Wandern am Vierwaldstättersee

Stadt, Land, See - Wanderregion Luzern

Luzern am Vierwaldstättersee hat einen Verbündeten: den Föhn. Der sorgt bei manchen zwar zuverlässig für Kopfschmerzen und schlechte Laune, ist aber auch für glasklare Fernsicht zuständig.

 
Das prächtige Bergpanorama der Leuchtenstadt Luzern rückt bei Föhnwetterlagen noch etwas näher heran, die Temperaturen klettern rasch einmal in den angenehmen 20-Grad-und-mehr-Bereich. Das weiß man vor allem im Frühling sehr zu schätzen, nur noch ausgesprochene Schneefreaks schielen nach dem weißen Pulver, die meisten schauen voraus – in die wärmere Jahreszeit. Das schönste am Winter – hat mal jemand gesagt – ist, dass nachher der Frühling kommt. Der lässt leider am Alpennordrand oft etwas länger auf sich warten, wenn feuchte Nordwestwinde sich am größten europäischen Bollwerk stauen, mit bekannten Folgen: Es regnet, und wenn’s ganz blöd kommt, schneit es sogar.

Keine Spur von Regen heute. Dafür milde Temperaturen, unten am Seeufer blüht es bereits, die ersten Asiaten sind auch schon da, knipsen alles, was ihnen vor die Linse kommt. Swiss Army Knifes in hundert Variationen und kostbare Uhren, die in erster Linie den Status des Trägers und ganz nebenbei auch noch die Zeit anzeigen, sind die Renner in den gepflegten Auslagen: made in Switzerland.

Ein Pionier am Bürgenstock

Wir überlassen das Shoppen den Gästen aus Fernost, verlassen die Stadt aber nicht. Oder nur vorübergehend. Unser Ziel ist der Bürgenstock, 1128 Meter hoch und ein prächtiger Aussichtspunkt direkt über dem See. Und einer, bei dem Tradition und Moderne stark verzahnt sind. »Erfunden« hat den Kurort Franz Josef Bucher, geboren 1834 als Sohn des Ratsherrn und Bauern Sebastian Bucher. Der Bub aus dem Obwaldner Ort Kerns legte eine sagenhafte Karriere hin, schuf ein Hotel-Imperium, das als weltweit größtes seiner Zeit galt und seine »Kernzelle « auf dem Bürgenstock hatte, und leistete auch als Eisenbahnpionier Bedeutendes. So baute er zahlreiche Straßen- und Bergbahnen im In- und Ausland, darunter auch eine Standseilbahn vom See hinauf zu seinen Hotels am Bürgenstock. Auch die Bahn aufs Stanserhorn (1998 m) entwarf und realisierte seine Firma (Eröffnung 1893); mit einer Länge von fast vier Kilometern und drei Teilstrecken, dazu noch elektrisch betrieben, galt sie als technische Sensation.

Sie verkehrt heute noch (teilweise), im Gegensatz zur Bürgenstock-Bahn, was uns an diesem Frühlingstag einen gut einstündigen und recht schweißtreibenden Aufstieg beschert. Macht nicht’s, etwas Bewegung tut gut. Zeit, den eigenwilligen Inselberg etwas genauer in Augenschein zu nehmen, hatten wir bereits während der Schifffahrt von Luzern nach Kehrsiten. Nicht zu übersehen ist jener Metallturm, der – freistehend! – aus der abschüssigen Nordfl anke des Berges ragt, über 100 Meter hoch: der Hammetschwand-Lift, natürlich auch eine Idee des umtriebigen Herrn Bucher. Bei der Inbetriebnahme im Jahr 1905 dauerte die luftige Fahrt bis zum Gipfel rund drei Minuten, jetzt sind es noch 50 Sekunden.

Bis in die Neuzeit hinein galt der Lift als längster und schnellster weltweit. Auch heute ist der Bürgenstock wieder für Rekorde gut, rund eine halbe Milliarde Fränkli werden gerade verbaut, für Luxushotels, Wellnessanlagen und mondäne Eigentumswohnungen. Das Geld kommt aus einem arabischen Land. Katar investiert in der Zentralschweiz; Bucher, der urige Innerschweizer, hatte vor gut einem Jahrhundert sein letztes Hotel in Kairo gekauft. Eine kleine Fußnote der Geschichte. Bürgenstock erlebte seit Buchers Zeiten viel Auf und Ab. Dass auch schon früher Promis hier gerne abstiegen, finden wir bei einer (leicht illegalen) Besichtigung der Monsterbaustelle heraus.

Über den Zaun und schon ist man mitten in der Geschichte der Bürgenstock- Hotels. Die Schriftzüge an den Deckenbalken eines Durchgangs verraten so einiges: »John hatte nie etwas mit der Monroe «, »Marcel Dassault verwechselte Gräfin Coudenhove-Kalergi mit dem Zimmermädchen«. Da erfährt man, dass Jimmy Carter zu Fuß den Bürgenstock bestieg, dass Golda Meir und Indira Gandhi sich an einem Käsefondue delektierten, und: »Kunstsinniger Herzensbrecher! Statt Audreys Dessous packte Dieb die Picassos ein.« Nach diesem Ausfl ug in die Vergangenheit machen wir uns auf zum Gipfel.

Der Felsenweg führt durch die schroffen Nordabstürze des Berges sanft ansteigend zum Lift, dann geht’s entschieden flotter nach oben, wo ein großes Panorama – nebst dem Zvieri im Gipfelrestaurant – auf uns wartet. Die Show hat Klasse, Tief- und Fernblicke ergeben ein herrliches 3D-Bild. Wir schauen beide über den See – und zurück auf den gestrigen Tag.

Rigiwandern

»Schön war’s gestern«, meint Hildegard mit Blick auf die mächtige Rigi mit dem Antennenstachel am Kulm und der schroffen Hochflue ganz rechts. Die besteht – im Gegensatz zum größten Teil des Bergstocks – nicht aus Nagelfluh (Molasse), sondern aus solidem Kalk. Geologen, die besonders spitzfindig sein wollen, behaupten deshalb, dass nur die Hochflue noch zu den Alpen gehöre. Wenn das einem Innerschweizer zu Ohren kommt… Uns interessieren solche Griffelspitzereien weniger, wir genießen die Rundschau, suchen den höchsten Innerschweizer im Süden und finden ihn auch: den Tödi, 3614 Meter über Meer und immer noch mehr als drei Kilometer über dem Spiegel des schönsten Schweizer Sees, dem mit den sieben Becken und den zwei Nasen.

So heißen die beiden Bergrücken, die in der Mitte des Vierwaldstättersees fast zusammenstoßen und ihm eine überaus schlanke Taille verschaffen. Einer von ihnen kulminiert in der Rigi, der andere im Bürgenstock. »Weißt du übrigens«, frage ich, »wo wir hier sind?« Hildegard ahnt die Fangfrage, lächelt. »Am höchsten Punkt der Stadt Luzern.« Der Bürgenstock ist nämlich eine Exklave, genau genommen nur sein nordseitiger Absturz. Die Südseite gehört den beiden Gemeinden Stansstad und Ennetbürgen, die wiederum Teil des (Halb-)Kantons Nidwalden sind. Der bildet mit Obwalden…
Ein bisschen kompliziert sind die Schweizer Verhältnisse manchmal halt schon, dafür ist es so richtig schön hier am Vierwaldstättersee, zwischen dem Seeufer und den Gipfeln.
Stadt, Land, See - TEXT: Eugen E.Hüsler FOTO: picture alliance, Eugen E. Hüsler, Iris Kürschner
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