Gastbeitrag von Thomas Huber: »Jeder hoffte auf ein Wunder« | BERGSTEIGER Magazin
Thomas Huber berichtet aus dem Karakorum

Gastbeitrag von Thomas Huber: »Jeder hoffte auf ein Wunder«

Sechs Wochen nach seinem schweren Unfall wollte Thomas Huber die Latok I-Nordwand erstbesteigen. Dann aber verschwanden zwei befreundete Bergsteiger in direkter Nähe.
 
Der Ogre II sollte der Vorbereitung auf den Latok I dienen. © Thomas Huber
Der Ogre II sollte der Vorbereitung auf den Latok I dienen.
Mein Weg zurück zu diesem Ort ist aufregend. Ich gehe ihn alleine. Ich quere den abschüssigen Steig zur Brendelwand. Ich habe Herzklopfen, kehre ich doch dorthin zurück, wo ich drei Monate zuvor 16 Meter tief gestürzt war. Ich atme tief durch, biege ums Eck und dann stehe ich da. Ein kraftvoller Moment! Ich spüre die Energie, die mich überleben ließ, setze mich an den Ort, wo ich gelandet war. Auch das zu kurze Seil hängt noch in der Wand und ich begreife, dass es mehr als ein unermessliches Glück war. Ich habe diesen Sturz überleben dürfen, das erfüllt mich mit einem unbeschreiblichen Gefühl der Dankbarkeit! Die vergangenen drei Monate haben mein Leben nachhaltig geprägt...

Gut sechs Wochen nach dem Unfall

Voller Energie und Euphorie wanderte ich mit Toni Gutsch, Sebi Brutscher, Max Reichel und den Amerikanern Jim Donini, George Lowe und Thom Engelbach durch das Panmah Valley Richtung Choktio. Für mich ist das Choktio das Stonehenge der Bergsteigerei, ein Ort voller Energie und Geheimnisse. Ein Ort, der Abenteuer verspricht, umringt von den wildesten Bergen der Welt. Nach vier Tagen erreichten wir am 23. August das Basislager auf 4400 Metern, vor uns die unbeschreibliche Bergkulisse der Latokgruppe.

Es war schön, wieder da zu sein, mein Zelt stand auf dem selben Platz wie im Jahr zuvor. Am nächsten Tag kam Gafour vorbei, der Guide von Kyle Dempster und Scott Adamson, die ihr Basislager weiter taleinwärts errichtet hatten und gerade am Ogre II unterwegs waren. Er habe gestern Abend noch ein Lichtzeichen weit oben in der Nordwand gesehen und sie könnten heute den Gipfel erreichen. Aber das Wetter war nicht optimal, der Berg war in dicke Wolken gehüllt und es schien sehr windig zu sein. Vielleicht haben Sie Glück. Und wenn nicht, werden Sie sicher abseilen.

Wir gaben Gafour ein Funkgerät mit und ich freute mich, bald von Kyle und Scott zu hören. Ich hatte die Jungs im letzten Jahr kennengelernt: zwei Vollblutalpinisten, humorvoll und entschlossen. Als sie von meinen Unfall gehört hatten, schrieben sie mir gleich, dass ich so schnell als möglich gesund werden solle und wir uns auf jeden Fall im August im Choktio sehen sollten. In den nächsten Tagen verschlechterte sich das Wetter, es schneite immer wieder und von Kyle und Scott gab es keine Nachricht.


Von Dempster und Adamson fehlt jede Spur. Thomas Huber und seine Begleiter fanden nur ihre Ski.

Nach vier Tagen machten wir uns langsam Sorgen. Nach sechs Tagen gab es den ersten Kontakt mit ihren Familien und Freunden in Amerika. Dann gingen wir Richtung Ogre II. Am Eisfall, einem wilden Gletscherbruch vor der Nordwand, fanden wir ihre Ski, sonst fehlte jede Spur. In der Nacht begann es, wieder heftig zu schneien und wir sahen keine Möglichkeit, bei diesen Bedingungen durch den Eisfall zu steigen. Wir kehrten zurück ins Basislager und uns wurde bewusst, dass wir auch mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Von Amerika aus wurde nun alles für eine Rettungsaktion organisiert, über Facebook kamen 190 000 US Dollar zusammen.

Jeder hoffte auf ein Wunder. So ein Wunder hatte es in diesen Bergen schon zweimal gegeben: 1977, als Doug Scott sich auf 7100 Meter am Ogre beide Beine brach und es auf Knien bei schlechtem Wetter nach zehn Tagen ins Basislager schaffte und überlebte. Und 1978, als Jim Donini, Michael Kennedy, Jeff und George Lowe nach drei Wochen und mehreren Schlechtwetterphasen am Latok I aufgegeben wurden und dennoch nach 26 Tagen von der Northridge zurückkamen.

Am 3. September, zehn Tage nach dem letzten Lebenszeichen, herrschte endlich Flugwetter! Das pakistanische Militär kam mit zwei Hubschraubern ins Choktio. Da ich die Gegend kenne, flog ich mit. Wir kreisten eine Stunde um den Berg, stiegen bis auf eine Höhe von 7200 Metern. Mehrmals flogen wir ihre Route an der Nordwand ab, ihre Abstiegsoption an der North West Ridge, Gletscherspalten, Täler, Flanken. Am Ende stand die Erkenntnis, dass es kein drittes Wunder in der Latokgruppe geben wird.

Von Scott und Kyle fehlte jede Spur. Diese Nachricht zu vermitteln und ihren Familien und Freunden die Hoffnung auf das Überleben zu nehmen, war hart. Ich spürte ihren Schmerz, ich wollte helfen und war gleichzeitig hilflos. Am Ende bleibt für diejenigen, die zurückbleiben, nur die Ohnmacht.


Bis auf eine Höhe von 7200 Metern flog der Helikopter bei der Suche.

Nach dem Ogre II soll es losgehen

Toni, Sebi und ich fassten nun den Plan, über die North West Ridge den Ogre II zu besteigen, um besser für die Nordwand des Latok I vorbereitet zu sein und vielleicht Antworten über den Verbleib der Amerikaner zu bekommen. Wir kamen bis auf 6200 Meter, das letzte Lager vor dem Gipfel. Frühmorgens zwang uns eine unerwartete Schlechtwetterfront zum Rückzug. Das Plateau wurde bei diesem Schneefall zur Mausefalle, Lawinen drohten, unseren Rückweg abzuschneiden.

Mit viel Glück schafften wir es zurück zum Gletscher. Gott sei Dank! Die Frage nach dem Schicksal der Amerikaner blieb nach wie vor unbeantwortet. Unserem Kameramann Max ging es nicht gut. Er brach die Expedition ab: die einzig richtige Entscheidung. Bei endlich gutem Wetter verabschiedete sich Max vom Choktio. Ich ging mit ihm die erste Tagesetappe zurück in die Zivilisation. Während ich meinen Freund begleitete, wollten Sebi und Toni die Wand beobachten. Unser Plan: Wenn ich zurück bin, werden wir in den unteren Wandteil einsteigen und sehen, wie sich der Latok I anfühlt! Nach 40 Kilometern und 1000 Höhenmetern fühlte sich Max wieder besser und hatte die kritische Phase überwunden.

Er ging mit Trägern weiter und ich kehrte zurück ins Basislager. Max in Sicherheit zu wissen, hieß nunmehr die Freiheit, nur noch ans Bergsteigen denken zu dürfen, an die Herausforderung Latok I-Nordwand!

Expedition findet ein jähes Ende

Mein Team sah das aber anders: Toni hatte ein schlechtes Gefühl und glaubte an keinen Erfolg: zu viel Schnee, zu kalt, zu gefährlich. Den selben Standpunkt vertrat Sebi. Sie wollten die Expedition abbrechen. Ich konnte nicht glauben, was sie mir sagten. Ich war fest überzeugt, dass wir morgen losziehen werden, den ersten Kontakt mit der Wand aufnehmen und einsteigen. Stattdessen bekam ich ein eindeutiges Nein. Ich war enttäuscht und traurig und wollte es nicht verstehen, noch dazu, weil der Wetterbericht eine gute Prognose für mehrere Tage gegeben hatte.

Schon im letzten Jahr hatten wir im Basislager zu viel diskutiert, so dass am Ende die Angst vor dem Gipfel größer war als der Mut loszugehen. Schließlich akzeptierte ich ihre Haltung. Wie im letzten Jahr endete die Expedition, ohne jemals am Latok I geklettert zu haben.

Ich habe schon bessere Tage erlebt, als diese. Und dennoch habe ich Gutes mit nach Hause genommen: Ich bin nach meinem Unfall wieder zu 100 Prozent gesund. Max schaffte es gerade noch rechtzeitig in die Zivilisation zurück. Wir haben alles versucht, um Kyle und Scott zu finden. Und ich glaube, nicht zum letzten Mal im Choktio gewesen zu sein. Es war ein wilder Sommer.


Für Thomas Huber ist das Choktio das Stonehenge des Bergsteigens.

Ich erlebte in diesen drei Monaten alles, was das Leben zu bieten hat: Die Auseinandersetzung mit dem Tod, die Energie des Lebens und Überlebens, Liebe, Hoffnung, Trauer, Leid, Enttäuschung, Wut, aber auch Freude, Freundschaft und die Kraft der Gemeinschaft. Und etwas, was mich immer begleitet: die Sehnsucht. Jetzt gehe ich meinen Weg weiter, ich will klettern!
 
Thomas Huber
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2017. Jetzt abonnieren!
Tags: 
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren