Das große Bergsteiger-Interview

»Danke, dass wir streiten dürfen«

Schon vor mehr als 30 Jahren machten sie sich als Kinder unter der Regie ihres Vaters mit Fels und Eis vertraut, heute sind sie als Kletterseilschaft Kult: die Huberbuam. Im BERGSTEIGER-Interview sprechen Alexander und Thomas Huber vom Umgang mit dem Älterwerden, wie sie sich gegenseitig auf die Nerven gehen und über die Dankbarkeit dafür, eine schwere Krankheit überstanden zu haben.
 
Das große Bergsteiger-Interview mit Alexander und Thomas Huber © Thomas Huber senior
Das große Bergsteiger-Interview mit Alexander und Thomas Huber
BERGSTEIGER: Sie wohnen ja in einer unverschämt schönen Gegend hier! Können Sie als Weltreisende die Berchtesgadener Berge, Ihre Heimat, noch wirklich genießen?
Alexander: Es gilt bei uns schon das Sprichwort: In der Welt unterwegs und in Bayern zuhause. Und der Chiemgau, wo wir aufgewachsen sind, und die Berchtesgadener Berge, wo wir heute leben, sind die Orte, an denen wir wirklich zuhause sind.
Thomas: Ich war gestern erst wieder auf Skitour. Und jeden Tag denk’ ich mir wieder, wie schön es ist, hier leben zu dürfen. Wir sind ja in Palling aufgewachsen und waren dadurch relativ weit weg von den Bergen. Damals war mein größter Traum: ein Boulderblock im Garten.

BERGSTEIGER: Und?
Thomas: Ich habe mir heute den Traum erfüllen können, fast! Zumindest muss ich nur fünf Minuten mit dem Auto fahren und bin am perfekten Boulderblock.

BERGSTEIGER: Hat sich Ihre Heimatverbundenheit durch Ihre vielen Reisen verändert? 
Alexander: Verändert hat sich durch die Reisen nicht unbedingt die Verbundenheit, die ja immer schon da war, sondern einfach die Sichtweise. Und ja, nach den Reisen ins Yosemite, in den Himalaya oder nach Patagonien sieht man die Hausberge anders. Die Berchtesgadener Berge und der Wilde Kaiser, wo wir unsere ersten Kletter- und Skitouren gemacht haben, sind aber unsere alpine Heimat geblieben. Wir bewahren damit das Erbe unseres Vaters, denn diese Berge hat er uns im Leben mitgegeben.
Thomas: Aber es sind nicht nur die Berge, sondern es ist das Gefühl von Heimat, zu wissen, wo man hingehört. Obwohl wir nach außen hin betrachtet sehr verrückt erscheinen – wir lassen uns immer wilde Projekte einfallen, Alexander manchmal ohne Seil, ich springe hin und wieder mit dem Fallschirm vom Berg oder singe in einer Rockband – so empfinde ich mich im »normalen Leben« als eher konservativ. Ich brauche diesen Gegenpol als Erdung, dieses Bewahren von Werten und die heimatlichen Traditionen. So war ich vor etlichen Jahren im Fasching beim Kramperllauf in Berchtesgaden dabei und bin heute aktiver Weihnachtsschütz im heimatlichen Verein – und mir taugt des einfach…
Alexander: …wobei das auch mit dem Älterwerden zu tun hat. Mit 20 hätten wir für die ganzen Traditionen, die unsere Region und Bayern hat, gar keine Zeit gehabt. Da gab’s für uns eben vor allem eines: die senkrechte Welt des Kletterns.
Thomas: Wobei Berchtesgaden im Gegensatz zu Palling eben andere Traditionen pflegt, die für eine Jugend attraktiv sind: Fast jeder Jugendliche ist beim Kramperllaufen oder ist ein Schütz. Wären wir hier aufgewachsen, wären wir von Anfang an mit dabei gewesen.

BERGSTEIGER: Alexander, ist Thomas aus Ihrer Sicht der Konservativere von Ihnen beiden?
Alexander: Keine Ahnung. Was ist denn bitte genau konservativ? Wenn Thomas sich als konservativ einschätzt, dann heißt das ja nicht, dass ihn alle anderen auch als konservativ betrachten. Und ob ich selbst mit meinem Leben einen konservativen Kurs eingeschlagen habe, kann ich nicht selbst beurteilen. Ich denke, die meisten werden aber meinen Weg eher als progressiv denn als konservativ einschätzen. Ich selbst kann nur dazu sagen: Ja, ich war in meinem Leben immer neugierig auf das Neue.
Thomas: Ich habe ja gesagt, dass das Bild nach außen was anderes verkörpert, als das, was in einem selbst drinnen ist. Und je verrückter du bist, desto mehr musst du diesen Gegenpol aufbauen. Für mich ist beispielsweise das Konstrukt Familie schon immer wichtig gewesen. Mit meinen Kindern bekamen meine Reisen eine andere Dimension.

BERGSTEIGER: Wie hat sich der Stellenwert des Kletterns und Bergsteigens durch Familie und Kinder verschoben?
Thomas: Früher war der Fokus immer auf Klettern, Klettern, Expeditionen, wieder Klettern – hin und wieder hielten wir ein paar Vorträge und hatten wieder etwas Geld für unsere nächsten Projekte. Wir lebten für den Moment. Als ich aber eine eigene Familie hatte, kam die Verantwortung hinzu. Wir verstanden sehr schnell, dass für uns das Bergsteigen die beste Form war, nachhaltig Geld zu verdienen. Wir arbeiteten aktiv mit unseren Sponsoren zusammen, die Vorträge wurden professioneller, zahlreicher, und heute werden wir von vielen Firmen gebucht für Motivationsvorträge. Trotzdem haben wir unsere Wurzeln nie verloren: Wir sind Bergsteiger!
Text: Dominik Prantl, Michael Ruhland
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2013. Jetzt abonnieren!
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