Brenta – Wunder aus Stein

Brenta – ein Zauberwort! Eine bizarre Welt aus schroffen Felstürmen, unnahbaren Dreitausendern und einmaligen Klettersteigen – und gleichzeitig ein Wanderparadies der Extraklasse: eine sehr persönliche Annäherung an ein faszinierendes Bergmassiv.
Text von Eugen E. Hüsler

 
Zentraler Stützpunkt im Brentamassiv ist das Rifugio Pedrotti nahe der Bocca di Brenta. Links die Cima Brenta Bassa, rechts die Cima Brenta Alta. Foto: Jörg Bodenbender © Jörg Bodenbender
Zentraler Stützpunkt im Brentamassiv ist das Rifugio Pedrotti nahe der Bocca di Brenta. Links die Cima Brenta Bassa, rechts die Cima Brenta Alta
Es ist still hier oben. So still, dass mein Herzschlag zum Geräusch wird. Und so still, dass du glaubst, die Abendlichtwolken zu hören, wie sie über den Himmel ziehen. Der prunkt mit spektakulären Farben, von gelb über grau bis zu einem satten Blau, das sich kaum beschreiben lässt. Ich sitze oben an der Cima Sassara (2892 m), einem Gipfel der Brenta-Nordkette, und Madonna di Campiglio mit seinen etwas angejahrten Hotelkästen, den »Caffès« und den Discos scheint so weit weg wie der Mond.

Allein am Berg in der Brenta

Wie die Hütten an der »Via delle Bocchette«, diesem so zauberhaften Höhenweg und Klettersteig, der in jeder Alpinzeitschrift mit den immer gleichen Worthülsen angepriesen wird. Ich hab’ Glück, ein ganzes (kleines) Haus für mich allein, und einen schönen Berg dazu. Kein Gedränge, kein Anstehen fürs Abendessen, und kein »Ja, warst Du schon mal…?«- oder »Letztes Jahr an der Marmolada«-Gerede. 

Mit mir spricht niemand, weil niemand da ist, aber das stört überhaupt nicht. Der Alltag ist voller Geschwätz, und wenn das nicht genügt, hilft die Technik nach und beschallt dich, in den Konsumtempeln, in den Lokalen, auf der Straße. Wenn ich hinaus in die Natur geh’ und hinauf in meine Berge, mag ich so etwas nicht. Allein oder zu zweit, aber das nur mit jemanden, der auch mal mit mir zusammen schweigen kann, schauen und erleben, kommentarlos. Das geht hier in der nördlichen Brenta besonders gut, weil fast alle den Campanile Basso sehen wollen, den Crozzon di Brenta und wie sie alle heißen, diese steinernen Wunder, geboren in einer Zeit, als es keine Gletscher gab weit und breit und Dinos, so riesig wie gefräßig, unseren Planeten bevölkerten.

Kühl wird’s allmählich, es fröstelt mich ein bisschen. Die letzten Sonnenstrahlen verglühen gerade an den Gipfeln rundum, während drunten in den Tälern schon längst der Mensch das Kommando übernommen hat: Licht an!
Kleine Glühwürmchen kriechen durch das Nonstal, es ist Spätsommer, und die Äpfel müssen zu ihren Abnehmern – oder ins Kühlhaus. Und draußen im Etschtal – auch nicht weit oder ganz weit weg – rollt der ewige Gütertross, Achse hinter Achse nach Süden oder Norden, beladen mit all den Gütern, die Menschen so dringend brauchen.

Manchmal, denke ich, reicht ein Abstand von ein paar Kilometern, um eine ganz andere Perspektive zu gewinnen, für eine neue Sicht auf so manche Dinge. Über die Brennerautobahn bin auch ich angereist, erst gestern, Rucksack und Bergklamotten im Kofferraum, weil die Computerprogramme der Meteorologen ein Schönwetter über den Südalpen entdeckt haben. Bei Brixen war Stau, weil wieder einmal gebaut oder geflickt wird. Und jetzt hock’ ich da oben am Berg, keine Menschenseele weit und breit, und denke darüber nach, wie es früher gewesen sein muss, als man noch mit der Kutsche über den Brenner reiste, Goethe mehr als ein paar Tage brauchte, bis er endlich am Gardasee ankam. Wie man sich wochenlang auf eine Bergreise vorbereitete, freute, dem Ereignis entgegenfieberte.  Es war einmal
Meine persönlichen Erinnerungen greifen kürzer, aber doch auch ein paar Jahrzehnte weit. Und da kann ich mich gut an meine erste Alpenfahrt erinnern, mit dem Rad über die großen Pässe. Bis es aber soweit war – in den Sommerferien –, konnte ich die Serpentinen am Großglockner, in den Dolomiten und am Stilfser Joch fast im Schlaf nachzeichnen, Namen und Höhenzahlen prägten sich mir ein, Ziffern, die ich nie mehr vergessen werde: Falzárego – 2105, Hochtor – 2505.

Herunter vom Rad und zurück in die Brenta!

Die Brenta, das war keine Liebe auf den ersten Blick, zunächst einmal zeigte sie mir die kalte Schulter, buchstäblich. Mein erster Annäherungsversuch versackte im Dauerregen, beim zweiten Mal wurde ich mit Blitz und Donner vom Berg gejagt. Im dritten Anlauf passte das Wetter, sogar der Campanile Basso, dieses Wunder aus Stein, ließ sich anstandslos fotografieren – nur verschwanden die belichteten Filme dann irgendwo zwischen Madonna di Campiglio und dem Fotolabor… Fürs erste hatte ich genug von der Brenta, der verhexten. Doch wie’s halt ist, einen Virus wird man so leicht nicht los, und ein paar Jahre später brach das Brenta-Fieber erneut aus: Ab in den Süden! Die Hütten hatten bereits geschlossen, dafür war der Himmel weit offen und makellos blau, Tag für Tag; wohlige Herbstwärme strahlte von den Felsen und es blieb genug Zeit, die berühmte, längst legendäre Haute-Route zu erkunden, Stück um Stück, auf den Bändern (cenghe) und in den Scharten (bocchette), dazu ein paar Gipfeln aufs leicht überzuckerte Haupt zu steigen. Traumwelt Brenta.

Jahrmillionen

Doch was macht ihn eigentlich aus, diesen Zauber, was ist so einzigartig, dass er uns immer wieder in seinen Bann zieht? Die Antwort ist uralt, ja unvorstellbar alt, gut 200 Millionen Jahre. Die Natur, sie hat hier ein Meisterstück abgeliefert, zweifellos. Im Urmeer waren jene Sedimente schichtweise abgelagert, die später beim kontinentalen Crash ans Tageslicht kamen, in die Höhe gehoben wurden, wo Wind und Wetter sie zu diesem für unsere Augen, unser Empfinden so unvergleichlichen Skelettbau formten: l’art pour l’art. Da wurde das Prinzip des rechten Winkels, das unseren naturfernen Alltag dominiert, ihn ordnet, vorweggenommen. Nur einen Schuh breit neben mir geht es senkrecht in die Tiefe, während ich über eines der vielen Felsbänder wandere, die wie urzeitliche Wasserwaagen die Horizontale definieren. 

So kann man von der Brenta einiges lernen. Dass aus einem »mare« viele »monti« werden können, dass nicht nur Bäume Jahrringe haben und dass der rechte Winkel keineswegs eine Erfindung des Griechen Pythagoras ist. Und dass es Bergsteiger gibt, die geradeaus wandern auf Straßen, auf den »vie«, die nie gepflastert wurden, aber (fast) für die Ewigkeit angelegt sind. Und dass hier ein Turm steht, der jenem zu Babel ähnelt und der in mindestens ebenso so vielen verschiedenen Sprachen verherrlicht wurde.

Pioniere

Menschen leben seit Urzeiten in den Tälern rund um die Brenta, Bauern, die auch mal zu Jägern wurden und dabei den einen oder anderen Gipfel bestiegen. Doch erst die Moderne hat den Berg zu einem Ziel gemacht, und da mischten die Gentlemen aus dem feucht-hügeligen Eiland im Nordwesten Europas kräftig mit. Kein Zufall, dass auch eine Hütte und ein Pass in der Brenta nach einem Engländer benannt sind: C. C. Tuckett, dem ein paar Erstbesteigungen in den Alpen gelangen. Richtig bekannt geworden ist das Brentamassiv später durch andere: Otto Ampferer, der den fantastischen Obelisken des Campanile Basso – die »Guglia« in deutschen Landen – als erster bestieg (1899), nachdem Carlo Garbari mit Antonio Tavernaro zwei Jahre zuvor bis unter die senkrechte Gipfelwand gekommen war, und Paul Preuß, der an diesem Solitär – natürlich im Alleingang! – eine spektakuläre Route eröffnete.

Sie alle wollten hinauf, zu den Gipfeln – doch dann kamen die Wegebauer, und die hatten jene horizontal verlaufenden, mal komfortabel breiten, dann wieder extrem schmalen Felsgesimse im Auge, die so typisch für die Brenta sind: Schichten, die Jahr(tausend)ringe der Erdgeschichte.

Epochal!

In den 1930er Jahren startete das Projekt »Bocchette-Weg«, wurden die ersten Leitern unter der Cima Tosa montiert, die ersten Drahtseile gespannt. Bald erhielt der »Sentiero Brentari« seine Fortsetzung im »Sentiero delle Bocchette Centrali«; später folgten der »Sentiero SOSAT« und der »Sentiero delle Bocchette Alte«, der die 3000er Höhenkote kratzt. 1972 war die einzigartige »Via« nach der Eröffnung des »Sentiero Benini« vollendet: ein Netz gesicherter Steige vom Passo del Grostè bis zum Rifugio XII Apostoli, das von Scharte zu Scharte (= bocchette) führt, dabei die von der Natur vorgegebenen Trassen (= cenghe) nutzt. 

Waagrecht – senkrecht

»Schau mal«, sage ich zu Manni, und deute auf ein paar Bergsteiger, die gerade als dekorative Schattenrisse über eine steile Leiter turnen. Das gibt ein paar schöne Bilder, garantiert. Manni hat sie schon im Visier: klick, klick! Ich denke kurz an meine Hasselblad, Jahrgang 1971, die zu Hause im Schrank liegt, erprobt auf tausend Touren und mehr, ein mechanisches Wunderwerk, über zwei Kilogramm schwer – und ein Fossil.  Wir gehen weiter. Das Band läuft quer durch die senkrechten Abbrüche der Sfúlmini und des Campanile Alto, steuert dann einen düster-verschatteten Winkel an, ehe es hinausleitet auf eine Felsschulter – und dann steht er da, der Campanile Basso, dieser gigantische Monolith aus Stein. Wir beide kennen das Bild schon, und nicht nur aus Zeitschriften und Büchern, aber trotzdem atmet man jedes Mal tief durch: wow!

Ziemlich gedrungen wirkt er aus dieser Perspektive, nicht so schlank und unnahbar wie aus der Froschperspektive, die der »Bärenweg« (Sentiero Orsi) bietet. Der folgt ebenfalls Geröll- und Felsbändern, allerdings mehr als nur eine Etage tiefer als der »Obere Radlerweg«, wie die »Via delle Bocchette« bei den Kletterern heißt. Wir haben unsere Bikes zu Hause gelassen, dafür das Klettersteigset umgebunden. Das ist durchaus zu empfehlen, nicht unbedingt, weil der »Bocchette-Weg« besonders schwierig wäre. Doch ein Fehltritt, ein einziger nur, etwa beim Fotografieren, könnte ohne Sicherung ganz leicht der allerletzte gewesen sein…

Solche Gedanken sind uns fern, nach einer längeren Schaupause steigen wir über Geröll und Felsstufen ab zum felsigen Fuß des Turmes, den der legendäre Bruno Detassis – mehrere Jahrzehnte Wirt auf der Brentei-Hütte – auch schon mal nachts, bei Vollmond (!) bestiegen haben soll. Unser Ziel ist kein Gipfel, sondern das Refugio Pedrotti (2486 m), Anlaufstelle für fast alle, die im Sommer unterwegs sind auf der »Via delle Bocchette«.

Die Brenta - ein offenes Gebirge

Und die genießen jenen einzigartigen Vorzug eines »offenen« Gebirges. Darin ist die Brenta dem Wilden Kaiser ähnlich: eine dreißig Kilometer lange Bergkette, über 3000 Meter hoch, die alle bedeutenden Erhebungen trägt. Das führt dazu, dass man am »Bocchette-Weg« – wenn keine Nebel einem buchstäblich die Schau vermasseln – stets Fernsicht auf eine Seite genießt, mal ins Etschtal und in die Dolomiten, dann ins Eisrevier des Adamello oder zu den Ortlerbergen. 

Wer genauer hinguckt, auch den Mittelgrund ins Auge fasst, stellt allerdings fest, dass die Brenta mehr ist als ein gigantischer, viel gezackter Dolomitrücken. Vor allem nach Osten hin, aber auch im Süden erstreckt sich ein weites alpines Vorgelände, mit Gipfeln, die kaum jemand kennt: Loverdina, Cima di Roma, Crosara del Fibion, Pizzo Gallino, Cima di Ghez, Corno di Senaso. Manche sind so hoch wie ordentliche Karwendelberge, doch selbst im Hochsommer, wenn du auf den Hütten der »Via« kaum mehr ein Lager für ein paar (unruhige) Nachtstunden findest, ist es hier still. Auch in den Wäldern rund um den Tovelsee, den eine seltene Mikrobe, die das Wasser rot färbte, einst zum Lago Rosso machte.

Unbekannte Brenta

Wer die Brenta wirklich kennen lernen will, muss auch diese stillen Bergregionen besuchen, Täler erwandern und auf Gipfel steigen. Das beschert nicht nur ganz neue Eindrücke dieser Dolomiten, sondern auch immer wieder faszinierende Perspektiven, Aussicht auf den Hauptkamm und seine grandiosen Felsbauten. Wer etwa den langen Weg auf die Cima di Ghez auf sich nimmt, wird mit einem fantastischen Blick auf die zentrale Brenta belohnt. Und dass der Süden hier schon ganz nahe ist, beweist der Blick in die andere Richtung, zum Gardasee. 

Dem Himmel nahe

Am wolkenlosen Himmel blinken die Sterne, das schwache Licht des Dreiviertelmondes liegt über der Berglandschaft, lässt Geröllhänge fast wie verschneit erscheinen. Die zentrale Brenta ist eine Silhouettenahnung im Süden, deutlicher zeichnen sich die Adamello-Gletscher gegen das Firmament ab. Im Bivacco Bonvecchio ist es noch ziemlich warm; das wird sich im Lauf der Nacht wohl ändern. Ich kuschle mich in den Schlafsack, ziehe den Reißverschluss hoch und mach’ meine Stirnlampe aus. Schlafen kann ich bestimmt gut, müde wie ich bin, mit zehn Stunden Auf und Ab in den Beinen, und all den vielen Eindrücken im Kopf.

Vielleicht träum’ ich ja von der Brenta; schließlich – jedenfalls sagt man das – stehen hier, zwischen Etschtal und Val Rendena, zwischen Ortler und Gardasee, echte Traumberge…Am 8. Mai 2008 starb Bruno Detassis, der große alte Mann der Brenta, in seinem Haus in Madonna di Campiglio. Er wurde 97 Jahre alt.  
Von Eugen E. Hüsler
Die Brenta aus der Nähe - Wunder aus Stein
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren