Porträt: Benedikt Böhm | BERGSTEIGER Magazin

Porträt: Benedikt Böhm

Der 31-jährige Münchner ist ein «Extremer« – in jeder Hinsicht! Er ist Speed-Bergsteiger und Extrem-Skifahrer, er hält den Speedrekord am Mustagh Ata und scheiterte 2006 bei einem Rekordversuch am Gasherbrum II. Auf der Suche nach dem Menschen Benedikt Böhm.
Von Christian Schreiber

 
Der Schnee knirscht unter den Ski, ein Bäumchen schüttelt sich und wirft den weißen Umhang ab. Benedikt Böhm trägt ein Paar gelbe Tourenschuhe, die schon vor zehn Jahren aus jedem Katalog für Skitouren-Ausrüstung  geflogen wären und die zudem so reparaturbedürftig sind, dass selbst ein Schuster die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. »Das  sind meine Glücksschuhe«, sagt er, lächelt und nickt kaum merklich mit dem Kopf, als würde er gedanklich all jene Situationen durchgehen, die er mit den gelben Ungetümen schon durchlebt hat. Schon vor vier Jahren bei seiner ersten Expedition in Peru hatte er diese Skischuhe dabei, als er den Huascaran (6788 m) nach Art der Speedbergsteiger abhakte – von Lager II in einem Zug zum Gipfel stürmen– und mit Ski wieder runter, weil’s am schnellsten geht. »Und weil’s einfach geil ist!«, sagt der 31-Jährige.

Beim Fototermin
Für Benedikt Böhm gibt es nichts Schöneres als die Ski in unberührten Schnee sinken zu lassen, gleichmäßig, rhythmisch. Er macht das mit einer Eleganz, einer Ruhe, die sich auf die ganze Gruppe überträgt. Freilich muss sich der Geschwindigkeits-Profi hier am popeligen Hang mit der Durchschnitts-Truppe ständig bremsen. Aber heute geht es ja auch nicht um Tempo, er ist mit einer Gruppe Journalisten unterwegs, an irgendeinem Skigipfel im Kleinwalsertal. Dabei fällt ihm das schon schwer; er muss im Kopf ständig einen Bremsvorgang nach dem anderen einleiten. »Als ich angefangen habe mit dem Skibergsteigen, habe ich gemerkt, dass ich immer schnell sein will. Ich muss das schnell machen, mein Körper verlangt danach.« 

Als Kind war Benedikt Böhm Langläufer. »Langweilig«, sagt er heute. Bei den Gebirgsjägern, wo er seinen Wehrdienst leistete, tauschte er die schmalen Bretter gegen die beiten ein und legte eine steile Karriere als Skibergsteiger hin: Nationalmannschaft, vordere Plätze bei deutschen Meisterschaften, WM-Teilnahme. Die Öffentlichkeit hat erstmals 2005 Notiz von Benedikt Böhm genommen, als er zusammen mit seinem Freund Sebastian Haag in weniger als elf Stunden auf den Gipfel des Mustagh Ata (7546 m) und wieder zurück stürmte. »Benedikt treibt mich rauf, und ich treibe ihn wieder runter«, sagt Haag über ihr alpines Zusammenspiel. Immerhin 13 Minuten Rast hat sich das Duo am Gipfel gegönnt. 13 Minuten, die schließlich auch in die Gesamtzeit eingerechnet werden.
Heute bleibt auch kaum Zeit, um den Ausblick auf den Hohen Ifen und hinab ins Kleinwalsertal zu genießen. Fotos, Antworten, ein Lächeln – jeder will etwas von dem Münchner. 

Auf Expedition
Im Sommer 2006 wollte Benedikt zusammen mit Basti Haag am Gasherbrum II den Besteigungsrekord des Russen Anatoli Boukreev brechen, der in neuneinhalb Stunden vom Basislager zum Gipfel gerannt war. Ständiger Schneefall drückte aufs Gemüt aller Expeditions-Mitglieder. Fürs Rekord-Buch hat es dann allerdings doch nicht gereicht. Haag und Böhm benötigten 17 Stunden, viel länger als geplant. Dabei benutzten sie sogar Spezialrucksäcke, die man bedienen kann, ohne sie abzunehmen. Mit Steigeisentasche unten und einem Gummizug vorne, der die Ski in Sekundenschnelle auf dem Rücken festzurrt. Aber der wieder einsetzende Schneefall beim Gipfelsturm machte alle Hoffnungen auf einen Speed-Rekord zunichte. 

Bei der jüngsten Expedition am Manaslu  ereilte das Team ein ähnliches Schicksal und »Bene« musste lernen, dass auch die größte Motivation von Schneemassen erdrückt werden kann, wenn diese nur gewaltig genug sind. »Ich hatte einige Mal das Gefühl, fast durchzudrehen«, sagt Böhm, nimmt seine kleine Lawinenschaufel aus Alu zur Hand und demonstriert mit schnellen hastigen Bewegungen im Kleinwalsertaler Schnee, wie er fast stündlich sein Zelt am Manaslu freischaufeln musste. Schon nach der ersten von zwei Wochen »Super-Wetter«, als sie sich im vergangenen Jahr für den 8000er akklimatisieren mussten, waren ihm Zweifel gekommen. Ein Wechsel von tagelangem Sonnenschein auf wochenlangen Schneefall ist im Himalaya kein überraschendes Ereignis, sondern eine logische Folge. Acht Tage lang saßen Böhm und seine Freude im Zelt, das Warten wurde nur unterbrochen von monotonem Schneeschaufeln. Da ist es irgendwann kein Trost mehr, wenn man weiß, dass es den insgesamt 17 anderen Bergsteigern, die im Herbst 2007 am Manaslu ihr Glück versuchten, genauso ergeht. 

Klamotten, Schlafsack, Schuhe – alles war durchnässt. »Ich fühlte mich wie ein Waschlappen.« Die ersten Tage quälte Böhm der körperliche Entzug. »Ich wollte mich unbedingt bewegen. Ich muss mich immer bewegen. Ich brauch’ das ja.« Die Symptome kennt er, damit kann er noch umgehen. Aber die psychische Belastung brachte ihn an seine nervlichen Grenzen: »Es war der Horror.« Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Großtat waren eigentlich schon dahin, als Böhm und Haag den Rekordversuch wagten. Ständig mussten sie Ski und Steigeisen wechseln, sie verfehlten mehrmals die ideale Linie und gaben schließlich in einem von Tiefschnee bepackten Steilhang auf. Das ganze Training, die Monate lange Schinderei, 300000 Höhenmeter Alpenhänge rauf und runter, zu Fuß, mit dem Mountainbike oder auf Ski, immer an der Grenze – mit einem Schlag war alles für die Katz’. 

Ziel Manaslu
Wenn Benedikt Böhm heute über den Abbruch spricht, dann kneift er die Augen zusammen, und das Lächeln weicht aus seinem Gesicht. »Es war eine schwierige Entscheidung.« Kurze Denkpause. »Aber ich habe es nicht bereut.« Längere Pause. »Wir machen das ja, um unsere Grenzen zu erfahren, und zum Glück werden die uns auch immer wieder aufgezeigt.« Das Lächeln kommt zurück, die blauen Augen blinzeln noch zwei, drei Mal, weil die Sonne genau in sein Gesicht scheint. 
Benedikt Böhm hat den Manaslu nicht aufgegeben. Er ist ein ehrgeiziger Typ, der sich in seiner Kindheit gegen fünf Geschwister durchsetzen musste. Beruflich hat er es vom einfachen Vertreter zum operativen Geschäftsführer einer Sportartikel-Firma gebracht. Da will er den Manaslu auch noch packen. Das Ziel lautet nach wie vor: in weniger als 24 Stunden vom Basecamp (4900 m) zum Gipfel und komplett mit Ski abfahren. Viele Alpinisten denken beim Manaslu eher an die geringe Erfolgsquote und die hohe Todesrate, schließlich kehrt jeder vierte Bezwinger nicht lebend zurück. Aber der Münchner hat sich in der Aura dieses 8000ers verfangen. »Es ist so ein toller Berg. Der steht so einsam da. Wunderbar.« Benedikt Böhm streicht seine blonden Haare in den Nacken und sagt: »Die Sache wollen wir auf alle Fälle abschließen. Irgendwann ist der Manaslu fällig.«
 
Benedikt Böhm im Porträt - Fotos: Christoph Aster
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