Hochtour in den Bernina-Alpen: Piz Bernina und Piz Palü | BERGSTEIGER Magazin
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Hochtour in den Bernina-Alpen: Piz Bernina und Piz Palü

Der Piz Bernina ist der einzige Viertausender der Ostalpen und der höchste Berg Graubündens. Bergsteiger-Leser Olaf Kluge war im Sommer 2023 in den Bernina-Alpen unterwegs und hat dort mehr als einen Gipfel bestiegen.
 
Die Fuorcla Bellavista mit dem Piz Palü im Hintergrund. © Olaf Kluge
Die Fuorcla Bellavista mit dem Piz Palü im Hintergrund.
Am Mittwoch, dem 12.07.2023, haben mein 26-jähriger Stiefsohn Tarek und ich (56 Jahre) gegen 22 Uhr vom Bahnhof Hamburg-Altona die Reise mit einem Nacht-ICE in die Ortler- Alpen nach Sulden (Vinschgau, Südtirol) bzw. nach Pontresina (Graubünden, Schweiz) begonnen. Dort sollte mit der Überschreitung des Piz Bernina (4048 m) und dem Piz Palü (3900 m), eine der bedeutendsten, aber auch anspruchsvollsten Hochtouren der Ostalpen auf uns warten.

Wie sind der Überzeugung, dass die Alpenregionen mit ihren seit Millionen von Jahren existenten Gletscherwelten fatalerweise mit einer gewissen Unendlichkeit in Verbindung gebracht werden. In der Realität aber werden wir bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von einer rasant fortschreitenden Endlichkeit eingeholt. Allein schon aus diesem Grund und der Demut vor der zu bewahrenden Schönheit der Berge, ist die eine oder andere Unwägbarkeit bei der An- und Abreise mit dem ÖPNV, für uns mehr als hinnehmbar.


Am Biancograt spitzt die "Haifischflosse" aus dem Schnee heraus. / Foto: Olaf Kluge

Zunächst haben wir uns nach Ankunft gegen 15:30 Uhr am darauffolgenden Tag in dem beschaulichen Dorf Sulden (1.906 m) im Vinschgau einquartiert. Um uns für die bevorstehende Bernina-Hochtour solide zu akklimatisieren, begannen wir in den nächsten Tagen mit der Besteigung des Hinteren Schöneck (3128 m), der Vertainspitze (3545 m) und der Tschenglser Hochwand (3375 m). Die Nettogehzeit für die An- und Abstiege der gewählten Ziele variierten zwischen sieben bis acht Stunden. Zudem berücksichtigten wir bei der Auswahl der Touren ein möglichst abwechslungsreiches Anforderungsprofil. Die (gesunde) Schlafhöhe in 1.900 m Höhe ihren Teil zu einer guten Akklimatisierung beigetragen.
 
Am Montag, 17.07.2023 starteten wir von Sulden aus mit dem Bus, der Vinschgaubahn, dem super- modernen Schweizer Postbus sowie der Rhätischen Bahn in das mondäne Pontresina (1805 m) im Kanton Graubünden. Nach ca. fünfstündiger Anfahrt, die uns über den gut ausgebauten Ofenpass führte, entschieden wir uns in Pontresina für eine 3-PS-starke Pferdekutsche. Diese schaukelte uns gemächlich gut sieben Kilometer durch das Naturschutzgebiet des Val Roseg zum Endpunkt am Hotel Roseg.

Nach dem obligatorischen Nachschnüren der Bergstiefel begannen wir am Hotel Roseg den eineinhalbstündigen Aufstieg zur Tschierva Hütte (2573 m). Dort konnten wir rechtzeitig, kurz vor Beginn der international bewährten Hüttenabendbrotzeit um 18:30 Uhr, unseren Bergführer Matthias Hofer aus Villanders begrüßen. Nach einem kurzen Ausrüstungscheck durch Matthias endete der Tag bereits um 20:00 Uhr im Matratzenlager der gemütlichen Tschierva Hütte.


Die Tschierva Hütte in einer grandiosen Umgebung am Fuße des Biancograts.

Nachdem um 02:30 Uhr eine unruhige Nacht ihr Ende gefunden hatte und das gewohnt übersichtliche Frühstück den rechtzeitigen Aufbruch um 03:00 Uhr sicherstellte, machten wir uns in Richtung Fuorcla Prievlusa (3426 m) auf. Die Scharte wurde durch Umgehen der Spaltenzone von dem Tschiervagletscher und Nutzung von angebrachten Steighilfen (Metallbügel) am Bergschrund sicher erreicht. Von dort aus begann das Überklettern von einem Felsvorsprung (vereinzelt IIIer-Stellen, Haken). Schließlich erreichen wir bereits im ersten Sonnenlicht nach ca. zweieinhalb Stunden den Beginn des beeindruckenden Biancogrates. Im ersten Moment waren wir überwältigt von der deutlich sichtbaren Steilheit des Grates und seinen 570 Höhenmetern. Keine der vor der Tour angeschauten YouTube-Videos oder Fotoaufnahmen hatten die Realität so abbilden können, wie wir sie nunmehr ehrfurchtsvoll wahrnahmen!


Immer wieder wechseln sich Fels und Gletscher ab.

Mit den Steigeisen und gesetzten Eisschrauben an den markanten Eisstellen mit seinen bis zu 45 Grad sowie durchweg am Seil des Bergführers erreichten wir den Endpunkt des Firngrates am Piz Bianco (3995 m) in einer sehr guten Zeit. Erschwerend kam jedoch hinzu, dass am Biancograt durchgehend starke Windböen herrschten, die ein konzentriertes Steigen noch notwendiger machten. Nach zwei Abseilstellen, u.a. in die Berninascharte, erkletterten wir mit Steigeisen die ca. 180 Höhenmeter des sehr markanten Gipfelaufbaus des Piz Bernina (4048 m).

Dabei waren vereinzelte IIIer-Stellen zu überklettern, die aber angesichts des bevorstehenden Triumphes kaum aufgefallen sind. Nach einer kurzen Gipfelrast und einer fantastischen Aussicht auf die majestätische Umrandung des einzigen Viertausenders der Ostalpen stiegen wir über den Spallagrat und mehreren Abseilstellen zum italienischen Rifugio Marco e Rosa (3609 m) ab.


Das Rifugio Marco e Rosa bietet einmalige Aussichten.

Der nächste Morgen begann um 04:40 Uhr nach einer stürmischen Nacht. Bereits am Biancograt herrschten starke Windböen, die nach Erreichen des italienischen Rifugio zum Nachmittag hin immer mehr zunahmen und bis zum darauffolgenden Morgen anhielten. Demzufolge war auch in der zweiten Nacht im Matratzenlager weitestgehend nicht an Schlaf zu denken. Dennoch passierten wir die Bellavista-Terrassen, vorbei an formschönen Seracs und setzten den Aufstieg zum Palü-Westpfeiler (Piz Spinas, 3823 m) über den ausgesetzten Spinasgrat fort.

Nach Erreichen des Palü-Hauptgipfels (3.900 m) setzte eine deutliche Wetterverschlechterung ein. Dieses Unwetter war den Vorhersagen nach eigentlich erst zum Nachmittag angesagt. Schnee- und aufkommende Graupelschauer, Böen und ein sich über den Pers-Gletscher entladendes Gewitter machten den weiteren Abstieg zum Berghaus Diavolezza zu einem Wettlauf mit der Zeit. Matthias drängte – soweit möglich – an den (spaltenfreien) Stellen des Gletschers zu einem Laufen mit voller Ausrüstung, natürlich am Seil.


Vom Unwetter war hier noch nichts zu sehen. Links der Piz Palü im Sonnenlicht.

Plötzlich und völlig überraschend verzog sich das Gewitter von einem auf den anderen Moment. Eben noch Starkregen und Graupelschauer, jetzt Sonnenschein und blauer Himmel. Angesichts der Wetterbesserung nahmen wir jetzt das Tempo raus und mobilisierten die letzten Kräfte für die 40 Minuten zum Diavolezza-Berghaus. Dort ordneten wir die Ausrüstung, versuchten noch halbwegs trockene Kleidung in den Rucksäcken zu finden (was uns leider nicht gelang) und nahmen die nächste Talfahrt in das Val Bernina.

Weiter ging es mit dem Postbus bis Pontresina, um das dort abgestellte Fahrzeug des Bergführers aufzusuchen. Nach diesem ereignisreichen Tag nahmen wir dankend das Angebot an, mit Matthias gemeinsam bis nach Prad-Spondinig (Vinschgau) fahren zu können. Von dort aus nahmen wir den Bus nach Sulden. In der gemütlichen Pension und unserer letzten Nacht im schönen Suldental setzte nach allmählicher Regenerierung das glückliche und zufriedene Gefühl über das Erreichte ein.

Unser Fazit:

Wir blicken mit Freude zurück auf die schönen Bergtouren in der Ortler-Region. Viel mehr aber noch auf eine herausragende, alles in den Schatten stellende Hochtour auf den Piz Bernina und Piz Palü. Zudem sind wir sehr dankbar, gesund und nur mit „leichten“ Blessuren nach Hamburg zurückgekehrt zu sein. Bei den heutigen klimatischen Verhältnissen in den Alpen und den daraus resultierenden Gefahren stellt das keine Selbstverständlichkeit mehr dar.

Gleichwohl fühlt es sich prima an, diese doch schon weit entfernte Alpenregion mittels einer durchaus machbaren Alternative zum Auto und nur wenigen (kleinen) Unwägbarkeiten so komfortabel erreicht zu haben. Und der leckere „Lagrein“ im ICE zum nochmaligen Anstoßen auf diese schöne Hochtour wäre bei einer Rückfahrt mit dem Kfz auch nicht drin gewesen…
 
 
Olaf Kluge
Fotos: 
Olaf Kluge