Zum Tode von Ueli Steck († 30. April 2017): Ein Nachruf von Robert Bösch | BERGSTEIGER Magazin

Zum Tode von Ueli Steck († 30. April 2017): Ein Nachruf von Robert Bösch

Der Schweizer Extrem- und Speedbergsteiger Ueli Steck ist bei einer Akklimatisierungstour zu seinem Versuch der Everest-Lhotse-Überschreitung ums Leben gekommen. Er wurde mittlerweile im Kreise seiner Familie in Nepal beigesetzt. Ein Nachruf von Robert Bösch.
 
Ueli Steck © Robert Bösch
Ueli Steck - er fehlt Robert Bösch nicht nur als Partner in den Bergen, sondern vor allem als Freund.

 

Kathmandu 02. Mai 2017

Seit Wochen beschäftigte ich mich mit dem Plan, in irgendeiner Form Uelis Everest-Lhotse Projekt im Himalaya fotografisch zu dokumentieren. Ich habe mit ihm alles möglichst genau durchdacht und besprochen. In Gedanken spielte ich alle Varianten und Möglichkeiten durch: Werde ich rechtzeitig dort sein? Ist mir der Khumbu Icefall nicht zu gefährlich, nur für ein paar Fotos? Wie lange werde ich auf über 6500m zu sein haben? Welche Route wird Ueli nehmen? Was ist, wenn er ins Hornbeincouloir am Everest einsteigt und in der vorgesehenen Zeit nicht mehr auftaucht? Was mache ich dann? Ich kenne das Couloir - 1990 wollten wir es durchsteigen - es liegt in der nicht einsehbaren Nordwand. Es war mir klar, mein fotografisches Unterfangen war mit mehr Unsicherheiten, denn mit Sicherheiten verbunden.


 
Aber es gab einen Grund, der mich entscheiden ließ zu gehen, trotz aller Unwägbarkeiten: Ueli. Alles was wir in den letzten zwanzig Jahren zusammen gemacht hatten, war irgendwie gut herausgekommen. Und, ich realisierte, er würde sich sehr freuen, wenn ich käme. „Dann machen wir zusammen den Nuptse“, meinte er.
 
Als ich am Morgen des 30. April in Kathmandu landete, wusste ich nicht, dass sich wohl genau zu dieser Zeit Schreckliches am Nuptse, dem 7800 Meter hohen Nachbarberg des Everest, ereignete. Im unsäglich hektischen und lauten Menschenchaos vor dem Flughafengebäude wartete Dendi Sherpa auf mich. Kein Lächeln, nur der leise gesprochene Satz „I have very bad news, Ueli is dead.“
 
Es war nur noch Stille. Unfassbarkeit. Dann die leise Hoffnung - es soll noch ein zweiter Bergsteiger an diesem Morgen am Nuptse unterwegs gewesen sein. Alles nur ein Irrtum.  Später das Telefongespräch mit Maurizio, dem Helikopterpiloten, der die Bergung durchführte. Kein Irrtum. Gewissheit.

Einer der weltbesten Bergsteiger ist tot. Einer, der nicht nur seine persönlichen Grenzen nach oben verschoben hat, sondern gleichzeitig die Grenzen des Alpinismus. Ueli Steck hat Projekte in Angriff genommen, die die meisten Bergsteiger, nicht zu denken wagten. Er hat das nicht als Hasardeur gemacht, sondern als einer, der sich Schritt für Schritt in diese Dimensionen vorarbeitete.


 
Als ich ihn 1997 bei einer Eiskletter-Foto-Aktion kennenlernte, ahnte ich nicht, dass daraus  eine langjährige Freundschaft werden sollte. Und ich ahnte auch nicht, dass aus diesem jungen Kletterer ein Top-Bergsteiger werden würde, der mit seinem Stil eine Tür öffnete in eine neue Dimension des Höhenbergsteigens. Damals war er ein starker ambitionierter junger Kletterer, der das Bergsteigen leidenschaftlich und in allen Varianten betrieb: Er war Felskletterer, eröffnete anspruchsvollste Routen in Fels und Eis und wagte sich auch als Sologänger in schwierigste Routen. Neben dem bergsteigerischen Können und seiner mentale Stärke, gehörte vor allem die  Konsequenz mit der er seinen Weg verfolgte, zu Uelis Eigenschaften.
 
Er fand den Weg zum Profibergsteiger und er fand den Weg in die öffentliche Wahrnehmung. So konsequent wie er das Bergsteigen betrieb, so  engagiert suchte er auch die mediale Präsenz. Profibergsteigen geht nicht ohne Sponsoring und Medien.
 
Die Schattenseiten, eine öffentliche, berühmte Person zu sein, bekam er aber auch zu spüren. Neben viel Bewunderung gehörten auch Unverständnis bis totale Empörung gegenüber seinem Tun dazu. Ueli Steck war zu sensibel, als dass solche, zum Teil massiven Anfeindungen einfach an ihm abgeprallt wären. Gerade die dramatische und brutale Auseinandersetzung mit den Sherpas am Everest 2013 und die darauffolgenden medialen Wogen machten ihm unendlich zu schaffen. Es war nicht seine Art laut zu reagieren.
 
Ueli Steck erlebte im Verlauf seines Bergsteigerlebens  viele schwierige Momente. Immer wieder war er bei Unfällen involviert – bei der versuchten Rettung von Inaki Ochoa, oder beim tragischen Lawinenunglück an der Shishapangma. Das war nicht, weil er diese anzog oder durch sein Verhalten gar provozierte. Es war einfach Statistik: Wer so oft und so intensiv an den höchsten Bergen unterwegs ist, der wird zwangsläufig mit tragischen Unfällen konfrontiert. Höhenbergsteigen ist die gefährlichste Variante des Alpinismus.
 
"The Swiss machine", der Speedbergsteiger, der Rekordbergsteiger – Attribute mit denen zu leben er sich gewöhnte, in deren Glanz er sich vielleicht auch manchmal etwas sonnte. Mit seinen Speedbegehungen, insbesondere der Eigernordwand, machte er sich definitiv einen Namen in der Öffentlichkeit. Die Leistungen beim Bergsteigen einzuschätzen ist für Nichtalpinisten schwierig, aber Rekordzeiten lassen sich gut kommunizieren, auch wenn es letztlich eine Absurdität ist, im Alpinismus die Minuten zu messen – eine Absurdität, dessen sich Ueli absolut bewusst war.
 
Es war nicht der „Speed“ den Ueli zum herausragenden Alpinsten machte, sondern Schnelligkeit. Seine Schnelligkeit war der Schlüssel zu seinen großen Erfolgen im Himalaya. Diese Effizienz beruhte nicht nur auf seiner außerordentlichen Fitness, sie beruhte letztlich auf der Kombination seiner Fähigkeiten: technisch brillant im schwierigen Gelände, mental sehr stark und besser trainiert als die meisten anderen Bergsteiger. Er suchte Grenzen auszuloten, zu verschieben, aber ohne den Bogen zu überspannen. Nach der unglaublichen Solo-Erstbegehung durch die 2500 Meter hohe Annapurna-Südwand, sagte er mir, er würde es nicht mehr machen. Er sei dabei eigentlich viel zu weit "über das Limit" hinausgegangen. Er war sich der Grenzen bei seinem Tun sehr bewusst. Auch bei seinem jetzigen Everest-Lhotse-Projekt. Er wusste auf was er sich einließ. Und er tat alles, was machbar war, um das Risiko möglichst klein zu halten: Er bereitete sich über ein Jahr mit letzter Konsequenz auf dieses Unterfangen vor. Es kam nicht mehr dazu. Auf einer Akklimatisationstour ist das Unfassbare geschehen.


 
Die Berge waren sein Leben. Mit seiner Frau Nicole hatte er das Glück nicht nur eine Partnerin die ihm ein zentraler Halt und Fixpunkt in seinem intensiven und unsteten Leben war, mit ihr hatte er auch eine Lebensgefährtin, die mit ihm die Freude und Faszination des Bergsteigens teilte. Zusammen haben sie auf der ganzen Welt Berge bestiegen – im Himalaya, in Patagonien, in Peru und natürlich in ihren Heimatbergen – eine gemeinsame Eigernordwandbesteigung war sein Geburtstagsgeschenk.
 
Ueli war für mich in erster Linie ein Freund mit dem ich viel erleben durfte. Waren es am Anfang unserer Bekanntschaft einige - zum Teil wilde - Fotoprojekte, so kamen danach viele Klettereien und Bergtouren dazu. Ueli war ein zurückhaltender und bescheidener Mensch - und er war immer ein verlässlicher Partner, der nie nur an sich dachte. Im Laufe der Jahre entwickelten wir, neben gemeinsamen Klettereien, eine fantastische Zusammenarbeit als Fotograf und Bergsteiger. Es brauchte keine langen Diskussionen, wir waren effizient und wussten beide um das Können und das Engagement des anderen. Und so planten wir auch den „Everest-Lhotse“.

Es sollte unser letztes gemeinsames Projekt sein. Er wird mir sehr fehlen. „Du, wir sollten mal wieder etwas zusammen machen“, das wird es nicht mehr geben.
 
Robert Bösch
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren