Felix Brunner - Optimist auf Rädern | BERGSTEIGER Magazin
Mit dem Handbike über die Alpen

Felix Brunner - Optimist auf Rädern

Seit einem Bergunfall vor knapp fünf Jahren sitzt Felix Brunner im Rollstuhl. Im vergangenen Sommer macht er sich in einem speziellen Handbike auf die Alpenüberquerung von Füssen zum Gardasee und sagt: »Eher macht das Rad schlapp als ich.«

 
Mit dem Handbike über die Alpen © Simon Toplak
Felix Brunner sagt: »Du musst deine Situation akzeptieren. Aber du musst eben auch sehen, was man daraus machen kann.«
Unzählige Male hat Felix Brunner das schon erzählt: Von seinem Unfall vor vier Jahren, den kritischen Monaten auf der Intensivstation, seinem Weg zurück in ein selbständiges Leben. Und doch schüttelt mancher Zuhörer ungläubig den Kopf, als Felix Brunner seine Geschichte in nackten Zahlen schildert: Im Januar 2009 stürzt er in den Bergen 30 Meter tief, es folgen 13 Monate Intensivstation, davon acht im künstlichen Koma, über 60 Operationen, rund 800 Blutkonserven.

Seit dem vergangenen Sommer kann der 24-Jährige noch ein paar weitere Zahlen zu seiner Lebensgeschichte hinzufügen: 480 Kilometer und 12 000 Höhenmeter in zehn Tagen. Denn Felix Brunner hat als Rollstuhlfahrer die Alpen überquert. Das wäre an sich nichts Neues, Jahr für Jahr fahren Rollstuhlfahrer in Handbikes über die Alpen. Aber Brunner nahm nicht die bequemen Passstraßen. Er wählte die Variante über Single-Trails und Offroad-Strecken.

Vom Berg in den Rollstuhl – und zurück

Im Grunde begann seine Reise schon in den 1990er-Jahren. Von klein auf ist Brunner viel in den Bergen unterwegs. »Meine Großeltern waren Bergsteiger, und meine Eltern auch«, erzählt er. Die Berge und der Sport haben das Leben der Familie immer geprägt, »so etwas wie all-inclusive Urlaub gab es bei uns nicht«.

Später arbeitet er als Bergwachtler und Skilehrer. Klettern im Sommer, Skifahren und Eisklettern im Winter, das sind Felix Brunners Leidenschaften.

Im Januar 2009 dann der Unfall: Nach einer Eisklettertour in Tirol rutscht er auf dem eisigen Rückweg aus und stürzt in ein ausgetrocknetes Bachbett. Dabei erleidet er massive innere Verletzungen, zahlreiche Knochenbrüche und Quetschungen am ganzen Körper. Er wird mit dem Hubschrauber in die Spezialklinik nach Murnau gebracht, in der er monatelang auf der Intensivstation liegen wird. Seine Verletzungen sind so schwer, dass er mehrmals ins künstliche Koma versetzt wird, insgesamt acht Monate lang ist er ohne Bewusstsein. Dreimal geben ihn die Ärzte auf und bereiten seine Eltern auf den Tod ihres Sohnes vor.

Heute ist Brunner zwar auf den Rollstuhl angewiesen, aber er kann wieder Auto fahren und lebt selbständig in einer eigenen Wohnung in der Nähe von Füssen im Allgäu. »Du musst deine Situation akzeptieren «, sagt er. »Aber du musst eben auch sehen, was man daraus machen kann.« Das war nicht immer einfach. Er gibt zu: »Als Behinderter schien mir das Leben vollkommen sinnlos«.

Vier Jahre nach dem Unfall hat er aber einen Weg gefunden, wieder sportlich aktiv zu sein, nur »alles dauert halt ein bisschen länger«. An ein Leben ohne die Fähigkeit, körperlich aktiv zu sein, wollte er nie glauben. »Mein naiver Optimismus hat mich hierher gebracht, ohne diese Sturheit hätte ich das nicht geschafft«, sagt er und lacht. Sein Motto, das er mantrenartig wiederholt: »Der Horizont ist nicht das Ende. Es gibt immer was, wofür es sich zu kämpfen lohnt.«

Eisklettern geht nicht mehr, dafür entdeckte Brunner im Dezember 2012 das Monoskifahren für sich. Das beherrschte er schnell so gut, dass er schon im März in den A-Kader berufen wurde. Auf der Suche nach einer sportlichen Alternative für die Sommermonate stößt er schließlich auf das Handbike, das durch Armkraft betrieben wird.

Erste Herausforderung: das richtige Bike

Seine ersten Versuche mit dem Gerät unternimmt er im Sommer 2012 mit einem Freund am Gardasee. »Damals war ich so untrainiert, dass mich mein Kumpel mit einer Leine den Berg hochziehen musste«, erzählt er – und lacht wieder. Doch aus dieser Erfahrung entsteht eine Idee: Mit einem Handbike auf einer Mountainbike-Route die Alpen zu überqueren. Mit einem handelsüblichen Handbike ist das unmöglich, denn mit dem einzelnen Antriebsrad vorn, »damit kommst du keinen Berg hoch«.

Weil es zu diesem Zeitpunkt noch kein offroad-taugliches »Hand-Mountainbike« auf dem Markt gibt, entwickelt er mit dem Techniker David Unhoch von der Firma »Needfull Bikes« ein Rad, das sich allein mit Armkraft betreiben lässt: mit zwei Lenkrädern vorn und einem einzelnen Antriebsrad hinten. Das ermöglicht einen größeren Lenkwinkel sowie eine höhere Antriebskraft bei Steigungen. Ein Mountainbike- Dämpfer an der Hinterradschwinge sorgt für die nötige Federung, ein kleiner Elektromotor erleichtert steile Passagen. Denn immerhin wiegt das Rad rund 30 Kilo. Und die müssen erst einmal bewegt werden.

Also trainiert Brunner. Über Monate hinweg werden im Kraftraum Muskeln aufgebaut; für die Ausdauer kurbelt er mit dem Handbike durch die heimischen Füssener Berge. Auch die Fahrtechnik muss er erst lernen. Stürze gehören dazu, und da er festgeschnallt ist, trainiert Brunner immer mit einem Freund, der ihm wieder auf die Räder hilft.

Alpencross von Füssen nach Riva

Im August ist es dann soweit. Zusammen mit zehn Begleitern startet Brunner in Füssen, das große Ziel Gardasee vor Augen, dort will er in zehn Tagen ankommen. Zweifel drängen sich auf: Hält das Material? Reicht die Kondition? Ist die mit Hilfe seines Vaters ausgetüftelte Strecke gut fahrbar? Trotzdem betont er: »Eher macht das Bike schlapp als ich!«

Bei Tagesetappen mit bis zu 2200 Höhenmetern lässt die Kraft dann doch nach, trotz des kleinen Elektromotors, der ihn beim Kurbeln ein wenig unterstützt. »Die Müdigkeit wächst stetig«, schreibt er in seinem Blog. Am sechsten Tag nutzt das Team das schlechte Wetter für eine Pause und zur Wartung der Bikes. Das Team improvisiert, aus einer Colaflasche und Panzertape entsteht ein neuer Kettenspanner.

Immer wieder steht Brunner vor neuen Herausforderungen. »Es waren auch einige Situationen dabei, wo das Team mich unterstützen musste, damit ich nicht abrutsche.«. Auf schmalen Schotterwegen schieben sie das Handbike sicher am Abgrund vorbei, durch enge »Kuahgatter« werden die breiten Hinterreifen vorsichtig hindurch manövriert.

An einer Holzbrücke über einen ausgeschwemmten Weg stößt er an seine Grenzen. Also nehmen ihn zwei Freunde Huckepack, während drei weitere Begleiter das Bike über die Brücke hieven. »So was machst du nicht allein. Das ging nur, weil meine Familie und meine Freunde mich an vielen Stellen unterstützt haben und ein tolles Team mitgefahren ist«, meint er.

»Der Horizont ist nicht das Ende«

Dass er nach neun Tagen schließlich den Gardasee erreicht, bestätigt seine Überzeugung: »Wenn man ein Ziel hat, kann man das auch erreichen«. Diese Erfahrung will er nun an andere weitergeben. In Motivationsvorträgen mit dem Titel »Der Horizont ist nicht das Ende« erzählt er seine Geschichte in Kliniken, Schulen und Firmen. Er will ein Vorbild sein, für alle. Ein persönliches Ziel hat er schon jetzt vor Augen: die Teilnahme an den Winter-Paralympics 2018.

Weiterführende Infos zu Felix Brunners Motivationsvorträgen auf seiner Webseite: www.felixbrunner.de
Text: Viktoria Hingerl
Fotos: 
Simon Toplak, Felix Brunner
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2013. Jetzt abonnieren!
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