Gottesackerplateau und Hoher Ifen

Blumenwanderungen im Allgäu

Die Höfats und der Hohe Ifen mit dem Gottesackerplateau sind die ungewöhnlichsten Berggestalten in den Allgäuer Alpen. Berühmt sind sie auch wegen ihrer Botanik – so wie das gesamte Gebiet um Oberstdorf und das Kleinwalsertal. Von Gaby Funk

 
An den Allgäuer Steilgrasbergen wächst nicht nur Gras – an der viergipfeligen Höfats wurden 400 Pflanzenarten gezählt. Foto: Jörg Bodenbender, Michael Wecker (Pflanzenbilder) © Jörg Bodenbender, Michael Wecker
An den Allgäuer Steilgrasbergen wächst nicht nur Gras – an der viergipfeligen Höfats wurden 400 Pflanzenarten gezählt.
Empfehlenswert ist es, per Bike von Oberstdorf durchs Oytal bis zur bewirtschafteten Käseralpe (1405 m) zu fahren, die im gewaltigen Talkessel unter Schneck, Himmeleck sowie dem Höfats-Massiv in einem der wildesten und schönsten Winkel der Allgäuer Alpen liegt. Denn diese Auffahrt ermöglicht eine wirklich spektakuläre Annäherung an den eigenartigsten und markantesten Berg, den die Allgäuer Alpen neben dem Hohen Ifen und dem Gottesackerplateau zu bieten haben – die Höfats.

Vorbei an Oytalhaus und Gutenalpe zieht das Sträßchen zuletzt sehr steil am gischtenden Stuibenfall vorbei hinauf zur Alphochfläche mit der atemberaubend schön gelegenen Alpe. Hier hat man bereits 600 der knapp 1500 Höhenmeter bewältigt, zu Fuß geht’s dann weiter, teils durch dichtes Erlengebüsch, hinauf zum Älpelesattel (1780 m), dem Übergang ins Dietersbachtal. Am Sattel beginnt der Aufstieg über den Südsüdostgrat des Höfats-Ostgipfels (2259 m), eine der beiden leichtesten Routen auf diesen viergipfeligen Grasberg mit seinen bis zu 80 Grad steilen Flanken. »Kaltes Blut und eisenfeste Knie sind hier erforderlich«, schrieb vor mehr als 100 Jahren Josef Enzensperger, der bekannte Allgäuer Bergsteiger, Antarktis-Forscher und Meteorologe über diesen Berg, der es ihm besonders angetan hatte.

Der Südsüdostgrat erfordert zwar Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und gute Kniegelenke, weist aber nur eine kurze, exponierte Stelle im Fels auf, an der man die Hände braucht. Bei trockenen, schneefreien Verhältnissen ist die Begehung kein Problem – stürzen darf man hier aber nicht. Beim Aufstieg zum großen Gipfelkreuz mit seinem phantastischen Panoramablick entdeckt man in den Flanken und direkt neben dem Pfad heute wieder ganze Büschel von Edelweiß, die – obwohl bereits seit 1911 geschützt – in den 1920er-und 1930er-Jahren fast ausgerottet waren, weil sie Strauß-weise an Touristen verkauft wurden. Neben dem Edelweiß findet man Edelraute, Alpenhauswurz,  mehrere seltene Tragant-Arten, Berg-Lauch, Berg-Pippau, das Einköpfige Ferkelkraut, mehrere sehr seltene Habichtskräuter, die Straußglockenblume und viele mehr.

Das Gottesackerplateau

Etwa 400 Pflanzenarten wachsen an diesem Berg aus Aptychenkalk, der großteils von einer sehr fruchtbaren Schicht kieselreicher, roter Hornsteinkalke umgeben ist. Beim Rundblick vom Höfatskreuz zeichnet sich in allen Richtungen eine Bergkette nach der anderen ab. Über der Käseralpe erhebt sich der schwärzlich glänzende Bug des mächtigen Himmelhorns mit dem legendären Rädlergrat, dahinter folgen der Schneck und der lange Steilgras-Kamm zum Nebelhorn, an dem der Laufbacher-Eck-Weg entlangführt, ebenfalls ein spektakulärer, botanisch reizvoller Panoramaweg. Blickt man zum Älpelesattel und folgt dem steilen Graskamm hinauf zum Rauheck am Weg zwischen der Kemptner Hütte und dem Prinz-Luitpold-Haus, hat man ebenfalls eine großartige Tour für Fans spektakulärer Bergregionen und botanischer Raritäten im Visier. Am Kreuzeck-/Rauheckkamm kann man beispielsweise das Ge­spornte Veilchen (Viola calcarata) entde­cken, das Einköpfige Ferkelkraut (Hypochaeris uniflora), das Karpaten-Katzenpfötchen (Antennaria carpatica), den Alpen-Süßklee (Hedysarum hedysaroides) und die Kleine Mutterwurz (Ligusticum mutellinoides).

Das Gegenstück zur Höfats sind im Kleinwalsertal das ebenfalls einzigartige Gottesackerplateau und der Hohe Ifen. Eine der botanisch reizvollsten und spektakulärsten Routen zu dieser großen Karrenhochfläche ist der Aufstieg durchs Mahdtal, vorbei am offenen Einstiegsschacht des Höllochs, der hier 90 Meter senkrecht hinabführt. Die Höhle ist inzwischen auf zehn Kilometer Länge und bis in 450 Meter Tiefe erforscht. Vorbei an der Mahdtalalpe gelangt man zum Windecksattel mit einem der größten Kopfwollgrasmoore Bayerns, dem seltenen Endivien-Habichtskraut und dem ebenfalls seltenen Ungarischen Enzian. Am Torkopf vorbei führt der Weg dann durch die beeindruckende Torkopfscharte in den Oberen Gottesackerwänden auf die riesige, von Spalten und Rissen zerklüftete Karrenlandschaft des Gottesackerplateaus. Was aus der Ferne wie eine öde, unfruchtbare Mondlandschaft aussieht, erweist sich beim Blick aus der Nähe als botanisch recht ergiebig: In den Rillen und Furchen wachsen Wilder Schnittlauch, Steinbrech, Kohlröschen, Gamswurz, Alpenrispengras…

Und man kann im Schrattenkalk 120 Millionen Jahre alte Relikte aus dem Urmeer, dem Tethys-Meer, finden: feine Einschlüsse oder Abdrucke, wie versteinerte Austern, Korallen oder Algen. Wer nur eine kurze Rundtour machen will, kann nach einem Ausflug übers Plateau durchs Kürental wieder absteigen und kommt dann an der Schneiderkürenalpe vorbei. Unter einem kleinen Felsüberhang befindet sich eine bedeutende archäologische Fundstätte aus der Steinzeit. Hier wurden über 300 Pfeilspitzen, Klingen, Bohrer und Schaber aus der Jungsteinzeit gefunden sowie die Reste einer Schutzunterkunft mit Feuerstelle aus der mittleren Steinzeit.

Über den Hohen Ifen…

Wer kann, sollte aber das Gottesackerplateau bis zum Hohen Ifen überqueren und sich richtig Zeit lassen. Wer früh genug aufbricht und trittsicher ist, der kann nach der Überquerung sogar noch den Hohen Ifen besteigen, dessen grünes Schrägdach durch seine botanische Fülle und Vielfalt einen starken Kontrast darstellt zur Mondlandschaft der  Karren. Wer sich mit der Überquerung des Gottesackerplateaus begnügt, sollte ab der Station Bergadler wenigstens noch den kurzen, aber sehr lohnenden Abstecher machen zum Gipfel des Hahnen­köpfles oben am Kamm. Und nur wenige Meter jenseits des Kammes befindet sich ein grüner Aussichtsmugel direkt unter der senkrecht aufragenden Rückseite des Hohen Ifen vor einem kunstvoll gefalteten Felswändchen mit Blick bis zum Bodensee und Bregenzer Wald.

Die Überschreitung des Hohen Ifen mit Abstieg über den Eugen-Köhler-Weg, die Ifersguntalpe und Schwarzwasserhütte bis zur Auenhütte ist im oberen Teil stellenweise gesichert und verlangt Trittsicherheit, ist bei guten Verhältnissen aber sehr lohnend und stellt selbst bei Nutzung der Ifenbahn eine eigenständige Tagestour dar. Man benötigt unterwegs erfahrungsgemäß sowieso mehr Zeit als gewöhnlich, um all die Pflanzen und den Panoramablick gebührend zu bewundern. Und gemütlich einkehren will man doch auch noch…
 
Gaby Funk
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