Klettern am »Monte Pinnow« | BERGSTEIGER Magazin
Monte Ponnow - klettern an den Wänden eines ehemaligen Bunkers

Klettern am »Monte Pinnow«

Der »Monte Pinnow« ist die nördlichste Klettermöglichkeit an der frischen Luft und eine der ältesten künstlichen Kletteranlagen in Deutschland. Rolf Witt und Ralf Gantzhorn schreiben über ihr »Heimatgebiet« – einen ehemaligen Bunker.
 
Warm up. Ralf Gantzhorn bereitet sich auf die längeren Routen am Turm vor. © Ralf Gantzhorn
Warm up. Ralf Gantzhorn bereitet sich auf die längeren Routen am Turm vor.
Bizarre Wolkenfetzen hasten über den ultramarinblauen Himmel, der Geruch von Salz und Meer liegt in der Luft. Plötzlich heiseres Gekreische von Möwen und Dohlen, dann ein Schrei – und ein Kletterer hängt an einem merkwürdig geformten Felsturm, im Hintergrund liegt die Nordsee. Pure Phantasie? Nein, denn Deutschlands nördlichster legaler Freiluftklettergarten – am Kalkberg in Bad Segeberg ist ja nur noch das Cowboy- und Indianerspielen erlaubt – befindet sich südlich von Wilhelmshaven am Jadebusen. Und von dessen höchstem Punkt genießt man nicht nur einen hervorragenden Blick über den Deich aufs Meer, sondern kann sich auch wunderbar die Finger lang ziehen.

Dieser Freiluftklettergarten ist eigentlich ein Luftschutzbunker aus solidem Beton, der nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt werden sollte. Wie alles aus dem Dritten Reich, sollte auch dieses Erinnerungsstück so schnell wie möglich vergessen sein. So leicht war das allerdings nicht: Zwar flogen bei einem Sprengversuch die Pfannen vom benachbarten Bahnhofsdach, der Bunker jedoch neigte sich nur etwas. Wir Kletterer profitieren heute von dieser Fehlleistung, denn der insgesamt 18 Meter hohe, kreisrunde Turm ist durch seine Neigung von 18 Grad der ideale Kletterspot. Auf der einen Seite überhängend, auf der anderen Seite geneigt und dazwischen senkrecht, bietet der Turm den von der Natur übel benachteiligten kraxelnden Küstenbewohnern ein perfektes Trainingsgelände.

Das erkannten zum Glück auch die Oberen der DAV-Sektion Wilhelmshaven (die gibt’s wirklich!), und das zu einem Zeitpunkt, als künstliche Kletteranlagen für die meisten DAV-Funktionäre noch gänzlich unbekannt waren. Auf Initiative des seiner Zeit weit vorausdenkenden Gerhard Pinnow (aha!) erwarb man bereits im Mai 1983 den schrägen Bunker und begann kurz danach mit dem Einrichten von Kletterrouten. Ein nicht immer leichtes Unterfangen, denn jeder Griff und Tritt musste mühsam mit dem Bohrhammer aus dem Beton gemeißelt werden. Darüber hinaus richtete die Sektion am Vorturm eine 32 Meter lange und fünf Meter hohe Übungswand aus Natursteinen ein. Vielfältige Felsstrukturen erlauben hier eine optimale Anfängerschulung oder ein schönes Warm Up für die »großen« Routen am Turm. Die knapp vierzig Linien dort haben es übrigens in sich. Und Pinnow-Neulinge werden sich wundern, wie angenehm sich das Gestein Beton tatsächlich klettert.  

Den Anfang in der Vertikalen am Monte Pinnow macht man am besten im Osten, denn dort befindet sich der geneigte Bereich des Bunkers. Einige die Fußtechnik schulende Platten und Rißkraxeleien zwischen dem II. und VI. Grad warten hier auf den Kletterer. Südfrankreich-verwöhnte Felsgeher werden allerdings schnell merken, dass zwischen den zuverlässigen Bolts der eine oder andere runout liegt und manchmal sogar ein Keil nötig ist. Auf der Südseite steilt der Turm deutlich auf. Die Routen dort schließen obendrein mit einem Dach ab. DER Klassiker schlechthin in diesem Sektor ist die »Startbahn West« (VII). Der aktivste Erschließer des Bunkers, Rolf Witt, hat diese Linie zusammen mit Jörg Benjes kreiert. Die sehr abwechslungsreiche Route hat schon so manchen auf Fingerlöcher spezialisierten Hardmover ins Seil fallen sehen. Ein weiterer Höhepunkt in diesem Bereich: Der spektakuläre Dachzappler »Große Freiheit« (VII – wie sollte es anders sein). Beifall von den am Bahnhof auf den Zug Wartenden ist jedenfalls garantiert. 

Der Damenweg

In den zunehmend überhängenden Wandklettereien an der Westseite geht´s deftig zur Sache: Viele mittelschwere Routen im VII. und VIII. Grad gibt es dort, und jede hat ihren eigenen Charakter. Mal ist Dauerpower gefragt, mal ausgefeilte Klettertechnik, mal kommen harte Einzelmoves und manchmal auch Stellen mit großen Anforderungen ans Gleichgewicht. Besonders empfehlenswert ist »Friesisch herb« (VIII+), ein weiterer Klassiker vom Team Witt/Benjes. Sehr beliebt (vor allem im Toprope) ist auch die »Saure-Gurken-Zeit« (VII+/VIII–) von Stephan Böhm, einem weiteren sehr aktiven und kreativen Erbauer vieler schöner Routen. Es wird aber auch noch härtere Kost geboten: Sehr abwechlungsreich ist die Witt’sche Route »N’oubliez pas vos rêves« (»Vergesst Eure Träume nicht«) im glatten IX.Grad und die momentane Toproute »Liebe und Triebe« (ca. X–), die aber noch  auf eine vollständige Rotpunktbegehung wartet. 

Ein Besonderheit am Monte Pinnow ist der »Damenweg« (VI+). In jahrelanger Grobarbeit hat sich hier Dieter Frey ein Denkmal für die Ewigkeit erbohrt: Mitten durch den am stärksten überhängenden Teil des Turms hat er mittels einer riesigen Flex eine formidable Risskletterei mit riesigen Henkeln geschaffen. Abzusichern ist die Route ausschließlich mit Klemmkeilen – was die Adrenalinausschüttung noch aller Wiederholer angekurbelt hat, selbst wenn die Keilstellen offensichtlich und bombensicher sind. Noch weiter um den Turm herum wird das Gelände wieder flacher und somit auch für den Genußkletterer wieder attraktiver. Wer sich an dieser Stelle mit dem siebten Bunkergrad anfreunden möchte, dem sei die Route »Cold Eggs« von Stephan Böhm empfohlen. Übrigens kommen auch die Boulderer nicht zu kurz. In Absprunghöhe sind rund um den Bunker definierte Probleme bis fb 7b+ vorhanden. Da der Boulderboom am Monte Pinnow noch nicht so richtig angekommen ist, ist durchaus noch Entwicklungspotential vorhanden. 

Kein Heimvorteil

Dass es an der Nordseeküste ab und zu auch regnet, ist eine Binsenweisheit. Das Klettern muss deshalb aber nicht vorbei sein: Auch im Innern des Bunkers kann man sich die Finger lang ziehen. Die Routen an den aufgeschraubten Kunstgriffen sind kurz, das Ambiente ist einmalig schräg-schaurig. Aufgrund der extremen Schieflage der Böden und Treppen wurden hier allerdings schon Leute gesehen, denen sich auch ohne Jeverpils der Kopf drehte. Welch ein Gegenpol zur Fitness-Studio-Atmosphäre einiger neuer Kletterhallen!  Die Kletterszene mag dieses Ambiente, und deshalb wurde die Norddeutsche Klettermeisterschaft 1997 erstmals am Monte Pinnow ausgetragen (und seitdem jedes Jahr dort). Federführend bei der Organisation und Durchführung des Wettkampfes waren damals Stephan Böhm und Rolf Witt.

Auch die größten Mühen scheuten die beiden nicht: Um den Lokalmatadoren keinen Vorteil zu verschaffen, wurden neue Kunstgriffrouten geschraubt und zusätzliche Zwischenhaken gesetzt. Zwischenhaken, die die ansonsten manchmal psychisch anspruchsvollen Originalrouten deutlich entschärften, wurden nach dem Bewerb wieder entfernt. Und das ist noch heute so.  Bayern lässt grüßen Wer eine Kaffeepause einlegen möchte, kann dies in der  Sektionshütte tun. Überraschend für den erstmaligen Gast: Blauweiße Tischdecken, Bierseidel, ein Hüttenkalender – alles ist so gemütlich wie in Sichtweite des Watzmanns. Gut, dass einen der Blick aus dem Fenster wieder in die friesisch herbe Realität zurückholt. Und die heißt nicht Watzmann, sondern Monte Pinnow. Ernstzunehmende vertikale Aufgaben gibt es an dem schrägen Turm allerdings durchaus – nachzulesen ist das alles auch im Kletterführer.
Text: Rolf Witt und Ralf Gantzhorn, Fotos: Ralf Gantzhorn
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