerte, dass sich der Versuch bestimmt lohne, ja der Sieg gewiss sei, wenn Piaz sich nur auf den Weg machen wolle.

Es sei, erklärte er, einfach meine Pflicht, diese teuflische Wand zu bezwingen, sie sei das Wegegeld, das ich der Zukunft meines Namens schulde. (…) Kurz und gut – ich ließ mich überreden. (…) Eifersucht gehörte nie zu meinen Hauptfehlern, und so forderte ich außer Schietzold noch zwei andere derzeitige Berühmtheiten zur Teilnahme an dem glorreichen Wagnis auf: (Josef) Klammer und Franz Schroffenegger.

Frauenkloster oder Barfüßerorden?

Am 11. Oktober 1908 macht sich Piaz – Schroffenegger auf dem Sozius – mit dem Motorrad auf die Reise nach Kufstein. (Bezüglich dieses Datums gibt es eine kaum klärbare Ungereimtheit. Laut AV-Führer Kaisergebirge, 10. Auflage 1978, hatten Piaz und Schroffenegger ihren »Piazkamin« am Totenkirchl (V/A0) am 8. Oktober 1908 erstdurchstiegen. Es ist kaum anzunehmen, dass sie danach wieder die weite Strecke nach Hause fuhren. (Wahrscheinlich hat sich Piaz mit dem Abreisedatum geirrt, Anm. d. V.) Sie überfahren dabei einen Hund und zwei Hühner, außerdem werden sie beinahe von Jenbacher Bauern verprügelt, weil sie in zwei Ochsen hineinsausen, die einen Karren mit Kohlköpfen ziehen.

In Kufstein begrüßen Anton Karg, der Erste Vorsitzende der D.Ö.A.V.-Sektion Kufstein, und »Kaiserpapst« Franz Nieberl die Dolomitenführer. Piaz lädt auch ihn zur Durchsteigung ein, doch Nieberl hat Dienst beim Zoll abzuleisten. Am 13. Oktober 1908 steht das Quartett vor der Wand. Schietzold erklärt den Verlauf seiner Abstiegs-/Abseilroute und Piaz prüft mit dem Feldstecher die Einzelheiten der Wand. »Er rief: ›Die Wand ist zu machen! Wenn nicht, geh’ ich in ein Kloster – aber in ein Frauenkloster!‹« So lässt es Fritz Schmitt in »Das Buch vom Wilden Kaiser« sogar noch in der Ausgabe von 1982 stehen und es ist jedes Mal ein Brüller, wenn man das bei einem Vortrag zitiert. Aber sogar ein Fritz Schmitt hat sich da geirrt. Piaz sagte nämlich folgendes: »Seht ihr dort oben rechts die kleine Felsmauer mit einem kaum merklichen Einschnitt nach links zu? Also da müssen wir hinüber. Wenn wir nicht genau an der Stelle dort hinüberkommen, dann trete ich in den Barfüßerorden ein, das verspreche ich euch!«

Doch keine Saugnäpfe…

Nun, dies bleibt ihm erspart. Tita Piaz schafft jene Schlüsselstelle (das »Piazwandl«), die er bereits vom Hohen Winkel aus fixiert hatte, in freier Kletterei. Die wahrscheinlich erste glatte VIer-Stelle, die in den Alpen gemeistert wurde. »Dort oben wurde mir eines der schmeichelhaftesten Komplimente meiner ganzen Laufbahn zuteil, eine Anerkennung, die sich von dem Wust all der mehr oder minder läppischen, mehr oder weniger aufrichtigen Lobsprüche dadurch unterschied, dass sie von wirklich kompetenter Seite kam, nämlich von Klammer, einem Alpinisten allerersten Ranges. Ich durfte also mit Recht stolz darauf sein. Wie ich nach einer Stunde reichlich harter Arbeit die widerspenstige Wand endlich überwunden hatte und nun Klammer als zweiten heraufkommen ließ, bat er mich, kaum neben mir angelangt, ihm meine Hände zu zeigen. ›Ah’, sagte er. ‚Ich dachte, du hättest Saugnäpfe an den Fingern.‹«

Piaz fliegt von der Lehrerbildungsanstalt

Lassen Sie mich noch ein paar Zeilen über Tita Piaz verlieren, der zu meinen ganz persönlichen Lieblingsfiguren der Alpinismusgeschichte gehört. Von der Bozner Lehrerbildungsanstalt wird er ausgeschlossen – nicht unbedingt, weil er eine »Kneiperei« für sich und seine Mitstudierenden veranstaltet, nach der am anderen Morgen noch die Hälfte der Teilnehmer unter den Tischen liegt, sondern weil er die Namen seiner Zechkumpane nicht preis gibt. Nach zweijährigem Militärdienst heiratet er seine Verlobte Marietta, die Wirtin der Vajolethütte. Für den Lebensunterhalt sorgt er als illegaler Bergführer. Endlich, nach etlichen Geldstrafen wegen unerlaubter Berufsausübung, bemüht er sich um den Bergführerausweis.

Für den Freidenker Piaz eine Niederlage. Doch auch als »Autorisierter« klettert er verwegen wie eh und je. Die Ersteigung der (von Piaz so benannten) Guglia Edmondo De Amicis in der Cristallogruppe im Jahr 1906 erregt Aufsehen, da sie durch Seilwurf geschieht. »Gute vier Stunden lang warf ich (vom Torre di Misurina aus; Anm. d. V.) zu den Klängen sämtlicher internationaler Flüche unzählige, mit vielen Metern Spagat umwi­ckelte Bleikugeln gegen die widerspenstige Bergspitze, bis es mir gelang, die richtige Stelle zu treffen und eine kaum erkennbare Brücke herzustellen.« Ein Besteigungstrick, der der Kritik nicht entbehrt. Hans Dülfer erklettert die Guglia 1913 sportlich fair, was Piaz fast als persönliche Kränkung empfinden sollte, nicht zuletzt deshalb, weil der Rheinländer zu seinen engsten Freunden zählt.

Der Hund namens »Satan«

Trotz alledem: Nach diesem Handstreich bekreuzigen sich die frommen Frauen, wenn sie Tita zu Gesicht bekommen. Es heißt, er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, und nach und nach festigt sich der Begriff »Teufel der Dolomiten«. Tatsächlich haben nicht wenige Menschen Angst vor ihm, doch sieht er den Grund dafür in seinem nicht allzu vorteilhaften Aussehen, seinem Hund namens »Satan«(!), der vorzugsweise Polizisten beißt, und der Tatsache, dass er im Grunde seines Herzens Anarchist ist. Im von Paul Preuß 1911 entfachten »Mauerhakenstreit« nimmt Tita Piaz, als Familienvater und Bergführer, eine klare Gegenposition zu Preuß’ puristischen Freikletterregeln ein. Dies tut der Freundschaft der beiden keinen Abbruch. Piaz ist ein glühender Bewunderer der Kletterkunst von Paul Preuß, er sollte später – Preuß stürzt bekanntlich 1913 am Nördlichen Manndlkogel im Gosaukamm tödlich ab – neben der Vajolethütte zu Ehren und zur Erinnerung an den Altausseer das kleine Preußhüttchen errichten.

Theaterspieler, Bergrettungsmann, Bürgermeister

Piaz ist selbstbewusst, laut, eitel, aber auch großherzig und verzeihend. Er besitzt etliche Talente, die er mit Leidenschaft auslebt. Nach Ende der Saison geht er auf die Jagd, doch da ihm dies allein als zu wenig erscheint, versucht er es mit Theaterspielen, das er schon in Kindheitstagen ausführte. Er gründet in Pera ein Laientheater, dessen Aufführungen viel besucht werden. Hernach wird nächtelang durchgefeiert. Als er auch Frauen ins Ensemble einbringt, ist dies zu jener Zeit Grund für einen handfesten Skandal. Das Publikum bleibt, bei den sonntäglichen Messen von den Pfarrern dazu angehalten, den Aufführungen fern und Tita ist wieder einmal der Antichrist. – Auch als Bergrettungsmann wird der überaus intelligente, belesene, ironische und vor allem selbstironische Giovanni Battista Piaz legendär. Ihm ist es zu danken, dass es seit 1955 eine offizielle Rettungsorganisation in den italienischen Alpen gibt.

Zu Piaz’ internationalen Gästen als Bergführer gehören u. a. Guido Rey, Alberto Bonacossa und Prinz Umberto von Savoyen. Als politisch links stehend leidet er sowohl unter den Habsburgern als auch den Faschisten. Den Ersten Weltkrieg übersteht er in Strafkompanien an der Ostfront, im Zweiten Weltkrieg wird er zum Tode verurteilt und wartet Monate lang auf seine Hinrichtung. Nach seiner Befreiung wird er Bürgermeister des Fassatals. Bei den Besatzungsmächten erwirkt er die Freilassung seiner einstigen Gegner. Er, der selten in die Kirche geht, aber auf den Friedhöfen Zwiesprache mit Verstorbenen liebt, arbeitet Seite an Seite mit den Pfarrherren gegen die Armut so mancher Talbewohner. Helfen ist für Tita Piaz eine menschliche Selbstverständlichkeit. Am 5. August 1948 verunglückt er, vom Pfarrhof kommend, mit seinem Fahrrad tödlich. Damit verliert die engere und weitere Umgebung des Fassatals einen Freund und eine legendäre Figur. Als Bergsteiger und Bergführer gilt er als eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der Alpinismusgeschichte. Piaz wurde 68 Jahre alt.
Text: Horst Höfler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2009. Jetzt abonnieren!
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