Bergsteigerdörfer: Die Kirschen im Dorf lassen | BERGSTEIGER Magazin
Serie Bersteigerdörfer – Teil 1

Bergsteigerdörfer: Die Kirschen im Dorf lassen

Die Bergsteigerdörfer in Deutschland und Österreich verfolgen ein gemeinsames Ziel: die Wertschöpfung in der Region halten. Dafür verzichten sie auf Skizirkus und Funparks und propagieren einen Ganzjahrestourismus gemäß der Alpenkonvention. Erliegt ein Dorf der Versuchung des schnellen Geldes, greift der Alpenverein hart durch.
 
Ginzling © Markus Schweiger, Ulrich Kirchmayr, Biosphärenpark Großes Walsertal
Bergsteigerdorf der ersten Stunde: Vent im hintersten Ötztal
Ihren letzten Urlaub verbrachte Liliana Dagostin in Kärnten – am Karnischen Höhenweg. Ein Reisebüro brauchte sie dafür nicht, sie besitzt ihren eigenen Katalog. Zunächst umfasste der ausschließlich Ziele in Österreich. Inzwischen ist Deutschland fester Bestandteil des Programms, Italien und Slowenien stehen bereits am Check- In. Dagostin leitet das Bergsteigerdörfer- Projekt der Alpenvereine und betreut derzeit 21 Reiseziele. Die 22. Seite ihres Kataloges schlagen gerade Sachrang und Schleching auf.

Die beiden Dörfer westlich und östlich des Geigelsteins (1808 m) haben sich gemeinsam beim Deutschen Alpenverein beworben und die zuständigen Gremien überzeugt. Im Juli soll die Deklaration unterschrieben und gefeiert werden. Spätestens dann wird auch Dagostin in den Chiemgau reisen, erstmals das zweite deutsche Bergsteigerdorf besuchen und möglicherweise mit Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf über die Alpenkonvention sprechen. »In Ramsau war sie dabei. Und so groß wie das Interesse und die Rückendeckung der bayerischen Staatsregierung sind, kann ich mir gut vorstellen, dass sie wieder kommt.«

Von Hochbummler bis Bergsteiger

Dass Schleching und Sachrang bei Alpinisten keine Assoziationen wecken wie Zermatt oder Grindelwald, ist Dagostin freilich bewusst. Der Begriff Bergsteigerdorf aber gehe auf eine alte Diktion aus den 1920er Jahren zurück, die versucht hat, den Begriff des Bergsteigers zu definieren »Mit dem Ergebnis, dass alle, die gerne in die Berge ziehen, auch Bergsteiger sind: vom Hochbummler bis zum Expeditionsbergsteiger«, erklärt die Projektkoordinatorin.


Bergsteigerdorf der ersten Stunde: Vent im hintersten Ötztal

Ferner punkten Bergsteigerdörfer höchstens in zweiter Linie mit prominenten Gipfeln, jungfräulichen Routen und eisigen Nordwänden. Vielmehr haben sie sich einem nachhaltigen Tourismus verschrieben, der darauf bedacht ist, die Wertschöpfung in der Region zu halten. »Das erreichen wir unter anderem durch die Vermarktung regionaler Produkte und durch Beherbergungsbetriebe, die von Familien geführt sind, nicht von Konzernen«, meint Dagostin und erzählt die Erfolgsgeschichte, an der das Projekt seit zwölf Jahren schreibt. Stets eingedenk der Werte des ÖAV-Gründungsvaters Franz Senn, dessen Idee es war, Steige und Wege anzulegen, Hütten zu errichten und den Lebensstandard der Bevölkerung durch den Tourismus zu heben. Er gilt heute als Begründer des Fremdenverkehrs in Tirol.

Mit elf Bergsteigerdörfern startete das Projekt 2008 mit dem Ziel, »die Alpenkonvention mit Leben zu füllen und dem internationalen Vertrag die Bodenhaftung zu schaffen«. Zur ersten Elf gehörte auch Kals am Großglockner. Eine Gemeinde, dem Alpenverein eng verbunden, die sich um die Ausweisung des Nationalparks Hohe Tauern verdient gemacht hatte. Dann kam die Schultz-Gruppe aus dem Zillertal, winkte mit Millionen, verband die Skigebiete Matrei und Kals und stampfte 200 Meter oberhalb des Ortskerns das Gradonna Mountain Resort aus dem Boden – ein Chalet-Dorf samt neunstöckigem Hotel-Turm. Der ÖAV reagierte prompt und verbannte Kals aus dem Kreis der Bergsteigerdörfer. »Wir mussten so entscheiden, um unsere Glaubwürdigkeit zu behalten«, erklärt Dagostin und spricht von einer ehemals tiefen Verbundenheit zwischen Verband und Gemeinde, ja sogar von Trennungsschmerz: »Ganz sicher auf Seiten des Alpenvereins, aber wohl auch auf Seiten der Gemeinde.« Der Fall Kals‘ dürfte Skeptikern gezeigt haben, wie ernst es der Alpenverein mit seinem Projekt meint. Seither hat jedenfalls kein zweites Bergsteigerdorf gewagt, sich über die Statuten hinwegzusetzen. Im Gegenteil. Ramsau und Lunz zum Beispiel haben sich selbst verpflichtet, gänzlich auf Kunstschnee zu verzichten. Dabei genießen bestehende Anlagen in Bergsteigerdörfern sogar Bestandsschutz.


Im Almsee bei Grünau spiegeln sich die Gipfel des Toten Gebirges.

Exklusivität steht hinten an

Aktuell liegen auf Dagostins Tisch eine Bewerbung aus Südtirol, zwei aus Slowenien und eine Ankündigung der oberbayerischen Gemeinde Kreuth. Das blau-grüne Siegel der Bergsteigerdörfer ist heute so begehrt, dass sich Gemeinden aus vier Ländern aktiv darum bewerben. Allem Anschein nach werden Schleching und Sachrang nicht die letzten Dörfer sein, die sich zum Bergsteigerdorf mausern. Anders als in den bayerischen und österreichischen Alpen sieht Dagostin in Slowenien und vor allem Italien noch großes Potenzial für weitere Bergsteigerdörfer und erwartet »noch ein spannendes Jahr 2017«.

Jedes neue Dorf steigert Bekanntheitsgrad und Popularität des Projekts, irgendwann aber wird die Exklusivität des Siegels leiden. Dass Wachstum Grenzen kennt, weiß Dagostin natürlich auch. Eine Obergrenze aber formuliert sie ausdrücklich nicht. »Ich kann keine Zahl nennen. Das würde nur den Druck auf potenzielle Bewerber erhöhen und das wollen wir nicht. Wir wollen es langsam angehen«, sagt sie und verweist auf die Aufnahmekriterien als strenges und einzig wirksames Regulativ. Wer die Auflagen erfüllt, wird also auch aufgenommen. Die Exklusivität steht hinten an. In der Regel bewerben sich Orte, die abseits des großen Rummels liegen, die sich bewusst gegen das Wettrüsten mit Schneekanonen und Giga-Liften entschieden haben oder den Anschluss vor langer Zeit verpasst haben.

Ob sie nun bewusst oder unbewusst die Ressourcen ihrer Gemeinde schonen: Als Bergsteigerdorf haben sie eine Chance, zu bestehen und ihre touristische Existenz zu bewahren. »Stagnation klingt immer so negativ. Aber wenn Strukturen erhalten bleiben, sich die Auslastung verbessert und sich ein Ganzjahrestourismus entwickelt, dann ist das ein sehr lohnendes Ziel«, erklärt Dagostin und berichtet von einigen Dörfern, die seit der Deklaration als Bergsteigerdorf mehr und mehr Besucher begrüßen. Das gemeinschaftliche Bergsteigerdorf St. Jodok, Schmirn- und Valsertal beispielsweise habe im schneearmen Winter 2015/16 einen Übernachtungszuwachs von fünf Prozent erzielt, die Bergsteigerdörfer-Partnerbetriebe allein sogar neun Prozent.


Eine fleißige Arbeiterin bei der Produktion regionaler Köstlichkeiten

Andernorts hätten sich die Zahlen stabilisiert, Verluste habe noch kein Standort vermeldet. Der Alpenverein wirbt für seine Bergsteigerdörfer natürlich auf allen Kanälen. Ob sich das Siegel aber tatsächlich rechnet, hängt laut Dagostin an den Betrieben vor Ort.

»Wir sagen immer, der Wirt sollte wie ein Hüttenwirt sein.« Soll heißen: Wer sich engagiert, sich mit dem Projekt identifiziert und Entschleunigung, Naturnähe und respektvollen Umgang mit Ressourcen vorlebt, der wird den Sprung schaffen: von der Wertschätzung zur Wertschöpfung.
 
Christian Geist
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 04/2017. Jetzt abonnieren!
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