BERGSTEIGER Testbericht: Steigeisenfeste Bergschuhe

Ein Schuh für alle Fälle - Acht Hochtourenschuhe im Test

Sie sollen bequem sein im Abstieg, präzise im Fels, steif im Steileis, dabei haltbar und trotzdem leicht: Hochtourenstiefel sind die Königsdisziplin für Schuhmacher. Die Berg- und Skischule VIVALPIN hat für uns acht aktuelle Modelle von der Sohle bis zum Schaft getestet.
(Aus BERGSTEIGER 08/2015)
 
Acht steigeisenfeste Bergschuhe im Test © VIVALPIN
Acht steigeisenfeste Bergschuhe im Test
Früher war alles anders und vieles einfacher. Ein Bergschuh war zwiegenäht, mit steifer Sohle, einem knöchelhohen Lederschaft und roten Schuhbändeln. Sein Verbreitungsgebiet reichte von der Kampenwand bis zum Monte Rosa. Und heute? Heute gibt es Schuhe für Trekking, Eisklettern, Klettersteige und für den »Approach« – und nach wie vor den Allround-Bergschuh, den steigeisenfesten Hochtourenschuh, den man eigentlich für jede Art von bergsportlicher Betätigung verwenden kann.

Nur die Anforderungen sind heute anders: Die Sohle muss torsionssteif für das Stehen auf kleinsten Tritten sein, gleichzeitig aber genügend Abrollkomfort und Dämpfung für lange Zustiege bieten. Der Schaft soll den Fuß perfekt umschließen, trotzdem nicht einengen und bequem sein. Er hat den Knöchel zu schützen und muss bei hundertprozentiger Wasserdichte für gutes Fußklima sorgen. Nicht zu vergessen: Ein guter Bergschuh sollte möglichst leicht sein, da man mit jedem Schritt das Gewicht des Schuhs nicht nur transportieren, sondern auch beschleunigen und wieder abbremsen muss. Aber wer kann das schon alles?

Überraschung im Testfeld der Hochtourenschuhe

Bei der Testeinladung für steigeisenfeste Bergschuhe gab es gleich die erste Überraschung: Es gibt relativ wenige Hersteller, die auf diesem Markt präsent sind. Der Eindruck verfestigt sich vor den Schuhregalen auf Westalpenhütten, wo einige wenige Modelle dominieren. Die zweite Überraschung war die Modellauswahl der Hersteller: Obwohl steigeisenfeste Schuhe für anspruchsvolle Hochtouren mit Kletterpassagen bis zum IV. Grad angefragt waren, erhielten wir völlig unterschiedliche Schuhkonzepte. Klar, an alle getesteten Schuhe kann man Steigeisen montieren (das kann man streng genommen aber auch an vielen Trekkingschuhen), und ein guter Kletterer wird mit jedem der Schuhe zurechtkommen.

Dennoch hatten wir bei dem ein oder anderen Hersteller eine etwas andere Modellauswahl erwartet. Acht Paar Bergschuhe stellten sich bei Sauwetter auf der Zugspitze dem Test, den Dr. Christoph Ebert vom Kompetenzzentrum Sport, Gesundheit und Technologie in Garmisch-Partenkirchen konzipierte. Objektive (messbare) Kriterien wurden dabei durch subjektive (per Fragebogen erfasste) Kriterien ergänzt, um nachvollziehbare und reproduzierbare Testergebnisse zu erzielen.

Diese 8 steigeisenfeste Bergschuhe haben wir getestet:

Leder: das Material der Wahl

Vor dem Praxistest vermaßen wir Gewicht, Schuhvolumen, Sohleninnen- und außenlänge sowie die Sohlendicke der Schuhe. Über diese Parameter erhofften wir uns Rückschlüsse auf Komfort und Sensibilität ziehen zu können. Unsere Vermutung, dass die Sohlendicke in direktem Zusammenhang mit der Sensibilität steht, bestätigte sich dabei allerdings nicht. 

Schon im Labor fielen die unterschiedlichen Macharten auf. Bis auf Mammut verwenden alle Hersteller Leder als Schaftmaterial. Leder scheint nach wie vor einen optimalen Kompromiss aus Komfort, Haltbarkeit und Schutz zu bieten. Eine Gore-Tex-Membran (Event- Membran bei Dachstein) macht alle Schuhe hundertprozentig wasserdicht.

Lieber leicht oder besser bequem?

Schnürung Hochtourenstiefel
Drei Schuhe, drei unterschiedliche Schnürungen
Bei den Konstruktionen hat uns besonders die Schuhspitze des Scarpa Mont Blanc GTX beeindruckt. Die asymmetrische Form und die kaum überstehende Spitze erinnern an die Form eines Kletterschuhs und bringen deutlich spürbare Vorteile im steilen Fels. Interessant war auch zu sehen, welche teils konträren Konzepte die Hersteller bei der Schnürung verfolgen: Mammut verwendet im Vorfuß Laschen mit viel Reibung, Lowa dagegen kleine Miniaturrollen, um die Reibung zu vermeiden; die anderen Hersteller liegen irgendwo dazwischen.

Unterschiedlich wird auch das Thema Gewichtseinsparung angegangen. So gelingt es Mammut, durch den Einsatz von innovativen Materialien und eine bis zu drei Millimeter dünnere Sohle um die 100 Gramm pro Schuh gegenüber den Mitbewerbern einzusparen. Im Gegenzug geht Hanwag fast schon großzügig mit allen Materialien um, die den Schuh haltbar und stabil machen. Ob die Gewichtsvorteile bei Mammut die spürbaren Komforteinbußen rechtfertigen, darf am Ende der Kunde entscheiden. In Bezug auf das Schuhgewicht geht Salomon noch einen Schritt weiter. Der S-Lab X-Alp Carbon wirft alles über Bord, was man von einem klassischen Bergschuh kennt. Mit einer Reißverschlussgamasche, einem nur knapp knöchelhohen Innenschuh und einer Carbonsohle bringt er lediglich 500 Gramm auf die Waage.

Da Salomon den X-Alp aber nur als steigeisentauglich und nicht als steigeisenfest proklamiert, haben wir auf einen Test dieses Modells verzichtet. Der Praxistest fand auf einem standardisierten Parcours statt, den fünf erfahrene Bergführer mit jedem Schuh absolvierten. Für die acht Testkriterien wurden repräsentative Situationen gewählt. Auf ebenem, harten Untergrund, einer typischen Zustiegssituation also, wurden Gehkomfort und Abrollverhalten bewertet, Fersenhalt und Trittgefühl dagegen im anspruchsvollen Gelände. Dämpfung und Rutschen im Schuh galt es im Abstieg zu testen, die Torsionssteifigkeit beim Queren von harten Schneefeldern.

Für einen direkten Vergleich der Schuhmodelle wurden jeweils Links-Rechts-Vergleiche durchgeführt, bei dem immer nur ein Schuh pro Testrunde gewechselt, der andere dagegen als »Referenz« zwei Runden lang getragen wurde.

Auf die Dauer wird’s weich

Hochtourenschuhe Sohle
Eine Vibramsohle sollte es auf jeden Fall sein
Dieses Rotationsverfahren bietet den Vorteil, dass sich Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen sofort bemerkbar machen. Würde man die Schuhe jeweils paarweise wechseln, wären die oft nur marginalen Differenzen zwischen den einzelnen Testrunden nicht mehr zu beurteilen. Durch das anhaltend schlechte Wetter während der Testtage auf der Zugspitze waren zudem gleichbleibende Verhältnisse garantiert. Bewertungen von Haltbarkeit und Veränderungen im lang anhaltenden Gebrauch erlaubte der Testrahmen leider nicht. Die Erfahrung zeigt uns aber, dass sich besonders der Flex der Sohlen mit der Zeit verändert – in der Regel werden die Schuhe weicher und bequemer. Allerdings können zu weiche Sohlen auch ihre Steigeisentauglichkeit einbüßen, was man bei den Schuhen mit von Haus aus torsionsweichen Sohlen (Salewa, Lowa Valbona und La Sportiva, eingeschränkt auch Dachstein) einplanen sollte.

Fazit: Wenn der Kunde weiß, was er will, bietet auch der überschaubare Hochtourenstiefel-Markt eine »Einer-für-Alles«-Lösung.

So wurden die Hochtourenstiefel getestet:

Das Testkonzept ist darauf ausgelegt, die Unterschiede zwischen den einzelnen Schuhmodellen aufzuzeigen. In Netzdiagrammen sind die Ergebnisse anschaulich und vergleichbar aufb ereitet: Sucht man etwa einen Schuh mit großem Volumen (für breite Füße) und torsionssteifer Sohle für gute Kraft übertragung der Steigeisen, empfehlen sich Modelle von Hanwag oder Lowa. Wer eher einfache Hochtouren ohne viel Steileis geht und Wert auf Komfort bei langen Zustiegen legt, wird eher mit einem bequemen und leichten Schuh wie dem La Sportiva glücklich. Das Diagramm wertet diese Kriterien aus:
  • GEWICHT - Je leichter, desto besser – maximal fünf Punkte gibt es für den leichtesten Schuh.
  • TORSION - Die Verwindung des Schuhes um die Längsachse ist entscheidend beim Queren von harten Schneefeldern oder beim Stehen auf kleinen Leisten und den Frontzacken der Steigeisen. Die Höchstpunktzahl gibt es für steife Schuhe, deren Sohle sich nur minimal verwindet.
  • HALT IM SCHUH - Der gesamte Fuß sollte ohne Druckstellen perfekten Halt fi nden. Ungenügender Halt im Schuh führt zu einer stärkeren Belastung der Muskulatur und zu Komforteinbußen, in ungünstigen Fällen auch zu Blasen und Druckstellen. Mittels modernen Schnürsystemen lassen sich Vorfuß und Schaft individuell an die jeweilige Fußform anpassen.  
  • DÄMPFUNG - Besonders auf hartem Untergrund und beim Abstieg macht sich die Sohlendämpfung positiv bemerkbar. Die Kunst besteht darin, den richtigen Kompromiss zwischen Dämpfung und Sensibilität zu finden – zu viel Dämpfung mindert unweigerlich das Gefühl für den Untergrund.
  • VOLUMEN - Das Volumen wurde gemessen, um eine objektive Aussage über die Eignung für verschiedene Fußformen zu treffen. Das Schuhvolumen ist kein Qualitätsmerkmal, aber eine Entscheidungshilfe für Breit- und Schmalfüßler.
  • SENSIBILITÄT - Mit der Sensibilität wird die Rückmeldung des Schuhs und das Tritt gefühl beim Gehen im weglosen Gelände und beim Klett ern bewertet. Die Sensibiliät muss nicht mit der Torsionssteifi gkeit zusammenhängen. Auch weiche Schuhe können wenig sensibel sein, harte Stiefel umgekehrt viel Rückmeldung geben. Dies hängt von der Gesamtkonstruktion des Schuhs ab.
  • FERSENHALT - Der Fersenhalt entscheidet über die (Nicht-) Passform des Schuhs. Allerdings können je nach Fußform hier die persönlichen Erfahrungen von unserem Testergebnis abweichen. Unser Tipp: Lässt sich die Ferse schon bei der Anprobe nicht rutschfest fixieren, ist der Schuh ungeeignet.
  • GEHKOMFORT - Wichtig für lange Zustiege. Auch voll steigeisenfeste Schuhe können hohen Gehkomfort bieten – wenn Sohlenbiegung, Dämpfung und Flex perfekt aufeinander abgestimmt sind. Normalerweise tendieren allerdings torsionsweiche Schuhe zu einem höheren Gehkomfort.
Text und Fotos: Dr. Christoph Ebert, Wolfgang Pohl, Christof Schellhammer
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