Faszination Klettersteig | BERGSTEIGER Magazin
»Klettersteigpapst« Eugen E. Hüsler über die Leidenschaft Klettersteig

Faszination Klettersteig

Seit vier Jahrzehnten ist unser Mitarbeiter Eugen E. Hüsler der »Faszination Klettersteig« erlegen – Grund für uns, ihm einige Fragen zu stellen und den »Klettersteig-Papst« von seinem ersten Klettersteig im Jahr 1969 und seinem (hoffentlich nicht) letzten im Jahr 2009 erzählen zu lassen.

 
Die Via ferrata degli Alleghesi auf die Civetta zählt zu den ganz großen, klassischen Kletter-steigen in den Dolomiten © Bernd Ritschel
Die Via ferrata degli Alleghesi auf die Civetta zählt zu den ganz großen, klassischen Klettersteigen in den Dolomiten

Mein Erster: die »Via ferrata Tomaselli«

Bestimmt würde der »Tomaselli-Klettersteig« auch zu meinen Favoriten zählen, wenn da nicht diese Geschichte gewesen wäre. Aber der erste ist halt immer etwas Besonderes – nach vier Jahrzehnten auf Eisenwegen erst recht. Ein Satz, gesprochen für die Geschichtsbücher, mehr als 380.000 Kilometer fernab der Erde, damals in jener europäischen Sommernacht vom 20. auf den 21. Juli 1969. Neil Armstrong betrat als erster Mensch die Oberfläche des Mondes, nach einem beinahe verunglückten Landemanöver, und ich saß im Bistro des Campings Olympia in Cortina d’Ampezzo, eine Cola vor mir und erlebte am TV den sinnlos-grandiosen Menschheitsmoment mit.

Da hatte ich meine Science-Fiction-Phase längst hinter mir, Bergsteigen war wichtiger als der verrückte Traum vom Flug zum Mond. Doch so ein Moment lässt dich nicht unberührt, da reist du mit hinaus in die unendliche Weite und Finsternis, und wenn der Fuß eines Erdenmenschen – des ersten! – den lunaren Staub aufwirbelt, wird dir bewusst: Dies ist eine historische Marke, vielleicht sogar vergleichbar mit der Erfindung des Rades. Es war kein Tag wie jeder andere, und nicht nur wegen der ersten Mondlandung, doch das wusste ich noch nicht. Juli in den Ampezzaner Dolomiten, das hieß damals: tagsüber klettern oder an der Sonne dösen und abends Pizza con tutto. Das mit dem Klettern hatte an diesem Tag nicht so richtig geklappt. Vielleicht lag’s ja an jenem Geschichtenerzähler, der als Gunther Langes einen Leitfaden für Routensucher verfasst hatte, möglicherweise auch an unserer Unerfahrenheit.

Jedenfalls verpassten wir den Einstieg, entdeckten dafür wenig später ein Drahtseil. Das schlängelte sich ziemlich steil und in kürzeren Abständen verankert an Bändern entlang, durch Kamine und über Wandstufen bis hinauf zum Gipfelkreuz: 2.980 Meter über dem Spiegel des Mittelmeers. Natürlich hatten die beiden Ostalpen-Greenhorns aus der Schweiz noch nie etwas von einer Via ferrata gehört, und auf der Südlichen Fanisspitze war keiner, der uns hätte aufklären können. Immerhin: Beim Abstieg benutzten wir die Hilfskonstruktion instinktiv richtig, wenn man einmal davon absieht, dass wir dies natürlich ohne Selbstsicherung taten.

Viele Jahre später erst wurde mir klar: Am 20. Juli 1969 hatte nicht nur für die große Welt, sondern auch für einen jungen Zürcher ein neuer Zeitabschnitt begonnen. Da passt es irgendwie, dass genau in diesem Jahr ein dünnes Bändchen mit grünem Umschlag bei Polyglott erschien: »Alpenstraßen Tirol Südtirol Dolomiten«. Über den Falzàregopass konnte man in bestem Baedeker-Stil nachlesen: »Die dritte Wasserscheide, die die Große Dolomitenstraße überquert, wird im Süden von den Ausläufern der Punta Gallina und im Norden vom Kleinen Lagazuoi (2778 m) begrenzt, dessen riesige Schuttkegel von Sprengungen im Ersten Weltkrieg herrühren. Im Westen ragt der Hexenstein auf, dem sich gegen Süden der Col di Lana und die eisgepanzerte Marmolata anschließen. Im Osten ist die Weite des Ampezzaner Beckens sichtbar. Jenseits des Tales erkennen Sie den mächtigen Sorapis (3205 m), davor die Cinque Torri (2366 m), links schließt die Steilwand der Tofana di Rozes (3225 m) die alpine Szenerie eindrucksvoll ab. Seilschwebebahn Falzárego – Kleiner Lagazuoi (Bergstation 2748 m; Fahrzeit 4 Min.).«

Wir rutschten aus der Selletta Fanis durch das südseitige Kar ab, schüttelten uns den (Erden-)Staub von den Schuhen und wanderten zurück und hinab zum Passo Falzárego. Ohne Sicherung…

Zwei Jahre später  (1971) erschien in München, beim Bergverlag Rother, ein schmales Büchlein über die Klettersteige der Dolomiten, verfasst von Hilde Frass: der erste Spezialführer zu einem Thema, das mich nicht mehr loslassen sollte. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis meine »Dolomiten Klettersteige« herauskamen, in Innsbruck beim kleinen Denzel-Verlag. Im Frühling 1982 war es so weit, 80 Vie ferrate »begangen, beschrieben, fotografiert und gezeichnet von Eugen E. Hüsler«, wie Eduard Denzel schrieb. Immerhin vier Auflagen erlebte das Büchlein, und wenn ich heute darin blättere, werden allerlei Erinnerungen lebendig. Manche Bilder wirken ein bisschen wie aus dem Museum, nicht nur der Kniebundhosen und der roten Stricksocken wegen. Unsere Ausrüstung von damals würde Pit Schubert im Nachhinein den Schweiß auf die Stirn treiben: eine dünne Seilschlinge, ein Karabiner zum Klettergurt, ein zweiter, um sich ans Drahtseil zu binden. So waren wir auf der »Costantini«, auf der »Alleghesi« und an vielen anderen Vie ferrate unterwegs: ausrutschen, stürzen absolut verboten!

Über die »Ferrata Tomaselli«, meine zufällige und erste Begegnung mit fix montierten Drahtseilen, konnte man in dem Führer von 1982 nachlesen: »1969 eröffnet, nimmt sie in dem reichen Klettersteigangebot der Dolomiten einen Spitzenrang ein. Sie gilt nicht nur als eine der anspruchsvollsten Anlagen, Zugang und Überschreitung der Südlichen Fanisspitze wickeln sich auch in einer besonders großartigen Szenerie ab. Es dominiert die Vertikale; Drahtseile, verankert in festem Gestein, entführen den Ferratageher in steilsten Fels, prüfen seinen Mut und sein Können.

Über senkrechte Wände, exponierte Kanten, über Schrofen und Bänder leitet die gesicherte Route zum Gipfel des ›Fast-Dreitausenders‹. Nichts für Anfänger, aber eine prächtige Genusstour für Geübte! Wer den Schwierigkeiten gewachsen ist, findet ausreichend Zeit, die einmalige Kulisse zu würdigen: im Osten, auf einem mächtigen, gebankten Sockel fußend, der Tofanastock, kontrastierend dazu die schlanken Felstürme des Lagazuoigrates, im Westen, über den grünen Matten der Pralongià, das Sellamassiv, im Südwesten die Marmolada mit ihrem Firnschild.« Stimmt. Die Ferrata wurde erst jüngst total saniert und ist jetzt wieder fast so neu wie an jenem denkwürdigen Tag, als ich das erste Mal ein Klettersteig-Drahtseil in die Hand bekam.

Zehn Fragen - zehn Antworten: Eugen E. Hüsler im Interview über das »Faszinosum Klettersteig«
 
Eugen E. Hüsler
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