Wandern in den Bayerischen Hausbergen

Dreitagestour vom Loisach- ins Isartal

Herzogstand, Jochberg, Rabenkopf und Benediktenwand: Die »kleinen« Gipfel vor dem großen Gebirge bieten Aussichtswarten der Extraklasse, sowohl ins Alpenvorland als auch ins Wetterstein und Karwendel – eine großartige Dreitagetour vom Loisachtal in den Isarwinkel.
Von Michael Pröttel (Text und Fotos)
 
Bei diesem Panorama schmeckt die Brotzeit doppelt gut: Rast am Rabenkopf © Michael Pröttel
Bei diesem Panorama schmeckt die Brotzeit doppelt gut: Rast am Rabenkopf
Und wenn der Chef noch so jammert: Für diese Mehrtageswanderung müssen Sie sich den Freitag einfach frei nehmen! Zwar kann man sich auch als »Quereinsteiger« samstags am Kesselbergsattel in die Gebirgsdurchquerung einklinken. Man würde dann aber einen fulminanten Auftakt verpassen – und der ist vor allem freitags zu empfehlen.

Königliche Ouvertüre der Wochenendtour in den Bayerischen Bergen

Walchensee
Blick vom Herzogstand auf den Walchensee
Denn während man auf dem vergleichsweise ruhigen Aufstieg zum Heimgarten von Ohlstadt über Buchrain und Rauheck auch an Wochenenden nicht Schlange stehen muss, ist der Weiterweg zum Herzogstand eine der beliebtesten Kammüberschreitungen der gesamten bayerischen Voralpen. Mit gutem Grund: Je weiter man auf dem technisch unschweren Grat gen Osten wandert, desto spektakulärer werden die Tiefblicke hinunter zum Kochelsee.

Spätestens wenn sich am Gipfelpavillon auch noch das komplette Walchensee-Panorama inklusive Karwendelblick öffnet, weiß man, warum sich auch der bayerische Adel (nomen est omen) für den Herzogstand begeistert hat. Ab dem Heimgarten befindet man sich nämlich auf einem »aristokratischen Weitwanderweg«, der genau nach jenem König benannt ist, welcher 1857 unterhalb des jetzigen Herzogstandhauses ein Jagdhaus errichten ließ: König Max II., der Vater König Ludwigs II. Der wiederum ließ acht Jahre später das sogenannte Königshaus bauen. 22 Mal kam der Märchenkönig angeblich hier herauf. Freilich nicht zu Fuß, sondern mit seinem von Pferden gezogenen Bergwagen. Wegen eines Großbrands in den 1990er-Jahren ist von der königlichen Architektur leider nichts mehr zu sehen.

Abstieg in die Eiszeit

Die Gletscher haben da schon deutlichere Spuren hinterlassen: Am zweiten Tag wandern wir zunächst zu einem glazial überformten Bergsattel hinab. Der Herzogstand war während der Würmeiszeit ein sogenannter Nunatak – also ein Berg, dessen Gipfel aus den umliegenden Eisströmen herausragte. Der Kesselberg – ein Einschnitt zwischen Herzogstand und Jochberg, zu dem der morgendliche Abstieg führt, – war ein sogenanntes Alpentor. Hier floss ein Nebenarm des Isargletschers, der wiederum ein Nebenarm des riesigen Inntalgletschers war, in einer Höhe von rund 1400 Metern hindurch. In der Gegend des heutigen Kochelsee vereinte er sich schließlich mit dem Loisachgletscher.

Dorthin wollen wir am Samstag freilich nicht absteigen. Ganz im Gegenteil geht es vom Kesselbergsattel aus erst einmal gemütliche 500 Höhenmeter hinauf zum Jochberg. Der ist alles andere als ein »unbekanntes Schmankerl«. Der grandiosen Aussicht tut das keinen Abbruch. Und diese sollte man am 1565 Meter hohen Gipfelkreuz ausgiebig genießen. Denn der Weiterweg von der Jocher-Alm über Kot-Alm und Kochler Alm Richtung Tutzinger Hütte hat das Prädikat »waldreiche Weitwanderung« mehr als verdient. Zumindest ein nettes Aussichtsfenster liegt dann aber doch noch auf dem Weg.

Wer nicht zu sehr trödelt, kann von der Staffelalm mit einem kleinen Umweg als Bonustrack den Ausblick vom Rabenkopf seiner »Belvedere-Playlist« hinzufügen.

Grüß’ den Steinbock

Gamsböcke in den Bayerischen Alpen
    Bene-Böcke sind ausgesprochen zahm
Nach berühmten Königen und gewaltigen Eiszeitgletschern steht der Sonntag ganz im Zeichen faunistischer Prominenz: Wer von der Tutzinger Hütte morgens rechtzeitig aufbricht, hat gute Chancen, Steinböcke, die »Könige der Berge«, zu Gesicht zu bekommen. Eigentlich in den Zentralalpen heimisch, tauchte 1958 erstmals ein Steinbock an der Benediktenwand auf. Als ihm neun Jahre später zwei aus der Schweiz importierte Böcke sowie zwei Geißen zur Seite gestellt wurden, begründete das Männchen nördlich der Jachenau eine Population. Dass die Tiere so zahm sind, liegt daran, dass ihre Reproduktionsrate im Vergleich zu inneralpinen Populationen sehr gering ist.

Die »Bene-Böcke« können sich daher sehr sicher fühlen, denn sie werden nur selten zur Bestandsregulierung gejagt. Ziel ist es, eine Obergrenze von rund 80 Tieren auf etwa 400 Hektar möglichst nicht zu überschreiten. Im Bergkessel der Probstalm, an der man Richtung Brauneck vorbei wandert, sind die Steinböcke sogar von großem Nutzen: Sie beweiden die besonders artenreichen Wiesen und verhindern, dass sie verbuschen. Einer alten Legende nach war einst ein päpstlicher Bote, der vom Kesselberg kommend die Benediktenwand bestieg, beim Anblick des bayerischen Voralpenlandes (auch ohne Steinböcke) so entzückt, dass er lauthals »Benedicta Bavaria« rief: gesegnetes Bayern. Spätestens nach dieser Tour vom Loisach- ins Isartal können wir dem guten Mann getrost beipflichten.

Aussichtsreiche Gipfelwanderung vom Loisach- ins Isartal

  • Charakter: Dreitagetour, auf der sich die bayerischen Voralpen von ihrer besten Seite zeigen
  • Ausgangspunkt: Ohlstadt (670 m)
  • Endpunkt: Bhf. Lenggries (680 m)
  • Anfahrt: Mit dem Zug via München zum Bhf. Ohlstadt (aktuelle Verbindungen www.bahn.de)
  • Hütte: Übernachtung im Herzogstandhaus (1575 m), privat, Tel. 0 88 51/2 34, www.berggasthaus-herzogstand.de, ganzjährig außer im November geöffnet und in der Tutzinger Hütte (1327 m), DAV, Tel. 01 75/1 64 16 90, www.dav-tutzinger-huette.de, Anfang Mai bis Anfang November; Einkehr möglich in Heimgartenhütte (1785 m, keine Übernachtung), Jocher-Alm (1381 m) und Brauneck-Gipfelhaus (1555 m), DAV, Tel. 0 80 42/87 86.
  • Beste Jahreszeit: Mai bis Oktober
  • Karte: Bayer. Landesvermessungsamt UK 50-52 »Bad Tölz – Lenggries«, 1:50 000
  • Führer: Michael Pröttel »Das perfekte Bergwochenende in den Ostalpen« Bruckmann Verlag
Bergwochenende in den Bayerischen Alpen
Fotos: 
Michael Pröttel
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2012. Jetzt abonnieren!
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