Bergtouren in den Tessiner Alpen

Frühling im Tessin

Das Tessin gilt als »Sonnenstube der Schweiz«, da muss es gemütlich sein und warm. Stimmt natürlich, aber nicht immer und nicht überall. An den großen Seen blühen im Frühling Azaleen und Magnolien, doch hinten im Val Verzasca veröden die Almen, sterben Dörfer – das Tessin, ein Land der Gegensätze, das polarisiert… Von Eugen E. Hüsler

 
Sommertourismus ganz oben im Tessin: am Nufenenpass, Blick auf die Berner Alpen mit dem Finsteraarhorn (Bildmitte) © Eugen E. Hüsler
Sommertourismus ganz oben im Tessin: am Nufenenpass, Blick auf die Berner Alpen mit dem Finsteraarhorn (Bildmitte)
Paolo nimmt das Vorhängeschloss ab und stößt die Brettertür auf. Gebückt treten wir ein. Es riecht erdig-feucht, unsere Augen müssen sich erst ans Dämmerlicht gewöhnen. »Ich war schon lange nicht mehr hier«, sagt Paolo, »seit letztem Herbst.« Paolo hat mir noch nie von diesem Rustico erzählt, das hoch über dem Val Bavona zwischen braunen Granitwänden auf einem abschüssigen Wiesenfleck steht, ein paar Meter vom Abgrund unter einer mächtigen Buche. Wenig oberhalb gibt’s eine gute Quelle, dahinter kann man im Spätsommer Brombeeren zupfen. »Mein Vater«, sagt Paolo, »hat das Grundstück irgendwann geerbt, von einem Onkel, der, glaube ich, unten in Foroglio lebte.«

Tessiner Alpen - Gute alte Zeit

Ich stehe im Halbdunkel, versuche mir vorzustellen, wie das Leben hier gewesen sein muss, damals, vor drei, vier Generationen. Die Maggia tobte noch ganz ungezähmt dem Lago Maggiore entgegen, wo sie an ihrem Mündungsdelta arbeitete, und eine Straße ins Val Bavona gab’s natürlich nicht, nur einen Fußweg. Man lebte von dem Wenigen, was die Scholle hergab, hatte ein paar Almen hoch über den Granitfluchten, die das Tal zu einem Yosemite Valley des Tessins machen. »Alpi della fame« – Hungeralpen – nannte man diese Steilwandwiesen, und Hunger trieb auch viele Tessiner aus dem Land, in die Fremde. Noch anfangs des 20. Jahrhunderts sorgten die so genannten »Kaminfegerkinder« in der italienischen Nachbarschaft dafür, dass die gemauerten Schlote ordentlich rauchten. Was für ein Land, denke ich, vor drei Stunden standen wir noch in Lugano im Stau, und jetzt scheint die Casinowelt der Banken fast so weit weg wie der Mond.

Tessiner Kontraste

Das Tessin – Klischees und Kontraste: »Sonnenstube der Schweiz«, aber mehr als doppelt so viel Niederschläge als im oft grauen Zürich. Kein anderer Kanton der Schweiz verzeichnet mehr Autos pro Einwohner, und jeden Tag pendeln 50 000 (motorisierte) Italiener zwischen ihrem Wohnort und dem Arbeitsplatz im Tessin. Die Alpentäler des Sopra Ceneri veröden, Bergdörfer werden zu Geisterorten, wäh-rend sich im Viereck zwischen Monte Brè, San Salvatore, Agno und Lamone fast ein Viertel der gesamten Kantonsbevölkerung drängt. Da ist das Business zu Hause, das Bankwesen vor allem, und einige der (diskret behandelten) Kunden dürften in »bella Italia« auch weniger seriösen Geschäften nachgehen. In den »grotti«, dieser echten Tessiner Erfindung, wird im Sommer mehr deutsch als italienisch gesprochen, und die freundliche Bedienung stammt vermutlich aus dem ehemaligen Jugoslawien. Im obersten Bavonatal staut ein halbes Dutzend Seen alles, was vom Himmel fällt, sommers wie winters, damit der Energiehunger der Zürcher und Basler gestillt werden kann, doch in den meisten Weilern des Val Bavona gibt’s bis heute keinen Strom aus der Steckdose.

Fortschritt im Tessin

Paolo hat Salami, Käse, Brot und eine Flasche Merlot ausgepackt. Der Wein stammt aus einem Rebberg über dem Eingang ins Valle di Muggio. Nicht zufällig, denn mein Freund kommt aus Cabbio, einem Bergnest in diesem südlichsten Alpental des Ticino, weltverloren und doch nah am Puls der Zeit. Noch so ein Kontrast. Paolo erlebt ihn jeden Morgen auf der Fahrt zur Arbeit. »Zwischen Cabbio und Balerna liegen Welten«, erzählt er mir. »Wenn ich losfahre, bin ich ein Bauernbub, nach zehn Minuten werde ich zum gehetzten Stadtbewohner, auf der Autobahn zum Gejagten – alle haben es eilig. Und dann musst du hinein nach Lugano, stop and go, bis mich die Tiefgarage unter der Bank verschluckt.«

Paolo liebt seinen Ticino, aber er sieht auch die Verwüstungen, die der wachsende Wohlstand, die zunehmende Mobilität verursachten. Gerade der Mendrisiotto, einst als »bukolischer Vorhof der Lombardei« gepriesen, verkommt zu einem riesigen Warenumschlagplatz, der sich immer weiter in die Landschaft frisst. Mittendrin, wie Inseln einer verlorenen Zeit, liegen ein paar alte Dörfer, eng zusammengebaut, als fürchteten sie den Fortschritt, außen herum Weinberge und Kastanien. Diese Welt der Gegensätze erleben Wanderer, die sich von Chiasso Stazione aufmachen zum südlichsten Punkt der Schweiz beim Grenzstein 75B: ein Weg in die Stille.

Verzasca Direttissima

In die Stille führt auch so mancher Weg rund um das Val Verzasca. Unvergesslich sind mir ein paar Touren, etwa jene von der Capanna Cognera zum Rifugio Barone, oder die doppelte Direttissima am Madon da Sgióf (2265 m). Die hat mir Paolo gezeigt. »Erinnerst du dich noch«, frage ich, »an unsere Gipfeltour über dem Val Verzasca?« Paolo lacht und schüttelt den Kopf. Diesmal fliegen keine Schweißperlen, auch keine Regentropfen. Im letzten Juli war das anders. Wir legten ein ordentliches Tempo hin, am Weg hinauf ins Almgelände wurde uns mächtig warm, aber wir waren gut drauf, da macht das nichts. Das Dörfchen Brione hatte bald nur noch Puppenstubenformat. Bei den Rustici von Sparvé machten wir kurz Pause. Ein paar Eidechsen huschten über die Bruchsteinmauern. Ich staunte wieder mal über die Kunstfertigkeit der Altvorderen, die uns nach einer einzigen Vorlage tausend und mehr Unikate in den Tessiner Alpen hinterlassen haben, von denen jedes ausschaut, als wäre es an seinem Platz aus dem Boden gewachsen.

»Meinen« Weg gingen die Bauern früher immer wieder übers Jahr, vom Tal hinauf zu den Maiensäßen und dann noch weiter den Gipfeln entgegen, bis zu den Almwiesen. Schwer beladen dazu noch und vielleicht schon krumm von all der Arbeit. Denn viele Familien im Verzasca besaßen neben dem Anwesen im Tal (paese) ein Rebgut, Maiensäße (monti) und Almen sowie einen Wintersitz in der Magadino-Ebene (piano). Zwischen diesen Wirtschafts-räumen, die bis zu 30 Kilometer und 2000 Höhenmeter auseinander liegen konnten, pendelten die Verzascesi während des Jahres. Wir hatten die Waldgrenze hinter uns gelassen, das weite Almrevier von Scimarmota erreicht: wenig grün, überall Steine. Davon gibt’s und gab’s im Tessin so viele, dass die Eidgenossen auf ihren Erobe-rungszügen einmal großmütig auf ein Stück Beuteland verzichteten: Steine und Kastanien hätten sie schon genug. 

Sommergewitter im Gebirge

Ein paar besonders mächtige Granitbrocken liegen am Nordgrat des Pizzo Costisc, einen haben die Bauern gleich als höchst solides Dach für eine Steinhütte genutzt. Wir inspizierten die Höhle, die offensichtlich nicht mehr von Menschen, dafür aber von Schafen frequentiert wurde. Der Duft trieb uns zurück ans Tageslicht, und das hatte sich mittlerweile etwas eingetrübt. Wir suchen den Himmel ab, taxieren Wolken, Windrichtung, wagten eine Prognose. Paolo sprach’s dann aus. »Ich glaube«, sagte er am Passo Deva, »wir lassen den Gipfel aus und machen uns auf den Abstieg.«

Ich widersprach nicht, hatte die dunklen Wolken im Westen auch gesehen. Und dass es mit dem Wetter in den Bergen manchmal ganz schnell geht, wussten wir beide. So stiegen wir zügig ab zum Lago di Starlarsec, wo ein kleines Holzschild den Weiterweg nach Brione wies, dumpfes Grollen uns zur Eile mahnte. Das Weglein erwies sich – wie im Val Verzasca wohl normal – streckenweise als Direttissima, mit ihm liefen wir hinab und hinaus zu den Steinhütten von Màtar. Wir überlegten kurz: unterstellen oder weitergehen? Weiter! So kamen wir dann patsch­nass im Tal an, buchstäblich heruntergespült vom Berg: Tessiner Monsun. Da hatte es aber bereits wieder aufgehört zu regnen, und die Sonne blinzelte zwischen Wolkenfetzen hervor.

So etwas passiert nicht nur in den Bergen. Auch Cineasten, die im August das Filmfestival auf der Piazza Grande in Locarno besuchen, wissen von ähnlichem zu erzählen. Wenn dem Kinogott die Filme, die da über die Riesenleinwand flimmern, nicht so recht gefallen oder er überhaupt schlechte Laune hat, holt er die vom schönen Schein auf der Riesen-Leinwand Geblendeten ganz rasch wieder zurück in die (feuchte) Wirklichkeit. Und alle paar Jahre laufen die Keller unter den Arkaden der Piazza Grande voll, fühlt man sich am Lago Maggiore ein bisschen wie in Venedig nach dem großen Regen: noch so eine Illusion.

Südsonne am höchsten Berg der Tessiner Alpen

Heute droht uns kein Wetter; der Basòdino (3272 m), höchster Tessiner Gipfel westlich der Leventina, reckt sein eisiges Haupt hoch in den blauen Himmel: il sole del sud. Die Sonne scheint auch meistens, wenn nördlich der Alpen Schmuddelwetter angesagt ist, Temperatur und Stimmung unterm Himmelsgrau dem Nullpunkt zusteuern. Da steigen Zürcher und Berner gerne in den Zug oder ins Auto: ab in den Süden. Immer mit der gleichen Hoffnung, die Alpen würden ihrer Funktion als Wetterscheide zuverlässig nachkommen. Früher, als man noch über den Gotthard musste, erlebten die Reisenden den Wetterwechsel bei der Talfahrt in die Leventina ganz allmählich, viel effektvoller später dann nach der 16-Kilometer-Fahrt durch einen der beiden Tunnels. Noch krasser werden Zugreisende diesen Kontrast in ein paar Jahren erleben, wenn der Welt längster Bahntunnel seinen Betrieb aufnimmt: 57 Kilometer durch den Berg, von Erstfeld nach Bodio, vom Regen in die Sonne, vom Schneetreiben mitten hinein in den Frühling an der (Tessiner) Riviera in gut einer Viertelstunde. Der Alpenwall, endlich ist er besiegt, getilgt, kein Hindernis mehr.

St. Gotthard - ein Mythos

Und der St. Gotthard wird zum Wallfahrtsort für Historiker, Ewig-Gestrige und Politiker der Schweizerischen Volkspartei – ein steinerner Mythos. Für die Schweizer war dieser Alpenübergang ja immer mehr als nur eine Wasserscheide, in ihm fokussiert sich vieles von dem, was das Wesen des Alpenlandes ausmacht: Kampf mit der Natur, Verteidigungswall, Kulturklammer zwischen Nord und Süd. 
Frühlingstouren im Tessin (alle Fotos Eugen E. Hüsler)
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2009. Jetzt abonnieren!
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