Der GR20 - Weitwandern auf Korsika | BERGSTEIGER Magazin
Zu Fuß durch Europa

Der GR20 - Weitwandern auf Korsika

Er gilt als der schwierigste Weitwanderweg Europas, der Korsika von Nord nach Süd durchzieht – also eine Sache nur für harte Burschen, die 176 Kilometer und 10 000 Höhenmeter am Stück wandern wollen? Unsere Autorin Dagmar Steigenberger hat das Gegenteil bewiesen. 

 
Laufen, soweit die Füße tragen: 176 Kilometer durch ganz Korsika, über Stock und Stein und felsige Bergketten, 10 000 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter © Dagmar Steigenberger
Laufen, soweit die Füße tragen: 176 Kilometer durch ganz Korsika, über Stock und Stein und felsige Bergketten, 10 000 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter
Nein, wir sind keine Wanderer. Wandern ist etwas für »Flachlandtiroler« und kleine Kinder. Wir sind Bergsteiger, wir erklimmen Gipfel. Und wenn wir uns doch einmal herablassen zu wandern, dann muss sie schon was zu bieten haben, die Welt der Karohemdenträger. Irgendeinen Superlativ wenigstens. »Der schwierigste Weitwanderweg Europas«, das würden wir schon mal in Kauf nehmen – zum Training.

So in etwa dachte ich in Calenzana, am Start- oder Endpunkt des GR 20, je nachdem in welche Richtung man läuft. Natürlich hatte ich gelesen, dass der Weg über satte 176 Kilometer und 10 000 Höhenmeter ganz Korsika durchquert. 800 Höhenmeter im Schnitt pro Tag, ha! Da hatte ich schon ganz andere Touren mitgemacht. Touren mit einem Gipfelziel jenseits der 3000-Meter-Marke, versteht sich, weil alles andere ist – ja genau – Wandern. Der höchste Berg Korsikas ist übrigens der Monte Cinto, 2700 Meter hoch.

Mit letzter Kraft zum Zeltplatz

Ich lächelte also nur milde, als sich spätnachmittags drei verwahrloste Hamburger auf dem Zeltplatz in Calenzana einfanden. Ihre Gesichter von Bart eingewuchert, ihre Klamotten übelriechend, ihre Körper ausgemergelt. »Gottseidank, jetzt haben wir’s geschafft«, pressten sie erschöpft durch die spröden Lippen. Als wären sie grad vom Mount Everest gekommen. Aber es war doch nur der GR 20!

Nur zwei Tage später sahen meine Bergsteigerfreundin und ich – bis auf den fehlenden Bart – genauso aus. Mit letzten Kräften stolperten wir bis an den ersten Zeltplatz am Refuge Carrozzu und ließen uns auf den Waldboden fallen. Einfach nur die brennenden Füße von mir strecken und den Rucksack vom schmerzenden Rücken nehmen!

Am nächsten Tag kämpften wir uns noch eine Etappe weiter nach Haut Asco, dann gaben wir auf und tauschten Berge gegen Strand ein. Die Hitze, die spärlichen Quellen, der schwere Rucksack, der steile Weg mit den Kletterstellen! All das hatte uns zwei Bergsteigerinnen nach nur drei Tagen GR 20 schachmatt gesetzt.

Durch Korsika in 16 Tagen

Ein Jahr lang übte ich mich in Respekt vor dem »schwierigsten Weitwanderweg Europas«. Im August 2007 machte ich mich abermals auf den Weg, diesmal mit männlicher Unterstützung. Mein Freund und ich ließen alles daheim, was das Gepäck unnötig schwerer machen könnte. Und hatten trotzdem noch jeder 13 Kilo plus drei Liter Wasser auf den Schultern lasten.

Zum zweiten Mal also kam ich nach Calenzana, diesmal allerdings recht kleinlaut. Statt der ersten zwei Etappen, bei denen man zunächst 1800 Höhenmeter hinauf steigt, um dann die Hälfte wieder abzusteigen, wählten wir diesmal die Luxus-Variante zur Carrozzu-Hütte: ohne großes Auf und Ab über das Forsthaus Bonifatu.

Meine Knie dankten mir den anfänglichen Abkürzer: Am dritten Tag trugen sie mich immer noch verlässlich die abschüssigen Felsplatten durch die Spasimata-Schlucht hinauf und den steilen Abstieg nach Haut Asco hinunter. Ebenso am vierten Tag, durch den Felsenkessel des Cirque de la Solitude mit seinen senkrechten Wänden, an denen man nur mithilfe von Trittleitern und Eisenketten 200 Meter hinunter und drüben wieder hinauf kommt.

Sie trugen mich vorbei an der mächtigen Steinpyramide der Paglia Orba und entlang des Golo-Flusses durch ein wildes Hochgebirgstal, in dem die hochsommerliche Hitze unsere Köpfe versengte und das kalte Wasser in den Gumpen unsere Füße kühlte. Vom Col de Verghio trugen sie mich am sechsten Tag so schnell wie möglich weiter, denn auf der eingezäunten Wiese am Pass fühlten wir uns weder draußen noch im Zelt wirklich wohl: rundherum grunzende Wildschweine und – schlimmer – röhrende Autos, die mit heißem Motor am benachbarten Hotelbunker zum Stehen kamen.

Fernab der Zivilisation

Am Lac de Nino mit seinen saftigen Wiesen, den verzweigten Wasserläufen und wilden Pferden war die Zivilisation wieder weit entfernt und vergessen. Eine Bergerie versorgte uns mittags mit Käse, Brot und süffigem Rotwein – unsere nächste Station, das Refuge Manganu, war ja bereits in Sichtweite. Nachdem wir am siebten Tag auch noch die felsige Gratwanderung in luftiger Höhe über den beiden Gebirgsseen Capitellu und Melo geschafft und die kniffelige Stelle nicht einmal bemerkt hatten, die im Führer mit Ausrufezeichen gekennzeichnet war, kehrte allmählich meine Zuversicht zurück. 

Dem elitären Kreis der Cracks gehörten wir aber immer noch nicht an. Dem Kreis derjenigen, die nach dem ersten Small Talk am Refuge Petra Piana sofort wissen wollten: »Where did you double?« – »Wo hast du zwei Etappen auf einmal gemacht?« Nein, dieser Hektik, diesem Wettkampfdenken wollten wir uns nicht unterwerfen. Wir genossen es, die Insel zu Fuß, in der langsamsten Fortbewegungsart, zu durchqueren.

Mit jeder Etappe erschloss sich uns eine neue Seite von Korsika: Unsere Nasen sogen den herben Duft der Macchia ein, unser Gaumen schmeckte auf den zahlreichen Bergerien den salzigen, kühlen Ziegenkäse und die gepfefferte korsische Salami. Krüppelige Wurzelstämme verwandelten sich unter unseren Augen in gemeine Hexen, wilde Tiere und zarte Elfen.

Nachts hörten wir den Wind in den hohen Wipfeln der Laricio-Kiefern rauschen. Tagsüber klopften unsere Wanderstöcke auf Felsen, und einmal rieben sich darauf auch unsere Hintern rot, nachdem wir am Manganello-Fluss eine sanft geschwungene Steinrinne zu unserer Wasserrutsche erkoren hatten.

Nun, nachdem wir den schwierigen Nordteil des GR 20 hinter uns gelassen hatten, glaubte ich verstanden zu haben, wie der GR 20 funktionierte. Das Ziel war nicht, in möglichst kurzer Zeit auf einen Gipfel zu rasen, um wieder einmal sich selbst etwas zu beweisen. Wenn es so war, lag unser Gipfel am tiefsten Punkt: in Conca, 250 Meter über dem Meer. Und von dem waren wir nun, südlich von Vizzavona, noch fünf Tagesmärsche, 68 Kilometer und  3200 Höhenmeter entfernt.
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