Eugen E. Hüsler über das Faszinosum »VIA FERRATA« | BERGSTEIGER Magazin
Der »Klettersteigpapst« über die Leidenschaft Klettersteig

Eugen E. Hüsler über das Faszinosum »VIA FERRATA«

Zehn Fragen - Zehn Antworten: Eugen E. Hüsler erzählt im Interview, über seine ersten Erfahrungen mit den Eisenwegen, und wie er zum »Klettersteigpapst« wurde.
 
Das Bild ist alt, der Mann dafür noch jung; die Schlüsselstelle der »Tomaselli« vor über 30 Jahren © Eugen E. Hüsler
Das Bild ist alt, der Mann dafür noch jung; die Schlüsselstelle der »Tomaselli« vor über 30 Jahren
Wer vier Jahrzehnte auf Eisenwegen unterwegs war, hat zu diesem Thema eine Menge zu erzählen; wir haben den Klettersteig-Papst zu Hause in Dietramszell besucht.

Bergsteiger: Vor 40 Jahren hast Du Deinen ersten Klettersteig gemacht; warum blieb es nicht dabei?
Eugen E. Hüsler: Weil’s Spaß machte! Klettersteige waren für den Schweizer, der bislang nur eisenfreie Berge kannte, eine komplett neue Erfahrung. Und das in den Dolomiten! Da hat die Chemie einfach gestimmt: Fe + CaMg[CO3]2

Bergsteiger: Klettersteige sind ja eigentlich keine Erfindung unserer Tage, die gibt’s schon lange; wo wurde der erste Steig angelegt?
Eugen E. Hüsler: Am Dachstein, im Jahr 1843. Ein paar von den alten Eisen stecken noch heute im Fels. Auch der Großglockner hatte mal seinen Klettersteig. In der Pionierzeit des Alpinismus wurde der Stüdlgrat gesichert. Es ging einfach darum, die Normalwege auf große Gipfel leichter begehbar zu machen, auch für die Bergführer, die sich ja oft mit völlig unerfahrenen Kunden abzumühen hatten. So bauten vor hundert Jahren zwei Guides aus dem Val d’Anniviers die westseitige Young-Rippe am Weisshorn (!) klettersteigmäßig aus.

Bergsteiger: Du sprichst von über 1000 Klettersteigtouren in den letzten 40 Jahren; gab es Momente, in denen Du die »Schnauze voll« hattest von all dem Eisen?
Eugen E. Hüsler: Ich bin ja immer in erster Linie Bergsteiger und Naturfreund gewesen, was vielleicht bei meiner »Dauerberichterstattung« zum Thema Klettersteige etwas untergegangen ist. Von den rund 70 Büchern, die ich bisher verfasst habe, dürften höchstens zwanzig Klettersteige zum Thema haben. Einen Dämpfer hat meiner Begeisterung für Klettersteige die französische Variante versetzt: Spektakel in der Vertikalen ohne Bezug zum Berg und zur Natur.

Bergsteiger: Man nennt Dich in Fachkreisen gerne den »Klettersteig-Papst«; kannst Du Dich daran erinnern, wie Du zu diesem Titel gekommen ist?
Eugen E. Hüsler: Der Titel ist mir ganz allmählich zugewachsen, demokratisch sozusagen. Ich kann mich noch an einen Leserbrief mit der Anrede »Lieber Klettersteigpapst« erinnern – ist schon lange her. Für unfehlbar halte ich mich allerdings nicht…

Bergsteiger: Du hast vier Jahrzehnte lang die Erschließung der Alpen mit Eisenwegen aktiv verfolgt; welche Trends sind für Dich bemerkenswert?
Eugen E. Hüsler: Da gibt es verschiedene Entwicklungen, die sich teilweise überschneiden: der erste Boom in den Dolomiten, die Ausbreitung des »eisernen Virus« auf die Westalpen, die »Neuerfindung« der Via ferrata durch die Franzosen, die Verlagerung vom Alpin- zum Sportklettersteig.

Bergsteiger: Derzeit wachsen ja – vor allem in Österreich – die Klettersteige wie die Pilze aus dem Boden; wie beurteilst Du diese Entwicklung?
Eugen E. Hüsler: »Abenteuer light« liegt im Trend, die Tourismusorte möchten für ein jüngeres Publikum wieder attraktiver werden. Da passen Klettersteige gut, und im Gegensatz zu früher, als eine Alpenvereinssektion mühsam das Geld für eine Via ferrata zusammenkratzen musste, sind die Finanzen heute kein Problem. Manchmal hilft sogar die EU. Über das Ergebnis muss man allerdings nicht unbedingt glücklich sein: Masse statt Klasse.

Bergsteiger: »Höher – steiler – schwieriger«: Unter diesem Vorzeichen entstehen immer extremere Eisenwege; welche Gefahren siehst Du da?
Eugen E. Hüsler: Klettersteiggehen ist kein Spitzensport. Wer seinen Spaß am Drahtseil hat, ist kein Alexander Huber. Deshalb halte ich es für gefährlich, immer schwierigere Routen anzulegen. Das Risiko steigt, der Genuss schwindet. Man muss sich nur die Begehungszahlen angucken. Am »Braunwalder Klettersteig«, einer echten Genussroute, waren im Jahr 2008 rund 7000 Bergsteiger unterwegs. Warum? Weil das Anforderungsprofil stimmt – und die Kulisse auch. Die (vertretbare) sportliche Herausforderung verbindet sich mit dem Naturerlebnis zu einem tollen Bergtag. Übrigens: Die cleveren Glarner wollten es ganz genau wissen mit den Besucherzahlen und haben an ihrer Ferrata einen Lichtschranken-Zähler montiert…

Bergsteiger: Was würdest Du jemandem empfehlen, der seinen ersten Klettersteig gehen möchte?
Eugen E. Hüsler: Klein anfangen, vorher vielleicht auf einen Hochseilgarten gehen, um Schwindelfreiheit und Beweglichkeit zu testen. Die Klettersteig-Ausrüstung kann man in manchen Tourismusorten oder auf Berghütten mieten, das reicht für den ersten Versuch. Nicht unterschätzen sollten Anfänger den alpinen Charakter der meisten Klettersteige. Da wird auch ein Mindestmaß an Bergerfahrung verlangt.

Bergsteiger: Wie »gefährlich« ist eigentlich das Klettersteig-Gehen?
Eugen E. Hüsler: Klettersteig-Gehen ist ein vergleichsweise ungefährlicher Sport, das belegen Statistiken. Größter Risikofaktor ist (wie fast immer) der Mensch: ungenügende Ausrüstung, mangelnde Fitness, Selbstüberschätzung usw. Wer sich richtig ausrüstet (und die Ausrüstung auch benützt), eine Tour sorgfältig plant und die Wetterentwicklung (Gewitter!) nicht aus den Augen verliert, ist auf Klettersteigen sicher unterwegs – mit jenem Restrisiko, das sich bei keinem Freiluftsport vermeiden lässt.

Bergsteiger: Und nun das »letzte Wort« dem Klettersteig-Papst!
Eugen E. Hüsler: Das würde ich gerne an die Architekten neuer Klettersteige richten: Schaut wieder mehr auf die Natur und weniger aufs Spektakel. Wir brauchen kein alpines Disneyland! Klettersteige sollen Menschen in die Berge führen, ihnen faszinierende Erlebnisse vermitteln und sie dabei auch sportlich fordern. In Grenzen! Die Berge sind auch deshalb so groß(artig), weil wir Menschen so klein sind. Und diese Einsicht – mag sie auch banal erscheinen – würde unserer Wir-wachsen-ohne-Ende-Gesellschaft gut anstehen. Man kann beim Bergsteigen eben nicht nur Spaß haben, sondern sogar das eine oder andere lernen…
 
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2008. Jetzt abonnieren!
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