Berg- und Wanderparadies Südtirol

Auf Tour im einsamen Südtirol

Dem Ratschings- und dem Ridnauntal sollte man sich eigentlich von Süden her nähern – von Brixen herauf. Denn während der Anfahrt durch das Eisacktal entfaltet sich die Südtiroler Berglandschaft besonders eindrucksvoll. Von Eugen E. Hüsler

 
Blick über den Übeltalferner und das Becherhaus ins Ridnauntal und zu den Dolomiten am Horizont © Bernd Ritschel
Blick über den Übeltalferner und das Becherhaus ins Ridnauntal und zu den Dolomiten am Horizont
Zunächst ist es der Pflerscher Tribulaun, dessen markantes Gipfelprofil den Blick auf sich zieht, dann öffnet sich die weite Talmulde des Ridnauntals bis hinauf zu den Firngraten um den Wilden Freiger, und zuletzt kommt auch das Ratschings­tal ins Blickfeld, mit seinen bewaldeten Flanken mehr idyllisch als hochalpin. Zwei wehrhaften Wächtern gleich thronen die Burgen Reifenstein und Sprechenstein über dem einst sumpfigen Sterzinger Moos, und weit draußen im freien Feld steht die Pfarrkirche Sterzings mit ihrem mächtigen Turm, nicht im Dorf, wie es sich eigentlich gehört.

Bergbau im Ridnaun

Den Grund liefert die Geschichte, und die wurde hier über Jahrhunderte hinweg vor allem vom Bergbau im Ridnaun geprägt. Weil die Knappen auch ein beträchtliches Scherflein zum gotischen Neubau beitrugen, bestanden sie auf dem für sie günstigeren Standort außerhalb des Ortes.
Damals erlebte Sterzing seine Blütezeit; der Silber- und Bleibergbau sorgte für einen Wohlstand, den man dem Städtchen noch heute ansieht. Zeitweise sollen – wie der Historiker Anton Fischnaler berichtete – an die 10 000 Knappen, die überwiegend aus Schwaben und Württemberg stammten, in den Tälern südlich des Brenners beschäftigt gewesen sein. Sterzing zählte dabei nicht einmal 2000 Einwohner. Ende des 16. Jahrhunderts versiegte der Bergsegen allmählich, und eine lange Zeit des Niedergangs begann, zuletzt beschleunigt durch die Eröffnung der Brenner-Eisenbahn, die das bis dahin florierende Fuhrwesen in den Ruin trieb.

Auf den Freier im Stubai

Manni ist mit größerem Gepäck unterwegs. Sein Ziel ist ein »wildes«: der 3418 Meter hohe Freiger im Stubaier Hauptkamm, Grenzgipfel zwischen Nord- und Südtirol. Er weiß um den langen Aufstieg aus dem innersten Ridnaun, kennt aber auch die landschaftlichen Reize des Weges, der aus den Talfluren in die Regionen des »ewigen« Eises führt. Das hat in den letzten Jahrzehnten zwar stark an Masse verloren, doch mit einer Fläche von fast acht Quadratkilometern ist der Übeltalferner nach wie vor der größte Gletscher Südtirols. Vor gut hundert Jahren reichte seine Zunge fast bis zum Sandboden hinab (ca. 2200 m); mittlerweile endet das Eis etwa auf der Höhe der Teplitzer Hütte (2586 m).

Gilfen- und Burkhardklamm

Da ist Manni vor einer halben Stunde vorbeigekommen; er folgt jetzt dem schön angelegten Steig, der, an einigen Stellen gesichert, die felsigen Südabstürze der Gaiswandspitze und des Roten Grats quert. Dabei bietet sich freie Sicht auf das weite Becken des Übeltalferners, der hufeisenförmig von einem halben Dutzend Dreitausender umrahmt wird. Vor seiner geschrumpften Zunge hat sich in den letzten Jahren ein beachtlich großer, milchig grüner Gletschersee gebildet.
Während Manni sich langsam der 3000er Höhenmarke nähert, steuern Hildegard und ich im Mündungsbereich des Ratschingstals die Gilfenklamm an. Sie zählt zu den Sehenswürdigkeiten der Region und ist durch einen gesicherten Steig erschlossen, übrigens seit über einem Jahrhundert schon. Der Ratschinger Bach hat sich hier – ein Unikum – tief in weißen Marmor gegraben.
»Drinnen im Ridnauntal«, sage ich und stecke die Eintrittskarten weg, »gibt’s noch eine schöne Schlucht, die Burkhardklamm.« Da ist Manni heute früh vorbeigekommen auf seinem Weg in alpine Höhen – die vor drei Jahren wieder instand gesetzte Weganlage zweigt knapp hinter Maiern vom Weg zum Becherhaus ab. 

Kaiserin-Elisabeth-Haus

Was für ein Wunder! Originalgemälde an den Wänden, Teppiche auf den Fußböden und Stiegen, schwere Vorhänge vor den Fenstern – und das alles in einem Haus, das über den Gletschern zu schweben scheint, dem Himmel näher als den Tälern. Dass die Eröffnung des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses« im Jahr 1894 – notabene bei einem argen Schneesturm – stilgerecht auch gleich mit Champagner gefeiert wurde, verwundert da kaum. Und bereits im darauf folgenden Jahr nächtigten über tausend Gäste in diesem »Juwel der Bergsteigerhütten«. Auch Sisi, der das Haus der Sektion Hannover gewidmet war, wollte dem Becher einen Besuch abstatten. Doch nur ein paar Tage vor dem geplanten Abstecher wurde die Kaiserin in Genf ermordet…
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging die Glanzzeit des Hauses abrupt zu Ende. Als Stützpunkt der italienischen Grenzer verkam die Hütte mehr und mehr. Anfang der 1980er Jahre sanierte die CAI-Sektion Verona, jetzt Besitzerin, das höchstgelegene Schutzhaus Südtirols. Inzwischen strahlt es (fast) wieder in altem Glanz, und vor ein paar Jahren wurde das Becherhaus von einer bekannten Alpinzeitschrift sogar zur »Hütte des Jahres« gewählt. Im Vorraum steht immer noch das 80 Kilogramm schwere Bronzerelief der unglücklichen Sisi. Beim Transport in die Regionen des ewigen Schnees wären Träger und Last übrigens um ein Haar in einer Gletscherspalte verschwunden.

Bergbauwelt Schneeberg

Manni ist wohlbehalten am Becherhaus angekommen, nach nicht einmal fünf Stunden mit vielen großartigen Landschaftsbildern. Ein paar sind auf dem Chip seiner Nikon D 200 abgespeichert, viele auch in seinem Gedächtnis. Das Wetter hält, was die Meteorologen vorhergesagt haben, nur ein paar Wolken treiben über den Alpenhauptkamm, zeichnen bizarre Muster auf die riesige, schrundige Eisfläche des Übeltalferners. Wir schauen nicht übers Eis, sondern zurück – in die Vergagenheit. Nach der kleinen Wanderung durch die Gilfenklamm interessiert uns das Bergbaumuseum bei Maiern. Am Schneeberg wurden über Jahrhunderte hinweg Silber und Blei aus dem Berg geholt, über tausend Gruben, Stollen und Schächte sind zurückgeblieben. Die ergiebigsten Fundstellen lagen dies- und jenseits der Schneebergscharte, der Abtransport des Erzes erfolgte aber von jeher ins Ridnauntal. Seit 1871 fand die Erzaufbereitung in Maiern statt; nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen ein letztes Mal modernisiert, der Ertrag blieb aber bescheiden, und so stellte die Firma AMMI 1985 ihren Betrieb ein. Heute sind Gebäude, technische Anlagen und einige Stollen Teil der »Bergbauwelt Schneeberg«. Über und unter Tage kann man acht Jahrhunderten Bergbau nachspüren und einfahren in die Gruben. 

Am Gipfel des Wilden Freier

3418 Meter – das Gipfelkreuz des Wilden Freiger. Manni ist oben: Tiefe rundum und eine große Aussicht, durchs Ridnauntal bis zum Zackenwald der Dolomiten und nördlich über die Kalkkögel bis ins Karwendel. Fast zum Greifen nahe ist der Wilde Pfaff und genau dahinter steht das Zuckerhütl (3507 m), dem allerdings der (Firn-)Zucker allmählich abhanden kommt. Auch in den Stubaiern schmilzt das alpine Eis. Allerdings nicht ganz so schnell wie jenes, an dem sich Hildegard gerade gütlich tut. Zartrosa süß wird es abgebaut, Stückchen um Stückchen: im Tagebau, müsste man hier im Bergbaurevier sagen. Ich halte mich an den Südtiroler Gerstensaft, lasse den Blick rundum schweifen, und bin in Gedanken schon unterwegs in dem schönen Wanderrevier, da meldet sich das Handy.

»Hallo Eugen«, sagt eine Stimme, die ich gut kenne, von oben herab, »wie geht’s euch da unten?«
Gut, aber Manni geht’s noch besser, klar. Morgen, das steht fest, muss ich auch wieder hinauf. Und ein Ziel habe ich bereits im Visier: den Telfer Weißen und den »Ridnauner Höhenweg«. Das wird ein erlebnisreicher Tag, garantiert, und nicht der letzte hier in der Südtiroler Ferienecke Ridnaun – Ratschings. Das nächste Mal besuchen wir aber zuerst Manni im Pustertal, wegen der Anfahrt, der schönen: Zunächst ist es der Pflerscher Tribulaun, dessen markantes Gipfelprofil…

Von Eugen E. Hüsler
Sonnentäler unter ewigem Eis (Fotos: Bernd Ritschel, Mark Zahel)
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