Wandern mit der ganzen Familie

Familientouren im Bregenzerwald

Wandertour für Groß und Klein im Bregenzerwald. Eine Gegend zum Abtauchen, ein idealer Platz, um sich zu verstecken. Bescheidene Lieblichkeit dominiert, Protz und Prunk bleiben drüben am Arlberg hängen. Nein – der Bregenzerwald ist nicht das Paradies, aber ein Dorado für Wanderer, die all ihre Sinne auf Empfang stellen. Von Peter Freiberger

 
Der Diedamskopf ist der Hausberg von Schoppernau und ein leicht erreichbarer Wandergipfel; nach Norden fällt er steil ab © Christoph Lingg
Der Diedamskopf ist der Hausberg von Schoppernau und ein leicht erreichbarer Wandergipfel; nach Norden fällt er steil ab
»Was macht ein Tiroler in Vorarlberg? Ihr habt doch die viel tolleren Berge?« Banal die Fragen, denen sich ein Bewohner aus dem Herzen der Alpen stellen muss, wenn er seinen Wanderurlaub westlich des Arlbergs verbringt. »Weil es hier schön ist!«, lautet deshalb meine ebenfalls banale Antwort. Verzeihen Sie bitte diesen verbalen Gemeinplatz, aber am Beginn unseres Aufenthalts im Dörfchen Schoppernau konnte ich die Vorzüge des Bregenzerwalds noch nicht differenzierter beschreiben. Und die Wahl war ohnehin eher per Zufall auf das Gebiet gefallen. Denn ein Tiroler verirrt sich höchst selten ins »Ländle«, wie Vorarlberg, Österreichs kleinstes Bundesland, auch liebevoll bezeichnet wird. Das verhindert in erster Linie der Trennfaktor Arlbergpass, der die Sicht in eine ganz andere Welt verstellt. Neugierig fielen daher meine Blicke aus, als ich von St. Christoph westlich hinab ins Klostertal und hinein ins Lechquellengebirge schaute. Über den Flexenpass, vorbei an dem im Sommer fast zu 100 Prozent menschenleeren Nobelort Zürs ging es nach Warth und in der Folge über den Hochtannberg Richtung Schoppernau.

Durch ein enges Tal entlang der Bregenzerache zieht die Straße hinunter in den nicht einmal 1000 Einwohner zählenden Ort, der sich lange  nicht zeigt. Die Neugierde – und wohl ebenfalls die Aufregung – stieg, ob der Bregenzerwald doch die richtige Wahl gewesen sei in Anbetracht der Fülle an Bergen, die wir daheim zurück gelassen hatten. Dann das Aha-Erlebnis: Unerwartet öffnet sich ein grüner Kessel mit bezaubernden, vielfach an den Außenwänden verschindelten Holzhäusern und größtenteils sanften, grünen Gipfeln auf allen Seiten. Wir sind angekommen – in jeder Hinsicht. In 852 Meter Höhe liegt Schoppernau. Wir genießen das Privileg, ein wenig höher an einem regelrechten Logenplatz zu wohnen. Unsere Pension steht auf einem Hügel, vom Balkon aus lässt sich Schoppernau überblicken. Bei intensiver Suche fällt gerade einmal ein einziges Hotel Marke »Kasten in der Landschaft« ins Auge. Dabei ist in dem Ort fast alles auf den Tourismus fokussiert. Welch eine Wohltat, wir mögen gar nicht an unsere Tiroler Pendants denken…

Von Alm zu Alm

Der Wetterbericht verspricht nicht gerade strahlenden Sonnenschein für die nächste Zeit. Tatsächlich regnet es sogar ein wenig, als wir am Tag darauf nach Mellau starten, um bequem mit der Seilbahn auf 1400 Meter zu schweben. Aber völlig egal, unsere Wanderroute säumen zahlreiche Almen, wo man jederzeit einkehren und Schutz suchen kann.

Die Wurzachalm befindet sich südwestlich unterhalb der Kanisfluh (2044 m), dem alles dominierenden Gipfel in diesem Teil des Bregenzerwalds. Nach Norden hin fällt die Kanisfluh steil ab, von Süden lässt sie sich hingegen über eine Wiesenflanke problemlos erwandern. Während sich Lisa beim Genuss des Almjogurts noch Argumente gegen die Besteigung dieses Bergs überlegt, haben wir Eltern bereits die Verlängerung der Tour dorthin beschlossen. Später freuen sich dann alle über die grandiose Aussicht, die der Abstecher auf die an Höhe zurückhaltende, frei stehende Kanisfluh mit sich bringt.

Die nächste Alm wartet schon – rund 550 Höhenmeter unterhalb. An der Einkehr in der Öberlealpe führt kein Weg vorbei. Entspannt sitzen wir vor der winzigen Hütte, Hühner und Katzen schleichen um die Füße herum, auf der Weide nebenan leisten Ziegen Gesellschaft. Wir wollen gar nicht so schnell wieder aufbrechen, ein drohender Regen macht uns allerdings Beine. Zu spät – das Gewitter hat bereits eingesetzt. Die Almerer bitten uns in die Hütte, deren Stube den Gästen im Normalfall vorenthalten bleibt. Natürlich hat sich die Hausmieze ebenfalls längst ins Trockene begeben. Deren Junge hatten das Unwetter offenbar lange geahnt und die Gelegenheit für ein Schläfchen auf der Couch genützt. Kitsch? Ja, kein Widerspruch – aber gleichzeitig realer Bregenzerwälder Almsommer.

Der Regen hat inzwischen nachgelassen, der Weg ins Tal scheint nun gefahrlos möglich. Wir möchten nach Au hinunter, um später mit dem Bus zu dem in Mellau geparkten Auto zu gelangen. Eile verspüren wir während des Abstiegs allerdings keine. Die passt auch nicht zum Bregenzerwald und seiner Landschaft. Wo die Gipfel gerade einmal die 2000-Meter-Marke übertreffen, will niemand Höhenmeter »fressen« oder Geschwindigkeitsrekorde brechen – wunderbar!

Wir erreichen bald eine bezaubernde Wiese mit einigen Hütten – eine so genannte Vorsäß, vergleichbar mit dem Niederleger einer Alm. Weil sich der Regen zurückgemeldet hat, tauchen wir möglichst rasch ein in den dichten Laubwald  gleich unterhalb – gleichzeitig Eintritt in eine fantastische Naturlandschaft. Nur wenig Licht dringt durch das Dickicht der Baumkronen hindurch, die außerdem wie ein Dach den Niederschlag fernhalten. Wir bleiben völlig trocken in dieser beinahe mystischen Passage, die fast bis nach Au reicht, in der man verschwinden könnte. 
Text: Peter Freiberger, Fotos: Christoph Lingg/Archiv Bregenzerwald Tourismus/Peter Freiberger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 11/2008. Jetzt abonnieren!
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