Herbst in Südtirol

Der Brauch des Törggelen

Früher verköstigten die Südtiroler Bauern ihre Erntehelfer oder auch die durchreisenden Händler mit einem Festschmaus und jungem Wein. Heute sind es vor allem Touristen, die zum Törggelen kommen.

 
Manche vermuten, dass die Eisacktaler Weinbauern die durchreisenden Händler mit einer Kostprobe des frischen Weins auf den Geschmack bringen wollten. © BERGSTEIGER
Manche vermuten, dass die Eisacktaler Weinbauern die durchreisenden Händler mit einer Kostprobe des frischen Weins auf den Geschmack bringen wollten.
Surfleisch und Sauerkraut dampfen auf den Tellern. Heiteres Stimmengewirr erfüllt den Raum, dessen holzgetäfelte Wände vergilbte Ahnenbilder zieren. Ein kräftiger Bauer mit blauem Kittelschurz fragt: »Derf’s noch a Retl sein?«, was von seinen Gästen mit heftigem Nicken begrüßt wird. Und im Hochbett über dem gemauerten Halbrund des Ofens schnurrt eine Katze. Vieles hier gleicht mehr einer gemütlichen Bauernstube denn einer Gastwirtschaft. In eine solche verwandelt sich der Rielingerhof auch nur zwischen Oktober und der Adventszeit. Denn dann herrscht in Südtirol die »fünfte Jahreszeit« des Törggelen.

Das Wichtigste beim Törggelen: der Wein

Eine dickflüssige Gerstensuppe mit Karotten, Speck und Bohnen eröffnet das Menü. Es folgen Schlutzkrapfen in zerlassener Butter und mit Parmesan bestreut; anschließend werden Knödel in allen Variationen zu Würsten, Fleisch und Sauerkraut gereicht. Und auch etwas Süßes zum Abschluss darf nicht fehlen: hausgemachte Marmeladenkrapfen, deren schmalzgebackene Kruste beim Hineinbeißen resch knistert.

Doch das Wichtigste bei alldem ist der Wein. Der Rotwein aus der aktuellen Saison ist längst gar – »wir hatten dieses Jahr keine gute Ernte«, entschuldigt sich Jungbauer Matthias Messner. Und so fließt eben der alte »Retl«, wie der Rotwein hier genannt wird, aus den Reserven vergangener Jahre sowie ein süffiger Weißer und obendrein ein scharfer Grappa zur Förderung der Verdauung. Irrtümlich glauben manche, dass der Brauch seinen Namen von der schwankenden Gangart nach dem reichlichen Alkoholgenuss bekommen habe. Doch das Törggelen ist nach der »Torggel«, der traditionellen Weinpresse benannt, deren Namen sich wiederum vom lateinischen »torquere« (auf deutsch: pressen, drehen) ableitet. Zum Kosten des Weines stieg man in den Kelterraum hinunter, wo der frische Wein lagerte und wo eben auch die Torggel stand.

Festmenü für Händler oder Erntehelfer

Woher genau der Brauch des Törggelen stammt, ist nicht mit Sicherheit geklärt. Manche vermuten, dass die Eisacktaler Weinbauern die durchreisenden Händler mit einer Kostprobe des frischen Weins samt Festessen auf den Geschmack bringen und sie so zum Kaufen verleiten wollten. Belegt ist diese Vermutung allerdings nicht – ebenso wie die anderen möglichen Varianten zur Entstehung des Törggelen: als Tauschhandel zwischen Wein- und Viehbauern oder auch als Festessen samt Kostprobe vom frischen Wein, mit dem sich die Bauern bei den Erntehelfern bedankten.

Alles aus eigener Herstellung

Mittlerweile öffnen die Weinbauern ihre privaten Räume im Oktober und November allerdings hauptsächlich für zahlende Gäste. Geblieben ist einzig die Auflage, dass es sich bei den Verköstigungen ausschließlich um selbst Erzeugtes von Wein und Apfelmost bis hin zu traditioneller Südtiroler Hausmannskost handeln darf. Kürbisse, Zucchini, Blumenkohl, Bohnen, Tomaten, Kartoffeln, Lauch, Petersilie – in den Bauerngärten im Eisacktal wächst beinahe alles, was man für ein wohlschmeckendes Essen braucht. »Nur Getreide bauen wir nicht selbst an, deshalb kaufen wir das Brot oder backen es eben mit dem gekauften Getreide«, sagt Mathilde Lobis, die ein paar hundert Meter vom Rielingerhof entfernt den Schlosshof bewirtschaftet. Ihr Mann Walter, Maurermeister von Beruf, baut im Nebengebäude gerade den Steinofen und die Schauküche, in der Mathilde dann Butter und Käse selbst herstellen will. Eine besondere Attraktion, mit welcher der dezent moderne Schlosshof unter den übrigen Bauernhöfen in der Region heraussticht.

Am Rielingerhof geht es etwas einfacher zu. Bauer Heinrich Messner lässt sich beim Kastanienrösten draußen vor dem Hof von einer ausgedienten Waschmaschinentrommel helfen, die er mit einer Fahrradkette und einem Motor ausgestattet hat. »Einmal pro Minute wendet die Maschine die Kastanien, so dass sie über dem Feuer nicht anbrennen «, erklärt er stolz. Durch die dicken Mauern des Hofes schallt mehrstimmig das Tirolerlied. Es ist kurz vor Mitternacht, die gerösteten Kastanien werden zum Grappa serviert und allmählich machen sich die ersten Gäste auf den Heimweg. Am nächsten Morgen bedeckt eine dünne Schneeschicht das goldgelbe Blättermeer. Die Törggelen-Saison neigt sich dem Ende zu.
Festschmaus im Bauernhaus - Text: Dagmar Steigenberger Fotos: Südtirol Marketing / Helmuth Rier (3) / Stefano Scatà / Frieder Blickle / Alex Filz
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