Alpinklettern am Hochkönig | BERGSTEIGER Magazin
Alpinklettergebiet Hochkönig im Salzburger Land

Alpinklettern am Hochkönig

Rauer Fels, wasserzerfressene Rillen, griffige Schuppen, geniale Reibungsplatten und gute Absicherung: für Gerald Forchthammer ist die Region Hochkönig mehr als ein Geheimtipp unter alpinen Genusskletterern.
 
Alpinklettern am Hochkönig © Gerald Forchthammer, Rudolf Kühberger
Gerald Forchthammer bei der Erstbegehung von »Geißenpeter« (VI–)
Wir klettern jede freie Minute. Was uns momentan fehlt, ist eine nicht allzu schwierige Plaisirroute. Die sollte natürlich gut abgesichert sein. Schön wäre auch, wenn sie homogen zu klettern wäre. Und der Fels sollte selbstverständlich genial sein. Was sich anhört wie eine divenhafte Bestellung im Nobelrestaurant für Alpinkletterer, ist lediglich unser Anspruch an eine neue Route. Diese noch imaginäre Linie suchen wir nicht irgendwo auf der Welt, sondern in unserem Hausgebiet, dem Hochkönigmassiv. Und da Rudi viele Wände kennt und immer wieder alte Kletterführer wälzt, findet er solche traumhaften Linien fast so, als ob es kinderleicht wäre. Ist es natürlich nicht. Aber schließlich ist es gerade unser »Job«. Wir schreiben nun mal einen Kletterführer, und das bedeutet eben auch stundenlanges Recherchieren.

Bohrmaschine auf Reisen

Was unsere Neutour betrifft, sind wir uns schnell einig: An der Torsäule werden wir wohl unsere »Bestellung abgeben« können. Dort gibt es den besten Fels – kompakt, rau und henkelig. Das verspricht Plaisir-Klettern vom Feinsten. Davor heißt es allerdings erstmal buckeln: Vier Kilogramm Bohrhaken, zehn Kilogramm Bohrausrüstung, ein Doppel- und ein Materialseil, dazu das Gewicht der normalen Kletterausrüstung und die Brotzeit müssen hinauf zum Einstieg. Sherpas wären jetzt toll. Gute zwei Stunden plagen wir uns stattdessen schwitzend nach oben. Der sonst so schöne Aufstieg mit tollen Ausblicken auf Landschaft und Klettereien ist heute die reinste Qual. Tunnelblick. Hochkommen, so schnell wie möglich. Trotz des schweren »Glumps« am Rücken überholen wir etliche Wanderer. Ich spüre ihre Blicke durch den riesigen Rucksack hindurch:Verdutzt sehen sie uns nach. Wer trägt im Gebirge schon eine Bohrmaschine spazieren? 

Zeit x Zeit = Mahlzeit?

Frei nach Gerhard Polt gönnen wir uns am Einstieg erst mal eine Pause und versuchen unsere Energiespeicher wieder aufzufüllen. Dabei studieren wir die geplante Linie. Ist sie überhaupt so möglich? Werden die Schwierigkeiten nicht zu hoch? Schaffen wir die Erstbegehung an einem Tag? Der Appetit will nicht so recht aufkommen. Wir sind zu angespannt. Wo lang? Aufwärts! Es hilft nichts, wir müssen einsteigen. Ich klettere den unteren Teil, Rudi macht oben weiter. Mein Klettergurt ist wieder extrem schwer – es zieht mir fast die Hose aus. Neben der normalen Kletterausrüstung befinden sich noch eine Bohrmaschine, ein Hammer, zehn  Bohrhaken und ein Schraubenschlüssel am Gurt. Alles in allem sicher fünf Kilo Zusatzlast. Trotzdem kommen wir zügig voran. Erstaunlich, wie sich alles so auflöst, wie wir es uns vorstellen. Selten überschreiten wir den V. Grad. Unglaublich! Uns ist tatsächlich eine homogene Route in bestem Fels gelungen, die nicht zu schwierig ist. Kletterspaß auf sechs gut gesicherten Plaisir-Seillängen! Jetzt sind wir gespannt, was unsere Kletterfreunde dazu sagen werden. Ungeduldig warten wir auf die ersten Rückmeldungen. Und wirklich – alle sind begeistert. Uns fällt ein Stein vom Herzen, wollten wir doch eine lohnende Neutour erschließen. Wir taufen unsere neue Route durch die Torsäule-Südwand »Geißenpeter«, passend zu den anderen in der Nähe: »Hiatamadl« und »Hiatabua« (beide VII+)   

Alpinklettern am Hochkönig: Plaisir für alle

Das ist jetzt zwei Jahre her. Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre. Vor allem hier oben am Einstieg. Ich bin wieder da. Diesmal mit meiner elfjährigen Tochter und einem Freund. Er ist alpiner Anfänger, kommt frisch aus der Kletterhalle. Gemeinsam mit ihnen will ich unsere Route heute endlich selbst genießen – diesmal ohne Zusatzgewicht. Und während wir alle einen Heidenspaß an der henkeligen Kletterei haben, sinniere ich über mein Glück, eine solch homogene Kletterei finden und erstbegehen zu dürfen – ein erhebendes Gefühl. Beim Abstieg vom Gipfel schauen wir in die Runde der umliegenden Gipfel und Genussklettereien. Dabei stechen uns die schroffen Felsplatten im Eiskar ins Auge. So unersteigbar sie zunächst scheinen sind sie allerdings gar nicht. Tatsächlich führen durch diese Platten nämlich mehrere Routen. Darunter auch Coupe Amarena (VI), die ich vor Jahren ebenfalls mit Rudi eröffnen konnte. Meine beiden Kletterpartner lauschen gespannt, und an ihrem Gesichtsausdruck kann ich sehen, wie sie in Gedanken gerade dort klettern.  

Auf dem Heimweg

Nach dem gelungenen Klettertag machen wir auf dem Abstieg noch an der Schweizerhütte Rast. Sie liegt direkt neben dem Arthurhaus und wird von den ehemaligen Wirtsleuten der Mitterfeldalm bewirtschaftet. Paul Kreuzberger verwöhnt uns und andere durstige und hungrige Gäste mit selbst gemachtem Käse und Brot. Und für die Daheimgebliebenen kaufen wir noch ein originelles Mitbringsel: Bergkäse-Schokolade, eine Spezialität des Hüttenwirts. Wir naschen hier schon einmal, denn wie immer schmeckt am Berg alles noch besser! Das liegt sicher auch an der grandiosen Aussicht von der Terrasse: die Südwände des Hochkönigs und des Großen Bratschenkopfes stehen für uns parat. In den gewaltigen, bis zu eintausend Meter hohen Wandfluchten warten weitere lohnende Ziele. Die sind für meine beiden Begleiter derzeit aber noch Zukunftsmusik. Denn die Routen sind lang, ernsthaft und fordernd. Schon die Zustiege über den Dolomitsockel sind nicht ohne: brüchig und ausgesetzt geht es zu den Einstiegen.  

Wiederholen leicht gemacht

Ganz anders ist da der Zustieg hinauf zur Torsäule. Und wenn man nicht gerade beladen wie ein Bauarbeiter hinaufstechen muss, um nur ja noch am gleichen Tag die Erstbegehung »einzusacken«, kann man den Zustieg über den Hochkönigsteig auch in 1,5 bis 2 Stunden genießen. Dann hat man die rechte Südwand der Torsäule erreicht. An einem großem Felsblock zweigt rechts der Normalweg ab. Hier geht es noch etwa 20 Meter waagrecht am Weg entlang, dann steigt man weglos etwa 15 Meter gerade zu einer schmalen Felsrippe links von einem mächtigen Kamin.
 

Info: Alpinklettern Hochkönig

Der Hochkönig ist sicherlich auf Grund seiner Felsqualität das beste Alpinklettergebiet im Salzburger Land. Freunde des Genusskletterns kommen in diversen Plattenrouten voll auf ihre Kosten. Aber auch extremere Alpinkletterer finden in der Südwand des Hochkönigs, der Wetterriffel oder an der Torsäule ein großes Betätigungsfeld.

Lage:

Das Hochkönigmassiv – benannt nach dem höchsten Gipfel (2941 m) – ist der südlichste und höchste Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen, benachbart dem Tennen- und dem Hagengebirge und dem Steinernen Meer.

Anreise:

Über die Tauernautobahn nach Bischofshofen und weiter auf der Landesstraße nach Mühlbach am Hochkönig. Kurz vor dem Ortszentrum zweigt die Mandlwandstraße ab, die bis zum Arthurhaus (1500 m) führt. Dort gibt es einen gebührenpflichtigen Parkplatz für 2,50 € (Stand 2008).Anfahrt Alpinklettergebiet Hochkönig

Talort:

Mühlbach am Hochkönig (859 m)

Übernachten:

Drei-Sterne-Berghotel Arthurhaus (1500 m) mit Sennerei Schweizerhütte, www.arthurhaus.at; Mitterfeldalm (1654 m), privat, 20 Lager, geöffnet Mitte Mai bis Ende Oktober (30 Min. Gehzeit ab Arthurhaus), www.mitterfeldalm.at; Matrashaus (2941 m), am Gipfel des Hochkönigs, ÖTK, 99 Lager, Winterraum, geöffnet Juni bis Oktober, www.matrashaus.at.

Topo:

Best of Genuss: Salzburger & Berchtesgadener Land, R. Kühberger & G. Forchthammer, Panico-Verlag, 2009; Best of Extrem – Band 1, R. Kühberger & R. Norcen, Panico-Verlag 2006; Kletterführer Hochkönig, A. Precht, Panico-Verlag, 2002

Internet:

www.alpintouren.com, www.bergsteigen.at

Topo »Coupe Amarena« und »Geißenpeter«

Eiskarpfeiler – Coupe Amarena (VI)


Info:
In den sieben Seillängen wird man in der Regel alleine klettern. Nur Einsamkeitsfanatiker wählen bei der Fülle an Klettermöglichkeiten an der imposanten Torsäule den langen Zustieg in dieses hochgelegene Kar. An langen Sommertagen mit sicherem Wetter kann durchaus eine zweite Route durch diese Platten (»Eiskarpfeiler«, IV+) geklettert werden und für den langen Zustieg entschädigen.

Zustieg:
Vom Arthurhaus über den Hochkönigsteig bis zum Ostfuß der Torsäule. Dann steigt man entlang der Nordostwand der Torsäule ins Eiskar bis ca. 2400 m Höhe, klettert über erste flache Platten hinauf, bis man die markante plattige Kante des Eiskarpfeilers erreicht (ca. 2 Stunden ab Arthurhaus).

Abstieg:
Vom letzten Stand (Klebehaken) seilt man 25 m gerade in einen Schuttkessel, dann steigt man nach rechts etwas hinauf zum markierten Abstieg (rote Punkte). Deutliche Steigspuren führen über eine breite Schuttreiße bequem zum Einstieg zurück (ca. 20 Minuten).
 

Torsäule – Geißenpeter (VI–)


Info:
Eine sehr homogene Route über geneigte Platten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Routen »Hiatamadl« und »Hiatabua« (beide VII+). Sechs annähernd gleich schwere Seillängen (bis VI–) führen auf einen Vorgipfel der Torsäule. Da ein Abseilen über die Route nicht möglich ist, Schuhe also mitgetragen werden müssen, lohnt es sich, in zehn Minuten den Gipfel der Torsäule zu besteigen.

Zustieg:
Vom Arthurhaus über den Hochkönigsteig bis unter die rechte Südwand der Torsäule. Bei einem großen Felsblock zweigt rechts der Normalweg zur Torsäule ab. Noch ca. 20 m waagrecht am Weg entlang, dann steigt man weglos ca. 15 m gerade empor zu einer schmalen Felsrippe links eines mächtigen Kamins (1,5 bis 2 Stunden ab Arthurhaus).

Abstieg:
Der Normalweg führt vom Pfeilerkopf durch einen markanten Kamin (I – II) entlang des Ostrückens (Steinmänner, deutliche Steigspuren) hinab, dann nach rechts über die Südseite (I+) zum Hochkönigsteig (ca. 20 Minuten). Abseilen über die Route ist nicht möglich!
Text: Gerald Forchthammer, Fotos: Gerald Forchthammer, Rudolf Kühberger
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