Wanderparadies Dolomiten und Langkofelgruppe

Im Bannkreis des Langkofels

Moderner Tourismus und ladinische Tradition, Bergidyllen der Marke »Seiser Alm« und Felsmassive vom Kaliber eines Langkofels, beschauliches Wandern und ambitioniertes Bergsteigen – das Erscheinungsbild des Grödner Tales als Top-Destination der Dolomiten ist das eine, viel wichtiger jedoch, was jeder aus diesem Angebot für sich persönlich schöpft…
Von Mark Zahel

 
Beim Abstieg vom Grödnerjoch © Ralf Gantzhorn
Beim Abstieg vom Grödnerjoch
Eher zufällig bin ich eben auf dieses Bild gestoßen: Vorn ein Weiler am freundlichen Wiesenhang mit dunkelgrünen Waldflanken gegenüber. Dazwischen schlängelt sich ein alpines Tal seiner Hintergrundkulisse entgegen und lenkt den Fokus auf ein markantes Zackenriff sowie ein nicht minder auffälliges breites Felsbollwerk mit Flachdach: Klar, so empfängt uns Gröden, stets »bildschön«, stets verheißungsvoll!

Wie war das eigentlich, als ich das erste Mal fast beklommen an die zyklopischen Felsmauern der Sella herantrat, um Stunden später über dieses steinern-bleiche Flachdach zu stolpern? Oder als sich ein lang gehegter Traum erfüllte und ich nach verwickelter Kletterei endlich erfahren durfte, wie Grödens Bergwelt von ihrem Wahrzeichen und ganzen Stolz, vom höchsten Punkt des Langkofels ausschaut? Während draußen vor meinem Fenster der Frühling grad noch kein Lebenszeichen von sich geben mag, schweifen die Gedanken – versunken in dieses Bilderbuchmotiv – unweigerlich ab, mitten hinein in die sommerliche Dolomitenpracht.

Langkofelscharte – Fassaner Band – Langkofelkar – Eisrinne – Amphitheater – Führerrinne – Roter Turm. Was hier in schlichtem Telegrammstil erscheint, ist in meinem Kopf angereichert mit einem Füllhorn von Eindrücken aus wilden Felsenwinkeln, mit der Herausforderung einer anspruchsvollen, langen und komplizierten Route, mit einem Gipfelgefühl, wie man es nicht alle Tage und auf jedem x-beliebigen Berg haben kann. Der Langkofel allein würde schon genügen, um Grödens hohes Renommee zu sichern. Er verkörpert exakt das, was viele einen »Traumberg« nennen, und bricht, sobald man sich diesen Traum einer Besteigung erfüllt hat, keineswegs als eine Art Potemkinsches Dorf in sich zusammen, sondern strahlt seine Erhabenheit noch überwältigender aus als je zuvor.

Auf der Seiseralm

Keine Frage: Der schroffe Dolomit, in Jahrmillionen am Meeresboden der Tethys Schicht um Schicht abgelagert, von den Urkräften der Plattentektonik herausgehoben und schließlich vom Zahn der Zeit geradezu kunstvoll zu den heutigen Riesenskulpturen zernagt, ist das charismatische Element, für das man die Gegend liebt und bewundert. Das gilt selbstredend für alle »Zünftigen«, die den Fels unmittelbar »begreifen«, aber auch für all jene, die das beschauliche Bummeln über die sanften, grünen Wogen der Seiser- und Cislesalm vorziehen.

Obschon der Andrang zuweilen fast zu viel ist – ich reihe mich trotzdem immer wieder mal gern dort ein. Denn den Reizen dieser offenen, heiteren Kulturlandschaft kann man sich kaum entziehen, wozu auch, bei solch einem Seelenbalsam? Mitunter hab ich’s mir zeitlich ein bisschen pfiffiger eingerichtet und bin zu früher Morgenstund’, wenn die Touristenmassen gewöhnlich noch in ihren Hotelbetten schlummern, aufgekreuzt, oder spät im Jahr, wenn die Dolomitklötze ringsum bereits ihre Schneehäubchen übergezogen haben und die weithin verlassene Alm einen fast herben Zauber verströmt.

Angesichts ihres ausgedehnten Rahmens zwischen Schlern, Langkofel und dem Randabbruch zum Grödner Tal bietet die Seiser Alm ohnehin jede Menge Auslauf und ist für eine flüchtige Stippvisite à la Reiseveranstalter eigentlich deutlich zu groß. In die traditionellen rustikalen Schwaigen und Heuschober – wie sie großzügig über die Wiesenteppiche verstreut liegen – kann man sich richtig vernarren. Und natürlich in die üppige Blumenpracht kurz vor der ersten Mahd, jedenfalls dort, wo ihr die unsägliche Überdüngung noch nicht zu sehr mitspielt. Am Südfuß der Geislerspitzen bis hinüber zum aussichtsreichen Pitschberg ist die Cisles das kleinere Pendant zur Seiser Alm. Mehr auf Tuchfühlung mit den richtigen Bergen wird hier sogar eine alpinere Note versprochen – und noch jede Tour, die drunten in St. Christina oder am Col Raiser begann, hat mir ein fantastisches Bergerlebnis beschert.

Zwischen Geisler und Sella

Einmal sollte es auf die Kleine Fermeda gehen. Zweierlei ist davon besonders lebendig im Gedächtnis haften geblieben: die anregende Kraxelei in herrlich griffigem Fels sowie eine wahre Edelweißorgie am schrofigen Vorbau, wie ich sie selten irgendwo angetroffen habe. Im Bemühen keinem einzigen dieser zarten Pflänzchen eine Blüte zu krümmen, schlich man an den Steilwiesen aufwärts. Aussichtsmäßig ist die Fermeda freilich auch eine Wucht, wie die ganze Kette der Geislerspitzen: südwärts über die grüne Cisles­alm Richtung Grödner Berge und zum beherrschenden Langkofel, weitaus jäher noch über den Nordabbruch hinab ins Villnösstal.

Da liegt mir spontan das Lachen auf dem Sas Rigais wieder im Ohr. Eine stattliche Gesellschaft von ein, zwei Dutzend Gipfelstürmern hatte sich am höchsten Punkt der Geislergruppe eingefunden, gewiss nichts Ungewöhnliches bei diesem Parade-Dreitausender. Die Stimmung war gelöst, passend dazu schien die Sonne warm vom blauen Himmel, was ein paar junge Kerle dazu anhielt, ihren braungebrannten Körpern den allerletzten Schliff zu verleihen (oder einfach nur den Mädels zu imponieren?). Auf den Sas Rigais bin ich als langjähriger Dolomitenfan immer wieder zurückgekommen – es ist halt eine klasse Tour mit den beiden leichten Klettersteigen, die sich perfekt kombinieren lassen.

Eine feine Gipfelüberschreitung bietet auch der Col dala Piëres gegenüber, mehrfach erprobt vom Stützpunkt Regensburger Hütte oder direkt aus dem Tal über die Stevia. Das Panorama – ich befürchte, mich zu wiederholen – abermals vom Feinsten, aus dieser Perspektive stehen die Geislerspitzen regelrecht Spalier. Von der angrenzenden Puez wüsste ich ebenfalls eine Menge zu berichten, etwa über die tollen Balkonwege, die sich rund ums tief eingefurchte Langental ziehen und dabei die eigentümlich tristen Karsthochflächen der Gherdenacia und Crespëina berühren. Einmal gab’s hier das fahle Licht eines schwülen Frühsommertages, das regelrechte Melancholie aufkommen ließ. Da war mir der Nordföhn mit kristallklarer Luft natürlich wesentlich lieber…

Apropos Hochfläche: Das Dolomitenmassiv, das wohl jeder auf Anhieb mit diesem Typus verbindet, ist die Sella. Ihre unglaubliche Masse, zweigeschossig mit einem Unterbau aus Schlerndolomit, einem oberen Stockwerk aus Hauptdolomit und dem trennenden Ringband aus weicheren Raibler Schichten, steht vollkommen isoliert im Brennpunkt aller vier ladinischen Täler. Blickt man von unten in die fast ringsum festungsgleichen Felsgürtel, kann man sich die leere Weite auf dem Plateau kaum vorstellen. Sellatouren wohnt gemeinhin etwas Ernstes inne, was man speziell auf den beiden klassischen Klettersteigen von Anfang an zu spüren bekommt:

Der altehrwürdige »Pößne­cker«, schon vor hundert Jahren angelegt, kommt fast wie eine moderne Sportferrata daher, nur nicht ganz so aufwändig gesichert und ohne jeglichen Andrang übrigens an jenem prächtigen Septembertag vor dreieinhalb Jahren, dem ich mit dem Piz Boè sogar noch das i-Tüpfelchen aufsetzen konnte. Dort oben, am Scheitelpunkt der Sella, ging’s dann allerdings sehr turbulent zu, genau wie meistens am Pisciadù-Klettersteig, der offenbar nicht nur in meiner ganz persönlichen Gunst ziemlich weit oben rangiert. Er trifft halt vom Anspruch her ein gutes Maß und setzt auch landschaftlich starke Akzente. Normalerweise ist für mich diese Tour aber erst mit der »eisenfreien« Cima Pisciadù vollständig.

Nette Nachbarn

Je tiefer ich nun in der Erinnerungskiste grabe, desto mehr Details treten hervor. Die Spritztouren an den Cirspitzen etwa, die als bizarrer Drachenschwanz der Puezgruppe der grimmigen Sella-Nordfront gegenüberstehen…

Wie oft ich bisher auf dem Schlern stand, müsste ich erst ausrechnen, wann es dort am schönsten war, weiß ich noch genau: Ein stiller, schon recht kalter Oktoberabend bescherte mir das unvergessliche Alpenglühen in den Felsen von Rosengarten, Langkofel und Co. – Augenblicke voller Romantik, an denen man am liebsten die Zeit anhalten möchte. Auch die Verbindung vom Schlern zum Tierser Alpl, vorzugsweise über den lustig-luftigen Maximiliansteig, sowie die Langkofelrunde in diversen Variationen und Ausuferungen gehören zum guten alten Standardrepertoire in den Grödner Dolomiten.

Ich habe meine Besuche dort übrigens nie so ganz »eng« gesehen. In einzelne Massive gegliedert, präsentiert sich die Dolomitenwelt zwischen ihren Talschaften ja meist nicht allzu barrierenhaft. Umso spannender ist es doch, die Geisler-, Sella- oder Langkofelgruppe von verschiedenen Seiten in Augenschein zu nehmen und aus Grödner Sicht auch den einen oder anderen Seitensprung zu riskieren: ins stillere Villnösstal zum Beispiel, ins Hochabtei jenseits des Grödner Jochs, nach Seis und Kastelruth am Fuße des Schlern oder gern auch ins obere Fassatal.

Ja, so viele Erinnerungen schießen mir kreuz und quer durch den Kopf, und kaum zu glauben, wie die Zeit vergangen ist, seit ich erstmals dem melodiösen Lockruf »Val Gherdëina« gefolgt bin. Wahr ist allerdings auch, dass ich die letzten drei Jahre Gröden nur mehr allein aus dieser geistigen Perspektive heraus gesehen habe, ohne den unmittelbaren Eindruck aufzufrischen und zu vertiefen. Was eindeutig ein Versäumnis ist, das im kommenden Sommer dringender Abhilfe bedarf. Denn allein in Erinnerungen zu schwelgen – so schön dies auch sein mag –, wäre mir doch zu wenig, solange ich auf den anmutigen Wiesenwellen und wilden Felskolossen leibhaftig herumlaufen darf. Die nächsten Pläne dafür werden schon geschmiedet…
Die Langkofelgruppe - Grödner Tal
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2010. Jetzt abonnieren!
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