Annapurna Umrundung – ein Mythos lebt weiter | BERGSTEIGER Magazin
Teil 2

Annapurna Umrundung – ein Mythos lebt weiter

Unerwartete Blumenpracht in Manang © Gerda Pauler
Unerwartete Blumenpracht in Manang
Bevor ich zum Thorong La, dem Höhepunkt des Annapurna Circuits, aufbreche, gönne ich mir einen wirklichen Ruhetag. Zwischen mehreren Café-Besuchen spaziere ich durch die Seiten- und Hintergassen des Ortes. Hier stehen noch fast alle alten Häuser mit ihren kunstvoll bemalten und geschnitzten Fensterrahmen. Wie in alten Zeiten lagert auf den Dächern das Brennholz. Baumstämme, in die man Kerben gehackt hat, dienen als Treppe in das obere Stockwerk. Einige Häuser sind wie Reihenhäuser aneinandergebaut, und der Weg entlang der Gebäude ist sauber, gepflegt und es blühen Blumen neben den Hauseingängen. Ich hoffe, dass man hier nicht die gleichen Fehler macht wie zum Beispiel im Everest-Gebiet, wo moderne Bauten errichtet wurden und der ursprüngliche Charakter der Ortschaften mittlerweile vollkommen zerstört ist.

Spontane Planänderung

Nach meinen zwei Akklimatisierungstouren ist der Anstieg zum Pass fast ein Kinderspiel. Am frühen Nachmittag erreiche ich Thorong Phedi und freue mich schon auf das Essen. Vor fünf Jahren war ich in der Monsunzeit der einzige Gast, und man bewirtete mich königlich. Nun ist die Lodge voller Touristen, und man nimmt keinerlei Notiz von mir. Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Ärger setze ich meine Wanderung in Richtung Thorong Phedi High Camp fort. Auch dort war ich bei meiner letzten Tour alleine. Heute ist das anders. Die Hütte ist überfüllt, als ich um halb vier ankomme. Innerhalb von zehn Sekunden fasse ich einen Entschluss: weiter über den Pass. Es ist noch lange genug hell, um bei Tageslicht den Aufstieg zu schaffen, und es wird bei Vollmond und mit Stirnlampe kein Problem sein, bis zu den ersten Hotels auf der anderen Seite abzusteigen; den Weg bin ich mehrmals gegangen. Ich kaufe Wasser und eine Packung Kekse und gehe los.

Wirklich Spaß macht es nicht mehr, aber übervolle Übernachtungsplätze machen auch keinen Spaß. Langsam, in Gedanken vertieft, trotte ich vor mich hin und übersehe fast den kleinen Tea Shop. Obwohl mir die Zeit davonläuft, bleibe ich stehen, bestelle einen Tee und unterhalte mich mit dem Besitzer. »Bleib doch hier«, sagt er. »Wir haben Platz genug, und der Japaner, der hier übernachten wird, freut sich über Gesellschaft.« Das Angebot ist verlockend, und ich stimme schnell zu, obwohl er mir mitteilt, dass er nur Tee und eine Nudelsuppe machen kann; nicht viel nach einem langen Tag. Die Hütte ist spartanisch eingerichtet. Einige Holzbänke und Tische sind der einzige Luxus, der mich hier erwartet. Kaum ist die Sonne draußen untergegangen wird es eiskalt in meiner Unterkunft, und wie vor 30 Jahren sitze ich beim Essen im Schlafsack, mit Daunenjacke und Wollmütze. Später am Abend kommen aus dem Dunkel der Nacht zwei Nepalesen zum Kartenspielen. Ihre Stimmen und ihr leises Lachen sind meine Einschlafmusik.

Thorong La (5416 m)

Um 5 Uhr morgens ist die Nacht zu Ende. Jemand klopft an die Tür und frägt nach Tee. Ich rolle mich aus dem Schlafsack, beginne zu packen und werfe einen Blick vor die Tür. Fünf Mountainbiker und etwa 20 Trekker stehen erwartungsvoll vor dem Tea Shop und wollen versorgt werden. Nichts wie los. Im diffusen Licht des anbrechenden Tages sehe ich eine lange Menschenschlange vor mir, die sich auf dem Weg zum Pass befindet. Ich werde unweigerlich an den Anstieg zum Tilicho Lake erinnert. Atemlose und teils sehr erschöpfte Touristen quälen sich im Schneckentempo bergauf. Kaum einer von ihnen hat einen freudigen Gesichtsausdruck oder scheint die Bergwelt zu genießen. Viele von ihnen haben offensichtlich nur einen Gedanken: Thorong La.

Auch auf dieser Wanderung habe ich großes Glück mit dem Wetter. Strahlender Sonnenschein und hervorragende Sichtverhältnisse begleiten mich auf den letzten 300 Höhenmetern zum Pass, wo mich das Flattern und Knattern der Gebetsfahnen begrüßt. Hier werden Kameras und Handys ausgepackt und man fotografiert, was das Zeug hält. Selfies aus allen erdenklichen Winkeln sind der absolute Hit und natürlich brauche auch ich mein obligatorisches Passfoto.



Der Abstieg wird für alle zügigen Wanderer und Mountainbiker schnell zur Qual, denn der Weg ist oftmals zu schmal zum Überholen. Besser wird es bei der ersten Ansammlung von Terrassen-Restaurants, wo man sich unter bunten Sonnenschirmen ein kaltes Bier und etwas zum Essen gönnen kann. Ich habe fast den Eindruck die Einzige zu sein, die dieser Verlockung widersteht und hier nicht einkehrt, aber Muktinath ist nicht mehr weit.

Muktinath: alter Pilgerort mit neuem Gesicht

Der Pilgerort hat sich seit der Fertigstellung der Straße 2009 sehr verändert. Man könnte auch sagen, dass Muktinath sein Gesicht verloren hat. Früher begegnete man Pilgern, die wochen- oder sogar monatelang zu Fuß unterwegs waren, um in der Lhakang Gompa das aus einer Erdspalte kommende »brennende« Wasser, das Erdgas enthält, zu sehen. Heute reist man per Bus, Jeep und Motorrad an, steigt am Parkplatz aus (oder ab) und bewältigt die letzten Höhenmeter zur Tempelanlage auf einem Pferd sitzend, gehen ist von gestern. Auf dem Weg durch den Ort begegnen mir perfekt geschminkte und gestylte Pilgerinnen, mit coolen Sonnenbrillen und Lederjacken bekleidete junge Pilger und übergewichtige, schwitzende ältere Pilger. Es gibt Souvenirshops und Verkaufsstände mit Handarbeiten, zahlreiche Restaurants und Hotels. Irgendwie erinnert es mich an Lourdes und Altötting.



Mein spätes Mittagessen verlege ich nach Jharkot, das über einen beschaulichen Wanderweg (mit Rastbänken) in 30 Minuten zu erreichen ist. Die Ortschaft hat viel von ihrem ursprünglichen Charme erhalten, da die Nähe zu dem berühmten Pilgerort niemanden dazu veranlasst hier stehenzubleiben. Es sind nur einige Wanderer, die sich hierher verirren und die Stille und Ruhe genießen und den Bewohnern bei der Verrichtung ihrer Alltagsarbeiten zusehen wollen.
Nach meiner ausgiebigen Pause muss ich eine Entscheidung treffen. Entweder übernachte ich hier, um am nächsten Tag meine Wanderung fern der Autostraße auf der gegenüberliegenden Seite des Tales fortzusetzen, oder ich laufe noch eine Weile zwischen Feldern bergab und die letzten drei Kilometer auf der Straße bis Kagbeni. Ich entscheide mich für Kagbeni.

Auf der Teerstraße nach Kagbeni

Im Sommer 2017 war die Straße nach Kagbeni noch nicht geteert und ich bin erstaunt und begeistert, über das Tempo, mit dem dieser Streckenabschnitt fertiggestellt wurde. Weniger begeistert bin ich über die Tatsache, dass hunderte von Teerfässern den Wegrand »zieren«. Ob die jemals abtransportiert werden? Oder wartet man, bis der Zahn der Zeit, also der Rost, sie vernichtet?
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich Kagbeni und meine Freude ist groß, als ich höre, dass in meinem Lieblingshotel mein Lieblingszimmer mit Panoramafenster und Blick auf den Ort noch frei ist. Das nenne ich Glück!

Kagbeni war ursprünglich eine Festungsanlage, die das Königreich Lho (heute als Upper Mustang bekannt) gegen Eindringlinge aus dem Süden beschützen sollte. Man nimmt an, dass einige Häuser 600 Jahre alt seien, und es bleibt zu hoffen, dass dieses Kulturerbe nicht dem Bauwahn neureicher Nepalesen zum Opfer fällt. Leider war das alte Kloster wegen Unterspülungen durch den Fluss einsturzgefährdet und man hat vor einiger Zeit mit dem Neubau begonnen. Wie bei vielen Projekten gibt es begeisterte und kritische Stimmen. Prunk und Pracht des neuen Gebäudes bilden einen starken Kontrast zu dem einfachen, alten Kloster und mancher spricht von Disney Land. Aber das ist Ansichtssache.

Lohnt es sich noch?

Für mich ist Kagbeni Endstation, da die 3000-Meter-Grenze unterschritten ist und mir wieder die Wärme zu schaffen macht. Ich fahre mit einem Jeep nach Jomsom und von dort mit dem Direktbus nach Kathmandu.

2014 war ich einen Großteil der Strecke in entgegengesetzter Richtung gewandert. Auch hier hat die Straße ihre Spuren hinterlassen, aber auch in dieser Region gibt es Alternativsteige, die es einem ermöglichen, den Autos und Bussen aus dem Weg zu gehen. Wenn man (so wie ich) das große Glück hatte, Nepal vor 30 Jahren erlebt zu haben, vermisst man heute die Entdecker-Komponente, die Beschaulichkeit und Stille. Abenteurer sind hier am falschen Platz. 

Aber die hier lebenden Menschen haben ein Recht auf verbesserte und erleichterte Lebensumstände und die Berge sind noch so, wie vor Urzeiten. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was für ihn/sie wichtig ist.


Sie möchten noch mehr über Nepal erfahren? Gerda Pauler hat zwei Bücher geschrieben Great Himalaya Trail - auf der höchsten Trekkingroute der Welt durch Nepal und Dolpo - People and Landscape

Lesen Sie auch Gerda Paulers Bericht über eine abenteuerliche Reise nach Dolpo – Nepal einmal fernab des Trubels. 
Gerda Pauler
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