Das große Bergsteiger-Interview mit Rufus Beck

»Bergsteiger sind auch so Zigeuner«

Millionen Menschen kennen seine Stimme. Der Schauspieler Rufus Beck hat die Abenteuer des Harry Potter vertont, bis zu 80 verschiedene Stimmen imitiert er in den Hörbüüchern. Die Berge durften in seiner Karriere nie zu kurz kommen, die Kinder nahm er kurzerhand mit. Sohn Jonathan, ebenfalls Schauspieler und sportbegeistert, bezeichnet die Berge als Heimat. Ein Gespräch über Erziehung – in beide Richtungen.
 
Das große Bergsteiger-Interview mit Rufus und Jonathan Beck © Meike Birck
Das große Bergsteiger-Interview mit Rufus und Jonathan Beck
BERGSTEIGER: Sie teilen die Leidenschaft für den Schauspieler-Beruf und für die Berge. In ihrer Branche ist das eher selten, oder?
Rufus: Dabei gibt es viele Parallelen. Man kann sowohl im Theater als auch auf dem Berg abstürzen. Und in der Kunst will man immer hoch hinaus und den nächsten Gipfel erreichen.
Jonathan: Und wir entspannen in den Bergen.
Rufus: Die Urlaube, die wir machen, wären für andere eine Tortur.

BERGSTEIGER: Für andere Künstler?
Rufus: Als ich früher noch in München am Theater war, war ich der einzige, der rausging. Die kannten ja alle nix – außer ihrer Kantine. Theaterschauspieler sind dann soo… (legt die Hände wie Scheuklappen an die Schläfen) Zum Teil verstehe ich das ja. In dem Job braucht man eine gewisse Hybris, muss in der Lage sein, sich zu fokussieren: Da denkt man, es gibt jetzt in München nichts Wichtigeres als dieses Stück. Aber wenn man dann ein bisschen draußen ist, merkt man: Das stimmt nicht. Man braucht Distanz, um Nähe zu ertragen.
Jonathan: Berge erden. Sie lehren einen Demut.

BERGSTEIGER: 1988 kamen Sie nach München. Ist dort Ihre Liebe zu den Bergen erwacht?
Rufus: Das erste, was ich gemacht habe, war: die Zugspitze hochklettern. Ich hatte null Ahnung. Vom Klettersteig hatte ich gehört, aber nichts dabei. Als ich vor der Wand stand, wurde mir ganz anders. Ich fragte andere Bergsteiger, ob sie ein Seil für mich hätten.

BERGSTEIGER: Sie konnten damals schon klettern?
Rufus: Ja, naja,…
Jonathan: (fasst seinen Vater am Arm und unterbricht ihn grinsend) Er stürzt sich gerne in Sachen, in denen er noch kein Profi ist.

BERGSTEIGER: Ihre Heimat ist Heidelberg, die Berge lernten Sie erst als Erwachsener kennen?
Rufus: Im Odenwald besuchte ich ein Internat. Mit Bayern kam ich schon früher in Berührung, da meine Eltern einen Bauernhof bei Passau gekauft hatten.
Jonathan: Gut, aber wann hast du Skifahren gelernt?
Rufus: Spät. Ich war durch meinen Beruf so viel in anderen Städten. Als ich mich an der Otto-Falckenberg-Schule beworben habe – die mich nicht genommen hat –, stand ich wie ein kleiner Junge vor den Schaufenstern der Kammerspiele. Ich war damals 18 und wollte so gerne nach München! Angekommen bin ich erst 15 Jahre später.

BERGSTEIGER: Sie kamen also über Umwege zum Ziel?
Rufus: Manchmal muss man Umwege gehen, weil das dann dein eigener Weg ist. Meiner war nicht der akademische, sondern der autodidaktische. Außerdem (grinst breit): 15 Jahre später war das eh viel cooler. Da musste ich mich nicht bewerben, sondern der Intendant wollte mich haben. Ich dachte mir: Wenn ich jetzt schon in München bin, mit dem Umland (begleitet seine Worte mit sanften Faustschlägen auf den Tisch): Dann muss ich raus in die Berge!
Jonathan: Obwohl in jedem Vertrag steht, dass man das nicht darf.

BERGSTEIGER: Tut es das?
Jonathan: Extremsport ist nicht erlaubt.
Rufus: Das hat mich weniger gekümmert als die Sache mit der Erreichbarkeit. Es gab ja keine Handys, und bis 16 Uhr musste man erreichbar sein, falls es eine Veränderung in der Besetzung gab. Das war dann blöd, wenn man grad’ irgendwo auf einem Berg oberhalb von Garmisch war. Wie oft bin ich kurz vor vier in eine Hütte rein und hab gesagt: Kann ich mal kurz telefonieren? Wenn ich tatsächlich spielen musste, hab ich Panik gekriegt, bin den Berg runtergerannt, ins Auto gesprungen und hab’s gerade noch so geschafft.

BERGSTEIGER: Ist das für Sie, Jonathan, einfacher heute?
Jonathan: Total. Ich wechsle sogar Kontinente, um Bergsteigen zu gehen. Ich war im Januar und Februar in Südamerika und wusste, meine Agentin kann mich per Mail erreichen. Mindestens alle zwei Tage gab es Internet. Und innerhalb von 24 Stunden bin ich, wenn es sein muss, sogar aus Bolivien wieder zurück. Für ihn (Kopfnicken zum Vater) war Garmisch schon ziemlich weit weg. Ich kann nach Südamerika.
Text: Michael Ruhland, Sandra Zistl; Fotos: Meike Birck, privat
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