Kurt Albert

Er war der Rock’n’Roller der großen Freikletter-Renaissance. Beweglich denkend, unverkrampft und stets an neuen Erfahrungen interessiert. Ein Symbol für alle leistungsorientierten Kletterer. Mehr noch aber eine Orientierung für all jene, die über das Sportklettern einen unangepassten, erlebnisorientierten Selbstausdruck suchten. Wer sich heute auf die Suche begibt nach der Seele des Sportkletterns, nach dem Geist der Freikletterei, trifft in vorderster Linie auf den Namen Kurt Albert.
Von Uli Auffermann

 
Geboren 1954 in Nürnberg, kam Kurt Albert über das Wandern und Klettersteiggehen zunächst zum traditionellen alpinen Klettern. Als er 1973 das erste Mal eine Fahrt ins Elbsandsteingebirge unternahm, war er vom sächsischen Kletterstil sehr beeindruckt. Die Regel, Haken und Schlingen nur zur Absicherung und nicht zur Fortbewegung zu nutzen, motivierte ihn, diese Form der Kletterethik auch auf die heimischen Felsen des Frankenjuras zu übertragen. Mit Gleichgesinnten ging er sogar noch weiter: Eine Tour galt nur als absolut frei geklettert, wenn jede Seillänge in einem Zug durchstiegen wurde – auch ein Rasten an Zwischensicherungen kam, im Gegensatz zur Praxis im Elbsandstein, nicht in Frage. Wer nicht mehr konnte oder stürzte, musste zurück zum Standplatz bzw. zum Boden. Zunächst wurden die klassische Routen abgehakt. Wo vorher Haken als Griffe und Tritte oder gar Schlingen und Leitern zur Fortbewegung eingesetzt wurden, kletterte Kurt Albert frei, sich nur an winzigen Leisten und Rauhigkeiten festhaltend. Frech und provokant wollte er zusammen mit Freunden seine Leistungsfähigkeit demonstrieren, und nach vollbrachter Tat malten sie einen roten Punkt an den Einstieg – als Symbol, dass diese Route frei kletterbar war: Der Rotpunkt-Gedanke war geboren!

Mitte der 1970er Jahre kam Kurt Albert ins Yosemite Valley, und als er das dortige »fight gravity« erlebte, war er davon erfüllt, auch in Deutschland die sportlichen Grenzen des Freikletterns in bis dahin unvorstellbare Dimensionen zu verschieben. Routen wie »Exorzist« (VIII–), »Dampfhammer« (VIII) oder der legendäre »Sautanz« im IX. Schwierigkeitsgrad zeugten nicht nur von der Explosion der Leistungsfähigkeit, sondern auch von einem neuen Geist, inspiriert vom Lebensgefühl der ausgehenden 1960er und der 1970er Jahre. Kurt Albert wurde zum Vordenker und Pionier der deutschen Freikletterszene. 

Mehr und mehr wurde der neue Freikletter-Stil nun auf Routen im Gebirge übertragen, und 1987 richtete Kurt Albert sein Interesse auf die Denkmäler der klettersportlichen Geschichte – auf die Drei Zinnen in den Dolomiten. Es gibt nur wenige Wände in den Alpen, an denen die Avantgarde der jeweiligen Klettergeneration sich so eindrucksvoll selbst inszeniert hat wie an der Nordwand der Großen Zinne. Als 1958 Dietrich Hasse, Lothar Brandler, Jörg Lehne und Sigi Löw die »Direkte« an der Nordwand eröffneten, hatten sie den damaligen Grenzbereich des Möglichen sowohl in freier als auch in technischer Kletterei ausgelotet. Ein Nonplusultra, eine Zäsur in der Geschichte des Felsgehens. 1987 wagte es nun Kurt Albert, diese Linie ins Visier zu nehmen. Zusammen mit Gerold Sprachmann gelingt ihm die erste RotpunktBegehung der »Hasse-Brandler«. »Wir waren uns gar nicht so sicher, ob wir wirklich die Ersten waren«, erinnert sich Gerold Sprachmann, »denn das Wandbuch hatten wir nicht gefunden. Kurz darauf aber haben wir den Andreas Kubin im Verdon getroffen. Der musste es ja wissen, und er war sich auch sicher, dass wir das als Erste gemacht hatten. Und was unsere Begehung alpinhistorisch bedeutet, hat er uns ebenfalls gleich klargemacht!«
Von Uli Auffermann
1987 Kurt Albert und die Zinnen-»Direttissima« (Fotos: Archiv Albert, Jürgen Winkler, Archiv Heckmair-Auffermann)
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