Künstlicher Kick - Alpen Funparks

Der schnellste Flying Fox, die längste Sommerrodelbahn, die höchste Aussichtsplattform – immer neue Funsport- Anlagen schießen aus dem steinigen Boden der Berggipfel. Verlockend für die einen, ärgerlich für die anderen.

 
Optimierte Aussicht? Der Adlerhorst am Gschöllkopf im Rofan kostete 200 000 Euro. © Uli Ertle
Optimierte Aussicht? Der Adlerhorst am Gschöllkopf im Rofan kostete 200 000 Euro.
Reinsetzen oder springen? Der Bursche – er mag 15 Jahre alt sein, Kletterhelm, Sonnenbrille, Outdoorklamotten – entscheidet sich für die defensivere Variante. »Ich setz’ mich mal rein«, sagt er. Nur noch ein Countdown von wenigen Sekunden trennt den Jugendlichen vom Adrenalinkick an der Alpspitze. »Drei. Zwei. Eins«, zählt der Flightguide rückwärts, und ab geht die Post. Mit irrsinnigem Tempo flitzen Adrenalinjunkies am Seil durch eine Schneise im Bergwald hinab. Pardon. Sie fliegen. Schließlich heißt es auf der Betreiber- Homepage: »Take-Off für den National Flight zum Transit Tower«. Dann folgt der »International Flight zum Arrival Tower«. AlpspitzKick heißt diese noch junge Attraktion der Ostallgäuer Gemeinde Nesselwang. Laut Alpspitzbahn, der Betreibergesellschaft, ist der AlpspitzKick die schnellste Zipline Deutschlands, eine Art weiterentwickelter Seilrutsche. Seit dem Sommer 2013 sausen hier Touristen – wie einst Baumstämme am Drahtseil der Waldbauern – über eine Strecke von 1200 Metern zu Tal. Der aktuelle Geschwindigkeitsrekord steht bei 130 Stundenkilometern.

Oktoberfest in den Bergen

Angesichts solcher Attraktionen schütteln die Umwelt-Aktivisten von Mountain Wilderness nur verständnislos den Kopf. »Dafür sind die Berge zu schade«, kritisiert Gotlind Blechschmidt, Vorstandsmitglied von Mountain Wilderness. Sie sieht die Alpen an der Kapazitätsgrenze und fordert ein fundamentales Umdenken. Funparks und Attraktionen wie den AlpspitzKick hält Blechschmidt schlichtweg für »reine Geldmacherei. Das gehört aufs Oktoberfest, nicht in die Berge!« Ginge es nach Mountain Wilderness, so gäbe es im gesamten Alpenraum einen rigorosen Erschließungsstopp.

Die einzigen Baumaßnahmen wären Rückbauten, vornehmlich der Rückbau alter Liftanlagen. Der Erste Bürgermeister der Gemeinde Nesselwang, Franz Erhart, kann dieser Meinung wenig abgewinnen. Er befürwortet den AlpspitzKick und hat den Bau stets vorangetrieben. Seine Position: »Nur Natur und ein kleines Bänkchen reichen heute nicht mehr aus.« Die Kritik der Umweltschützer an seinem Bauprojekt – Mountain Wilderness hat Erhart mit dem Anti-Preis »Bock des Jahres 2013« bedacht – empfindet er als »Lachnummer«, die er »nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann«.

Von der Haltung »dieser Leute« sei er »Lichtjahre entfernt«. Erhart sieht den AlpspitzKick als Zugnummer für sportlich orientierte Sommergäste. »Wir haben das Rad doch nicht neu erfunden«, verteidigt er sich mit Verweis auf vergleichbare Attraktionen, die im gesamten Alpenraum aus dem Boden schießen wie Pilze an einem feuchten Herbstwochenende. Der geschäftliche Erfolg scheint dem Bürgermeister recht zu geben: Die Wirtschaftlichkeitsberechnung der ersten Monate, sagt Erhart, sei deutlich übertroffen worden.

Urlauberrekord in Bayern

Nesselwang und Mountain Wilderness, kurzfristiger Erhalt der Besucher versus langfristiger Erhalt der Bergwelt: Im Spannungsfeld dieser Positionen vollzieht sich im gesamten Alpenraum ein Prozess, den die Befürworter als unverzichtbaren Strukturwandel begreifen und der Kritikern das Blut ins Gesicht treibt. Neue, spektakulärere Aussichtstürme, Alpine Coaster und Skyglider entstehen, um möglichst viele Touristen anzulocken. Man müsse, so der Tenor der Fremdenverkehrsverbände, dem Abflauen des Alpintourismus ja irgendwie begegnen. Dient die Bergwelt der übersättigten Konsumgesellschaft also nur noch als Kulisse auf der Jagd nach dem ultimativen Kick?

Und vor allem: Muss das so sein, damit die Gäste weiterhin kommen? Frank-Ulrich John ist Pressesprecher und Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes in Bayern. Von sinkenden Gästezahlen hat sein Verband nichts bemerkt. Im Gegenteil: »Das Jahr 2012 war ein absolutes Rekordjahr«, sagt John. Noch nie hätten so viele Gäste im Freistaat Urlaub gemacht. Alles Städtereisende? Mitnichten! »Zum ersten Mal beziehen sich diese Zahlen auf den gesamten Freistaat. Das heißt, auch der Alpenraum hat davon maßgeblich profitiert.«
Die Zahlen der ersten drei Quartale des Jahres 2013 legen die Vermutung nahe, dass das Rekordjahr 2012 mindestens erreicht, wenn nicht übertroffen werde. Ein weiterer Indikator für positive Geschäftsaussichten: »Viele Hoteliers in Bayern investieren in den Ausbau ihrer Häuser.« Und das, so John, würden sie mit Sicherheit nicht tun, wenn sie nicht allen Grund zu Optimismus hätten.

Vision Bergsteigerdörfer

Doch was zieht die Menschen in die Berge? Sind es tatsächlich Attraktionen wie Alpine Coaster und Skyglider? Hanspeter Mair, Geschäftsbereichsleiter Hütten, Naturschutz und Raumordnung in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins (DAV), glaubt nicht daran.
Immer mehr Menschen seien auf der Suche nach Ruhe und Entspannung. »Wandern kommt an«, meint er, und belegt das mit der wachsenden Mitgliederzahl des DAV. Dessen Jahrespressekonferenz Anfang Februar widmete sich denn auch dem Thema Bergsportboom.

Die Berge in Gewerbegebiete der Fun-Industrie zu verwandeln, sei definitv der falsche Weg, sagt Mair. Die Spirale »Höher – Weiter – Spektakulärer « müsse durchbrochen werden. Mair plädiert dafür, von Österreich zu lernen. Nicht, dass man dort auf Funparks verzichten würde, aber: »In Tirol gibt es eine hervorragende Initiative, die wir gerne nach Bayern importieren würden.« Das Bundesland hat damit begonnen, Bergsteigerdörfer zu zertifizieren, »deren größte Potentiale in ihrer Ursprünglichkeit, ihrer Tradition und Kultur liegen«.

Laut Website der Österreichischen Bergsteigerdörfer sind folgende Aspekte entscheidend: »Tourismusphilosophie, Ortsbild und alpines Flair, Berglandwirtschaft und Bergwaldwirtschaft, Natur- und Landschaftsschutz, umweltfreundliche Mobilität und Verkehr, Kommunikation und Informationsaustausch.« Von Flying Fox, Alpine Coastern oder Aussichtsplattformen steht da nichts.

"Alpen unter Druck" im Alpinen Museum

Skilifte, Beschneiungsanlagen, spektakuläre Aussichtsplattformen und Funsport- Anlagen, die für künstlichen Nervenkitzel sorgen: Umstrittene Erschließungsprojekte im Alpenraum sind auch das Thema der Sonderausstellung, die der Deutsche Alpenverein am 13. März im Alpinen Museum München eröffnet. Anhand von Fotos, Presseartikeln, Hörfunk- und Videomitschnitten haben Friederike Kaiser und ihr Team knapp 200 größere Maßnahmen dokumentiert, die in den vergangenen Jahren gebaut wurden oder gerade in Planung sind. Historische Gemälde, Texte aus dreihundert Jahren alpiner Geschichte und Interviews mit Einheimischen bilden in der Ausstellung den Kontrapunkt und werfen die Frage auf, ob der Tourismus im Alpenraum tatsächlich neue Attraktionen braucht. Begleitet wird die Ausstellung von mehreren Diskussionen, Vorträgen und Gesprächen, die den Raumverbrauch und seine Konsequenzen in den Alpen thematisieren.

Öffnungszeiten:
13. März 2014 bis 15. Februar 2015, Dienstag bis Freitag 13–18 Uhr, Samstag und Sonntag 11–18 Uhr (an den Oster- und Weihnachtsfeiertagen sowie Silvester und Neujahr geschlossen), www.alpenverein.de
Die Alpen als Funpark - TEXT und FOTOS: Uli Ertle
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