Norwegen: Wanderungen vom Hurtigruten-Postschiff | BERGSTEIGER Magazin

Norwegen: Wanderungen vom Hurtigruten-Postschiff

Norweger sind bekannt für ihre Leidenschaft, draußen zu sein. Um dieses Lebensgefühl des »Friluftsliv« an ihre Gäste weiterzugeben, hat Hurtigruten ein Expeditionsprogramm für die klassische Postschiffreise entwickelt – mit Wanderungen direkt von Bord.
 
Die MS Nordlys im Hjorundfjord © Ørjan Bertelsen
Die MS Nordlys im Hjorundfjord
Da stehe ich also, im winzigen aber zauberhaft schönen Örtchen Urke, am Ufer des Hjørundfjords in Norwegen. 33 Kilometer schiebt sich der Atlantik hier in das Festland und die Sunnmøre-Alpen hinein. Ich trage Jeans, Daunenjacke und Sneakers. Gleich soll ich zu einer Wanderung auf eine kleine Hütte hoch über dem Fjord aufbrechen. Selten habe ich mich vor einer Wanderung so unwohl gefühlt. Neben Berrit, unserem Guide, und anderen Gästen – natürlich alle mit Wanderstiefeln und Funktionsjacken ausgerüstet – komme ich mir vor wie ein Flip-Flop-Tourist, der gleich von der Zugspitz-Bergstation zum Gipfel spazieren möchte.

Am Vorabend hatte ich in Bergen die MS Nordlys, ein Schiff der traditionellen norwegischen Postschifflinie Hurtigruten, bestiegen, um mit ihr sieben Tage lang die norwegische Westküste zu erkunden: vom Meer aus und auf Wandertouren direkt von den Häfen. Allerdings spielte die Fluggesellschaft nicht ganz mit und vergaß mein Gepäck beim Zwischenstopp in Amsterdam. Das Versprechen, es am nächsten Tag nachzuliefern, halte ich auf einem Schiff, das alle paar Stunden in einem anderen Hafen liegt, zumindest für ambitioniert.

Ob mit angemessener Kleidung oder ohne – wir steigen durch einen herrlich bunten Herbstwald zu einem Hochplateau. Es liegt direkt auf einer Landzunge und eröffnet so auf zwei Seiten beeindruckende Tief blicke in den Fjord. Berrit führt uns zu einer verlassenen Bärenhöhle und macht uns die umliegenden Ziele schmackhaft: den Aussichtsgipfel Saksa, dahinter den Råna oder doch die Slogen-Überschreitung; hier könnte man es länger aushalten. Allerdings pfeift der Herbstwind ganz schön über die in verschiedenen Brauntönen gefärbten Bäumen und unsere Köpfe hinweg.

Wir gehen noch ein Stück und machen es uns in einem kleinen Unterstand gemütlich. Bei Tee und Schokolade lassen wir den Blick schweifen. Am Fuße der steilen, oben schon leicht schneebedeckten Gipfel liegt die MS Nordlys im spiegelglatten Wasser vor Anker – unser schwimmendes Basislager für die nächsten Tage.


Vom Berg aufs Schiff: Rückkehr nach einer Wanderung im Hafen von Vardø

Norwegisches »Friluftsliv«

»Bei Wind und Wetter draußen zu sein, ist typisch norwegisch. Besonders gerne gehen wir wandern«, sagt Kari Moe Sundli am Abend bei einer kleinen Vorstellungsrunde auf dem Schiff. Kari ist die Expeditionsleiterin an Bord der MS Nordlys. Die begeisterte Outdoor-Sportlerin arbeitet zwar schon seit 14 Jahren bei Hurtigruten, in dieser Funktion aber erst seit Anfang 2016. Damals beschloss die Reederei, das Programm auf ihrer klassischen Postschiffroute als »Expeditionsreise« zu gestalten – zunächst testweise auf drei Schiffen.

Das Expeditionsteam besteht dabei neben dem Leiter und seinem Stellvertreter aus einem Kulturexperten und einem Naturwissenschaftler. An Bord kümmern sie sich um die Organisation der Landausflüge, informieren auf dem Außendeck und bei Vorträgen über die Natur, Kultur und Sehenswürdigkeiten der Region und begleiten Gäste bei den Wanderungen. »In der Natur aktiv zu sein, ist Teil unserer Identität. Und das möchten wir auch unseren Gästen vermitteln«, sagt Kari.

Am nächsten Tag läuft die MS Nordlys durch den breiten Trondheimfjord in die alte Königsstadt Trondheim ein. Während die meisten Gäste den berühmten Nidaros-Dom besichtigen, starten wir zur nächsten Wanderung. Durch subarktischen Regenwald geht es zu einem Aussichtspunkt oberhalb des Fjords.

Unterwegs zeigt uns Christoph Hupe, wo wir die letzten Blau- und Krähenbeeren des Jahres finden. Der deutsche Weltenbummler unterstützt das Expeditionsteam als Naturexperte. »Die ersten Reisen mit den Wander-Angeboten waren auch für uns ein Test«, sagt er. »Die Touren müssen gleichzeitig zu unseren Gästen und dem Zeitbudget in den Häfen passen.« Der Test war erfolgreich. Ab 2017 wird das Expeditionsprogramm auf alle Schiffe der Route ausgeweitet.

Magische Lichter

Die Nordlys überquert am nächsten Morgen den Nordpolarkreis. Nach der traditionellen Polarkreistaufe mit Eiswasser und Hochprozentigem an Deck gibt es in Bodø wieder Natur in Reinform. Mit einem Schlauchboot schippern wir zum Saltstraumen, dem stärksten Gezeitenstrom der Erde.

Die Kraft des Wassers, das beim Ausströmen aus dem Fjord gewaltig rauschende Strudel erzeugt, ist beeindruckend. Noch beeindruckender ist allerdings das Ambiente. Auf der Fahrt zum Fjord begleiten uns Seeadler und der freie Blick auf die zerklüfteten Berggipfel des Saltfjellet. Die magische Kombination aus Bergen und Meer, hier wird sie perfekte Realität. Und ebenfalls magisch ist, was in der folgenden Nacht am Himmel über der Nordlys passiert.


Einzigartiges Schauspiel: Die Chance, Polarlichter zu sehen, ist im nördlichen Teil der Hurtigruten-Reise besonders hoch.

Während das Schiff fast lautlos durch den Raftsund gleitet, ereignet sich dort oben ein Schauspiel, auf das viele Gäste schon sehnsüchtig gewartet hatten: Die Polarlichter erscheinen, nein sie tanzen und flackern, sekündlich ihre Form ändernd, erst weißlich, dann in allen erdenklichen Grüntönen über die Berggipfel und das offene Meer.

Ein Naturschauspiel, das uns die nächsten Abende regelmäßig begleiten wird. Auch in Tromsø, dem »Tor zur Arktis«, sind sie zu sehen. Zuvor müssen wir sie uns allerdings erst verdienen. Vom Fløyfjellet, dem 420 Meter hohen Hausberg der Stadt, steigen wir auf den Bønntuva. Obwohl ein eisiger Wind weht, ist für die Einwohner immer noch milder Herbst.


Farbenspiel: Während sich der Norden schon auf Winter eingestellt hat, zeigt sich der Süden noch im bunten Herbstlook.

»Normalerweise haben wir zu dieser Zeit schon viel Schnee«, sagt Felix, unser Guide. Zurück in der Stadt empfiehlt er uns noch einen Besuch in der Bierhalle Ølhallen, wo sich einst Arktisfahrer Mut antranken. Doch der muss aufs nächste Mal verschoben werden. Wir kehren zurück aufs Schiff, den Nordlichtern hinterher. Am vorletzten Tag der Reise haben wir das Nordkap erreicht. Die MS Nordlys fährt ab hier bis Kirkenes nur noch Richtung Osten. Vom Hafen in Honningsvåg zieht es die meisten zur berühmten Klippe mit dem Globus als Wahrzeichen. Doch wir schließen unsere Reise mit einer letzten Wanderung ab.

Auf der ausgesetzten Hochebene, die wir erreichen, grasen sonst riesige Rentierherden. Doch diese sind vor dem Winter schon ins Landesinnere gezogen. Morgen werde ich es ihnen gleichtun. Denn in Kirkenes nahe der russischen Grenze wendet die MS Nordlys und kehrt nach Bergen zurück. Ich nehme den Luftweg – diesmal hoffentlich mit Gepäck.
 
Stefan Moll
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2017. Jetzt abonnieren!
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