Symbol der Teilung in den Allgäuer Alpen

Was die Mädelegabel im Allgäu mit der Berliner Mauer zu tun hat

Vor 26 Jahren fiel die Berliner Mauer. Unter den mehr als dreihundert Denkmälern, die verstreut über ganz Deutschland an das Symbol der Teilung erinnern, sticht eines hervor. Es befindet sich auf dem Gipfel der Mädelegabel.
Von Hans Dieter Sauer
 
Knochenarbeit: Bis so ein Kreuz auf einem mehr als 2600 Meter hohen Berg steht, wird der ein oder andere Muskel strapaziert. © BERGSTEIGER
Knochenarbeit: Bis so ein Kreuz auf einem mehr als 2600 Meter hohen Berg steht, wird der ein oder andere Muskel strapaziert.
Es ist kurz nach Mitternacht, als sich am Sonntag, 13. August 1961, in Gersthofen bei Augsburg eine kleine Autokolonne in Bewegung setzt. Zwei Dutzend Männer, begleitet von einigen Frauen und Freundinnen, machen sich auf den Weg ins Gebirge. Die meisten gehören der Kolpingsfamilie Gersthofen an, der örtlichen Gliederung des katholischen Sozialverbandes Kolpingwerk. Sie haben keine normale Bergtour vor, sondern wollen auf der Mädelegabel in den Allgäuer Alpen ein Gipfelkreuz aufstellen.

Kopf des Unternehmens ist Alfred Steiner, der zwanzigjährige Vereinsvorsitzende. Beinahe zeitgleich wird in Berlin die Aktion »Rose« gestartet: Die Sektorengrenzen werden abgeriegelt; es ist der Auftakt zum Bau der Mauer. Die Geschichte mit dem Gipfelkreuz hatte schon im Sommer 1959 begonnen, als Steiner in der Lokalzeitung auf einen Bericht zum sechzigjährigen Bestehen des Heilbronner Weges stößt.

Seitdem er als Postbote sein eigenes Geld verdient, ist er ständig in den Bergen unterwegs. Steiners Vater ermahnt ihn zwar immer wieder, der Sohn solle das Geld doch lieber sparen, aber Steiner lässt sich nicht abhalten. Und so nimmt er auch bald nach der Zeitungslektüre zusammen mit vier Freunden den Heilbronner Weg in Angriff.

Von der Rappenseehütte besteigen sie zunächst das Hohe Licht, wo sie am Gipfelkreuz zu ihrem Erstaunen lesen, dass es 1938 von der Kolpingfamilie Oberstdorf errichtet wurde. Spontan entsteht die Idee: »Das machen wir auch«. Schon ein paar Stunden später ist auch der passende Berg gefunden: Die 2645 Meter hohe Mädelegabel hat noch kein Gipfelkreuz.

Schneetreiben am Gipfel der Mädelegabel

Der heute 74-jährige Steiner erinnert sich schmunzelnd: »Uns war überhaupt nicht klar, was wir uns damit vorgenommen hatten«. Vielleicht wäre die Sache im Sande verlaufen, hätte er sich im nächsten Jahr nach einigem Bitten und Drängen nicht zum Vereinsvorsitzenden wählen lassen. In dieser Position konnte er das Projekt vorantreiben. Die Arbeiten, angefangen vom Fällen einer Eiche, die ein Bauer gestiftet hatte, bis zur Aufstellung des Kreuzes, zogen sich über ein Jahr hin. Steiner macht nicht viel Aufhebens davon. Dabei waren er und fünf Kollegen schon einen ganz Tag lang bei Kälte und Schneetreiben damit beschäftigt, einen Schacht und vier Löcher in die Gipfelfelsen zu meißeln, um die Voraussetzungen für eine feste Verankerung des Kreuzes zu schaffen.
 
Gipfelkreuz Mädelegabel
Das Gipfelkreuz der Mädelegabel
Auch den Transport der mächtigen Bohlen – allein der Längsbalken ist fünf Meter lang und wiegt etwa 250 Kilogramm –, der ab Spielmannsau auf 1000 Meter allein mit menschlicher Muskelkraft bewerkstelligt werden musste, will er nicht überbewerten: »Wir haben eben Griffe angebracht, so dass sich die Last auf zehn Leute verteilte.«

Ende Juli 1961 liegen die Balken schließlich an der Kemptner Hütte, und am Gipfel sind die Halterungen für das Kreuz installiert. Der Termin für das Aufstellen des Gipfelkreuzes ergibt sich aufgrund der Arbeitszeiten und des Kirchenkalenders quasi zwingend. Die Woche hat noch sechs Arbeitstage, nur der Sonntag ist arbeitsfrei. Ein Tag allein würde aber nicht für die Errichtung des Kreuzes und die Einweihung mit einer Bergmesse reichen. Da trifft es sich gut, dass der Feiertag Maria Himmelfahrt am 15. August auf einen Dienstag fällt und mit nur einem Urlaubstag vom 13. August an drei freie Tage zur Verfügung stehen.

Schon am frühen Morgen erreicht Steiners Tross die Kemptner Hütte. Bis zu einem Absatz über dem Schwarzmilzferner ist der Transport der Kreuzbalken noch relativ einfach, aber danach steht die größte Herausforderung des gesamten Unternehmens bevor. Bis zum Gipfel sind 200 Höhenmeter in steilem Felsgelände zu überwinden. Durch diese Passage müssen die Balken an Seilen emporgezogen werden. Obwohl einige Helfer zum ersten Mal im Gebirge sind, kommt niemand zu Schaden.

Ein paar Stunden später ragt das Gipfelkreuz in den Abendhimmel. Niemand ahnt, dass währenddessen in Berlin der Grundstein für eine jahrzehntelange Trennung in Ost und West gelegt wird. Das Handy-Zeitalter liegt noch in weiter Ferne, in den Bergen gibt es kaum eine Verbindung zur übrigen Welt. In der Hütte steht zwar ein Radio, aber wer will schon in den Bergen Radio hören! Ausgelassen feiert das Team. Auch am nächsten Tag erfahren die Gersthofener nichts von den Ereignissen in Berlin. Umso größer ist der Schock nach der Heimkehr.

Das Kreuz steht noch

Das Leben nimmt seinen Gang. Steiner heiratet, wird Vater einer Tochter und steigt zum Betriebsleiter der Post in Gersthofen auf. Mit seinen Bergkameraden sieht er regelmäßig nach, ob am Gipfelkreuz alles in Ordnung ist. Immer wieder taucht dabei die Frage auf: »Was wird länger bestehen, das Gipfelkreuz oder die Berliner Mauer?«

Dann kommt der Abend des 9. November 1989. Steiner sitzt mit seiner Frau wie die allermeisten Deutschen gebannt vor dem Fernseher und erlebt den Beginn vom Ende der Mauer. Zwei Jahre später wird am Gipfelkreuz der Mädelegabel eine kleine Bronzetafel mit der Inschrift angebracht: »Dieses Kreuz wurde am 13. August 1961 errichtet. Am gleichen Tag wurde in Berlin die Mauer gebaut. Nach 28 Jahren ist die Mauer gefallen. Das Kreuz steht noch. Gott sei Dank. 13. August 1991.«

Bis heute hat das Gipfelkreuz allen Stürmen und Unwettern standgehalten. Die Gersthofener Gipfelstürmer haben damit, ohne, dass sie es seinerzeit ahnen konnten, vielleicht nicht das größte, bemerkenswerteste oder bekannteste Mahnmal zur Erinnerung an die Berliner Mauer geschaffen. Aber mit Sicherheit das am höchsten gelegene.
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 11/2014. Jetzt abonnieren!
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