BERGSTEIGER Geheimtipp: Wandern im Val Ferret

Herbst im Val Ferret

Zwischen den östlichen Ausläufern des Mont-Blanc-Massivs und dem Großen Sankt Bernhard mit dem altehrwürdigen Hospiz der Chorherren liegt fast versteckt das Val Ferret. Steinalte Höfe, ursprüngliche Siedlungsstruktur, intakte Natur und imposante Bergwelt sind für Wanderer wie Bergsteiger ein bleibendes Erlebnis.
Von Georg Aliesch (Text und Fotos)

 
Vom Petit Col de Ferret reicht der Blick weit hinein in den italienischen Arm des Val Ferret Richtung Courmayeur. Rechterhand  ziehen Gletscherzungen hinauf zur Aiguille de Triolet und Aiguille de Leschaux © Georg Aliesch
Vom Petit Col de Ferret reicht der Blick weit hinein in den italienischen Arm des Val Ferret Richtung Courmayeur. Rechterhand ziehen Gletscherzungen hinauf zur Aiguille de Triolet und Aiguille de Leschaux
Von Martigny greifen wie drei Finger Val Ferret, Val d’Entremont und Val de Bagnes nach Süden zwischen die Bergriesen von Grand Combin und Mont-Blanc-Massiv. Wer auf der breiten Asphalt-Direttissima über den eindrucksvollen Pass nach Süden rauscht oder den Pistenrummel von Verbier aufsucht, dem entgeht eines der schönsten Landschaftstableaus im Unterwallis. Das Val Ferret öffnet sich erst hinter Orsières, weitet sich gleich anschließend bei Issert und schließt sich acht Kilometer weiter südlich am Camping de Glaciers unter den Steilwänden des Mont Dolent. Auf der »Grand Tour du Mont Blanc« lockt dieser Campingplatz mit absoluter Ruhe, grandioser Bergkulisse und einem alpinen Klettergarten mit Mehrseillängenrouten. Expertentipps gibt es vom Besitzer des Camping-Platzes Michel Darbellay, dem 1963 die erste Solo-Durchsteigung der Eiger-Nordwand gelang.

Grand Col Ferret

Es ist Spätherbst, die Tage sind kurz, die Wandertouren ebenso. Die braungebrannten Bergwiesen, das klare Wetter und die atemberaubenden Zacken der himmelstürmenden Grate und Gipfel laden zu schönen Tagesausflügen an Bergseen oder hoch gelegene Pässe ein. Der Fahrweg hinauf zur Alpage La Peule ist einfach zu begehen, trocken und schneefrei. Die steilen Bergmatten über La Peule führen mich stetig dem Pass entgegen, und ich lasse in aller Ruhe die Eindrücke des Herbstes im Hochgebirge auf mich wirken. Nachts gefriert der Boden, tagsüber taut er auf, wenigstens in der Sonne, und wird morastig. Weiter oben säubern Schneefelder die Bergstiefel und tragen den Kerl darin den restlichen Anstieg hinauf zum Grand Col Ferret auf 2537 Meter. Die Neugier auf den Blick über den Pass wird beim Grenzstein mit heftigem Nordwind quittiert. Um nicht auszukühlen, verschanzt man sich vor dem Wind halt irgendwo in den Mulden unter dem Pass, wo man den italienischen Arm des Val Ferret bis hin zum Ausläufer des Glacier du Miage bei Courmayeur überblicken kann. Rechts ragt der imposante Mont Dolent auf, und etwas weiter südwestlich zeichnet sich unverkennbar das markante Profil der Grandes Jorasses ab. Hier am Col Ferret führt auch die bekannte »Tour du Mont Blanc« vorbei. Auf einer der attraktivsten Trekking-Routen umrundet man in zehn Tagen das ganze Mont-Blanc-Massiv durch drei Länder. 

Der Abstieg zum Petit Col Ferret erweist sich als recht heikel. Der schmale, aufgeweichte Weg versteckt so manche Tücken, die erst beim kleinen Col Ferret enden. Zwei junge Frauen stapfen tapfer über den Pass nordwärts ins Val Ferret hinab. Ich folge ihnen bis zu den Planfins de la Léchère und biege nach rechts ab. Der Entschluss, den Rückweg ostwärts ins Unbekannte zu wagen, ist schnell gefällt in der Überzeugung, es müsste ein gangbarer Weg von den Planfins hinüber zur Alpage de la Peule geben. In etwa 2400 Meter Höhe ist immerhin etwas Wegähnliches zu finden, wenn auch sehr ausgesetzt und teils mit steil abfallenden Eisschollen bedeckt. Herbstliche Schatten schleichen langsam bergwärts und modellieren eine faszinierend plastische Landschaft, in der ich mich über La Peule Schritt für Schritt dem Tal nähere.

Lacs de Fenêtre

Viel begangen und oft beschrieben ist diese Rundwanderung am Col du Grand St. Bernard. Obwohl in diesem Oktober wenig Schnee liegt, befürchte ich etliche vereiste Stellen am Mont Telliers. Darum entscheide ich mich für eine Sonnentour zu den Lacs de Fenêtre und beginne beim Parkplatz Les Ars Dessous auf 1775 Meter. Im kühlen Schatten sehnt man sich hinauf zu den besonnten Hängen auf La Chaux. Der ausgetretene Weg lässt die Beliebtheit der Seen auf 2500 Metern nur erahnen, aber heute, an einem Wochentag im späten Oktober, herrscht absolute Stille.

Die vom heißen Sommer braungebrannte Bergflanke zieht so steil nach oben, als wollte der Lac de Fenêtre für das kostenlose Panorama Eintritt in Form von Schweißperlen verlangen. Lac de Fenêtre, 2456 Meter – welch eine Faszination! Fast prallt der Blick vom gewaltigen Landschaftsgemälde ab wie von der Leinwand eines Zyklopen: rundum ein blendendes Weiß, grauschwarze Bergzacken im tiefblauen Hintergrund. Von dieser Bergschau ganz trunken, spornt der visuelle Vollrausch zum Weiterweg Richtung Fenêtre de Ferret auf 2698 Metern erst richtig an. Hier möchte ich nur sehen, was die andere Seite zu bieten hat. Eine dünne Schneeschicht wartet mit allerlei Überraschungen auf, doch dann lohnt erneut der grandiose Blick gen Süden. Über den Nebel hinweg reicht die Augenweide weit nach Italien hinein und fällt unter mir ab zum Großen Sankt Bernhard, während über mir Wolkenfetzen wild in alle Himmelsrichtungen driften. 

Am Fenêtre de Ferret begegne ich einer Wandergruppe, die vom Hospiz her aufgestiegen ist und nun zu den Seen absteigen will. Sie machen die »Grand Tour du St. Bernard«, die über den Col du Bastillon weiter zum Col des Chevaux und zum Bernard zurück führt. In zäher Kleinarbeit versuche ich trotz mangelhafter Französisch-Kenntnisse den Leuten aus Genf klarzumachen, welche Richtung wohl die vernünftigste wäre. Eine ausgesprochen lohnende Sommervariante führt auf einem versicherten Steig über die Pointe de Drone ausgesetzt hinunter zum Großen Sankt Bernhard. Ein Besuch des Chorherren-Hospizes ist nicht nur wegen der imposanten Bernhardiner-Zucht ratsam, auch die Geschichte des Hospizes selbst, heute u. a. ein beliebtes Feriencamp für Schulklassen, ist spannend aufbereitet. 

Bavon – Les Echessettes

Wer die Spitzen des Mont-Blanc-Massivs besser überblicken will, sollte sich ins benachbarte Val d’Entremont begeben, genauer nach Vichères bei Liddes. Hier steigt das Hochtal in derart klarer Geometrie nach Süden an, dass man sich wandernd wie in einer aufgeschlagenen Bilderbuchlandschaft bewegt. Der große Bestand an Rotwild und Steinböcken ist geschützt, denn die Schweizer Regierung hat die Combe de l’A zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Geologische Übergangszonen sorgen dafür, dass sich sowohl Kalk- als auch Urgesteinsflora im Wechsel farbenfroh auf engem Raum präsentieren können.

Die Wanderung beginnt bei der Talstation des Skigebietes Vichères am Eingang des Hochtals, führt teils durch Lärchenwald hinauf zur Alpage Bavone auf 2027 Metern. Am Fuße des Tour de Bavon steigt man am besten südwestlich weiter dem Grat bei La Tessure auf 2267 Metern entgegen. Es ist ratsam, früh am Morgen oben zu sein, da sonst die Bergkulisse des Mont Dolent, der Aiguille de Tour und Aiguille d’Argentière im Schatten liegt. Wer eine Rundtour via Combe de l’A machen will, muss früh los und wird oben am Bavon bei La Téjère mit einem grandiosen Bergpanorama belohnt, das alle Erwartungen übertrifft. Weiter südwärts dem Bec Rond entgegen mündet die abwechslungsreiche Tagestour in ein ständiges Auf und Ab der herbstlich braun gefärbten Topografie. Das ganze Val Ferret liegt mir zu Füßen, steil fallen dann auch die Felswände ins Tal. Gämsen tanken an den sonnigen Westflanken Wärme für die kalte Nacht.

Inzwischen erreiche ich, beim Roc de l’Oiseau auf 2523 Metern absteigend, Revedin – ein kleines Seitental, das hinab zur Combe de l‘A führt. Für den Abstieg nach La Tsissette wähle ich aber schon vorher den beinahe weglosen Abkürzer bei La Sasse. Ab Tsissette führt mich der Fahrweg bis nach L’Apleyeue, wo links der Wanderweg zurück zur Talstation abzweigt und einen ebenso einsamen wie von großen Eindrücken erfüllten Tag beschließt.
Von Georg Aliesch
Walliser Augenweiden (Von Georg Aliesch)
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