Wanderungen und Bergstouren für den Herbst

Bergziele für den Herbst im Oberengadin

Eine grandiose Landschaft , die Oberengadiner Seen und die Gletscherberge der Bernina, dazu Wanderwege vom Feinsten und ein stabiles Hoch: Das sind die Zutaten für eine unvergessliche Woche im »Festsaal der Alpen«.
Von Andrea (Text) und Andreas Strauß (Fotos)

 
Bergziele für den Herbst im Oberengadin © Andreas Strauß
Einsamer Pausenplatz mit Blick auf das Bernina-Massiv: am Suvrettasee
»Driizähnduusig Kilometr Wanderwääg!«, schwärmt einer der berühmt gewordenen Steinböcke aus der Graubündner Fernsehwerbung. Wer diese 13 000 abwandern will, ist lange unterwegs. Bei normaler Geschwindigkeit und täglich acht Stunden Gehzeit reicht das Graubündner Wegenetz für 400 bis 500 Tage. Aber nicht alle driizähnduusig sind bei den Wanderern gleich beliebt. Sehr hoch in der Gunst stehen jedenfalls jene im Oberengadin. Doch selbst da finden sich viele ruhige Wegabschnitte und Gipfelziele. Wir nehmen uns eine Septemberwoche Zeit, um sie zu finden.

Oberengadin: Die Berge stehen im Weg

»Nächster Halt Ospizio Bernina, Berninapass.« Die Rhätische Bahn bringt uns von Pontresina hinauf zum Berninapass. Mit gemütlicher Schaukelbewegung und leisem Quietschen im Hintergrund ruckeln Morteratsch, Palüblick, Berninabach und Diavolezza an uns vorüber, bis wir auf 2253 Metern an der Haltestelle Ospizio Bernina aussteigen. Die ersten drei Kilometer der driizähnduusig gehen wir heute.

Piz Campasc heißt der Gipfel, er ist wenig bekannt und tatsächlich begegnen wir niemandem. Außer einer Herde Ziegen und etlichen Murmeltieren. Über Gletscher geformte Rücken windet sich der Steig durch Blumenwiesen. An den dichten Härchen der Glockenblumen glitzert der Morgentau, Schmetterlinge sind unterwegs von Distel zu Distel. Die letzten Zeichen von Zivilisation sind am Pass zurückgeblieben. Winzige Hausdächer und die gewundene Linie einer Straße sieht man erst wieder vom Gipfel aus, einem Sporn mit steilem, 1500 Höhenmeter langem Abfall nach Süden ins Puschlav.

Der Berninapass begrenzt das Oberengadin und so sind uns die Gletscherberge um Piz Bernina und Palü genauso nahe wie die Livignoalpen im Osten. Lange verweilen wir am Gipfel, schauen, genießen. Und suchen uns aus den verbleibenden 12.997 Kilometern die Tour für den nächsten Tag aus. Wieder fahren wir mit der Rhätischen. Seit die Lagalbbahn nur noch im Winterbetrieb läuft, ist auch der Piz Lagalb eine ruhige Destination geworden.

Dass wir die letzte Dreiviertelstunde zum Gipfel aufsteigen, ist eine sportliche Einlage. Die meisten Wanderer – viele sind es ohnehin nicht – schlagen gleich den Pfad zum Lej Minor ein. Dieses besonders schöne Teilstück der Lagalbwanderung darf man nicht auslassen. Auch wenn nun der Ausblick auf das prominente Gegenüber von Cambrena, Palü und Bellavista allmählich zurücktritt, die Umrundung des Blumenbergs Lagalb über das Val dal Bügliet, den Lej Minor und das Val Minor gehört einfach dazu.

Minus 12.987 ist unser Zwischenstand, als wir wieder am Ausgangspunkt sind. Tja, da stehen für eine gute Kilometerleistung eben doch die Berge im Weg.

Aufholjagd in der Bernina

Die nächste Wanderung bringt uns fast 20 Kilometer. Aber das war kein Grund, warum wir sie ausgesucht haben. Eher die Abgeschiedenheit. Von der Südostseite der Bernina wechseln wir auf die Nordseite. Von Champfèr, einem Ortsteil von St. Moritz, startet der Weg zum Suvrettapass. Wir passieren Piz Julier und Piz Nair. Früh am Morgen ist noch niemand unterwegs. Den Suvrettasee am höchsten Punkt nutzen wir für eine lange Pause mit Berninablick. Ganz für uns allein. Als die ersten Picknickgäste kommen, machen wir uns an den langen Abstieg.

Während man eine Tour mit dem Finger auf der Landkarte geht, tut sich ein Blick in die Seele auf. »Talhatscher!«, lautet Andis Urteil zum Val Bever. Als unverbesserlicher Optimist denke ich voller Freude an eine stundenlang vorbeiziehende Bergkulisse, Blumenwiesen, Bachrauschen, Murmeltiere – alles ohne Anstrengung im sanften Bergab. Die Realität kommt meinem Optimismus sehr nahe. Der Suvrettabach mündet glucksend in den Bach Beverin ein.

Die Almgebäude werden stattlicher, die Luft würziger. Die vereinzelten niedrigen Kiefern werden bald von alten knorrigen Bäumen abgelöst, und im unteren Val Bever wird daraus ein richtiger Wald. Nach fünf bis sechs Stunden kommt man zur Alp Spinas, wo die Bahnlinie von Bergün nach Moritz wieder aus dem Tunnel auftaucht. Auch wir könnten hier einsteigen. Stattdessen gehen wir zu Fuß noch weiter bis Bever.

Steinbockrevier par excellence

»Ich habe in Teutschland viele vornehme Städte gesehen, die bey weitem kein so prächtiges Ansehen haben, als die Dörfer Samada, Bevers, Pont, Zutz, Scampfs.« Einen vom Historiker Gabriel Walser (1695–1776) so hoch gelobten Ort wollen wir uns nicht entgehen lassen. Ein Museumsdorf ist Bever nicht, aber ein schöner Graubündner Ort mit alten Häusern und einem angenehmen Verhältnis zwischen Urlaubern und Einheimischen. 

Den Piz Julier sehen wir auch am nächsten Tag. Die Oberengadiner Seenplatte mit Silser See, Silvaplaner See, Champfèrsee und Moritzer See breitet sich unter uns aus. Die Wasserflächen spiegeln das tiefe Himmelsblau, die Lärchen setzen einen orangegelben Kontrast dazu. Von Tag zu Tag wird die Stimmung herbstlicher. Ein paar Wochen noch, und der erste kräftige Oktobersturm wird die Nadeln zu einem zentimeterdicken Teppich auf die Waldwege fegen.

Ein Stück sind wir der Straße zum Julierpass gefolgt, jetzt steigen wir auf einem Serpentinenpfad zum Lej de la Tscheppa auf. Einen Wandergipfel kann man aus dem Hochkar nicht besteigen, aber als stille Seenwanderung mit Blick auf den »Festsaal« ist der Tscheppasee erste Wahl. Viel ruhiger jedenfalls als der Lej Lunghin ein wenig weiter im Westen. Der rückwärts zählende Tacho zeigt am Tagesende 12.964 Kilometer.

Wir genießen vom Piz Grevasalvas schöne Blicke auf Piz Bernina & Co. und heute auch auf die wilden Zacken von Piz d‘Err, Piz Platta, die Bergeller Granitwelt und sogar den Monte Disgrazia. Als nördlicher Nachbar des Piz Lunghin steht unser Gipfel in dessen Schatten, und das, obwohl er 150 Meter höher ist. Höher und ruhiger. Ein echtes Steinbockrevier eben. Als wir in den Schrofen eines der Graubündner Wappentiere sehen, warte ich regelrecht auf die Stimme mit dem »driizähnduusig Kilometr«. Am Piz Grevasalvas sind noch 12.958 übrig.

Sooo langsam

»Weisch was i bei deni Bergstiega nit begriffa. Die sin sooo langsam«, lästern Gian und Giachen in einem anderen Steinbockspot. Kein Wunder. Schließlich haben wir das Wandergelände unter uns gelassen und sind im felsigen Teil unterwegs. Der Piz Ot ist einer der höchsten Gipfel, die das Oberengadin im Norden begrenzen. Am abschließenden Felsaufbau liegt es wohl auch, dass er nicht so häufig bestiegen wird. Am Gipfel sind wir allein.

Seit Tagen streichen wir um ihn wie die Katze um den heißen Brei: Der Piz Julier mit seinen 3380 Metern zieht jeden Bergsteiger wegen seiner imposanten Gestalt in den Bann. Vor langer Zeit wurde er als höchster Berg der Schweiz gehandelt. Das muss man sich angesichts der Nähe der Gletscherberge der Bernina erst einmal auf der Zunge zergehen lassen! Von Champfèr marschieren wir nochmals Richtung Suvrettapass – schlecht für die Statistik, denn wir sind diesen Abschnitt ja bereits gegangen. Nun zweigen wir nach links ab und steigen zur Albana-Scharte auf.

Was anschließend kommt, ist ein sehr schöner, versicherter Grat, der sich über 500 Höhenmeter zieht. KS 2 sagt die Klettersteigeinstufung, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Längst nicht alle Felspassagen sind versichert und die Höhe muss man ebenfalls noch hinzuaddieren. Für den Blick hinunter auf das schwarze Eis der Nordseite bleibt man besser stehen. Genauso wie für den Panoramablick. Ein sehr würdiger Abschluss für eine Oberengadinwoche, finden wir am Gipfel. 12 945 ist unser vorläufiger Endstand. Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, bietet uns Graubünden noch Stoff für die nächsten 240 Jahre.

2000 Kilometer in ein paar Sekunden

Dass wir am nächsten Tag gleich nochmals zum Piz Julier aufsteigen, ändert leider am Tachostand nichts. Dass wir aber auf einer 1400-Höhenmeter-Tour den Ehering wieder finden, der mir am Vortag aus dem unbemerkten Loch der Anoraktasche gefallen war, macht die schlechte Wegstrecken-Statistik mehr als wett. Zuhause schaue ich mir den Steinbock-Werbespot nochmals an. »Driizähnduusig Kilometr Wanderwäg.« »Elfduusig!« (Eine zweite Steinbockstimme aus dem Off.) »Lueg, Gian-Reto, wenn alles bessr weisch, dann mach‘s doch sälbr!« Wahnsinn. Ein paar Sekunden Fernsehspot und 2000 Kilometer geschafft! Im Vergleich dazu sind wir Bergsteiger wirklich sooo langsam – aber auch die Langsamen kommen an ihr Ziel …
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