"Ich finde, das ist ein Skandal" | BERGSTEIGER Magazin
Interview mit Florian von Brunn

"Ich finde, das ist ein Skandal"

Am Rande der Protestaktion diverser Umweltverbände gegen die geplante Skischaukel am Riedberger Horn haben wir mit Florian von Brunn gesprochen. von Brunn ist Landtagsabgeordneter in Bayern, Mitglied des Ausschusses für Umwelt und Verbraucherschutz und verbraucherschutzpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion.
 
 
Landtagsabgeordneter Florian von Brunn (SPD) © Wikipedia / Harald Bischoff
Landtagsabgeordneter Florian von Brunn (SPD)
Herr von Brunn, der Verein zum Schutz der Bergwelt nennt das Zielabweichungsverfahren einen „Affront für den Landtag“. Sehen Sie das ähnlich?
Florian von Brunn: Ich finde das schon sehr fragwürdig. Das Umweltministerium und das Landesamt für Umwelt haben es ja aufgrund einer naturschutzfachlichen Bewertung, einer bodenkundlichen Bewertung – Stichwort Erosion – ganz klar gesagt: Das Riedberger Horn eignet sich nicht für einen Ausbau als Skigebiet. Und jetzt soll aufgrund der Versprechen, die Herr Kreuzer (CSU-Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag und Abgeordneter des Stimmkreises Kempten-Oberallgäu, d. Red.) in seinem Wahlkreis gegeben hat, die Skischaukel doch möglich gemacht werden. Ich finde, das ist schon ein Skandal. Natürlich sollte der Landtag gefragt werden, aber es ist ja eine Fragestellung, die weit über den engstirnigen Horizont von Herrn Söder und Herrn Kreuzer hinausgeht. Denn aus meiner Sicht sind die Bayerischen Alpen ein unglaublich wichtiger Naturraum für ganz Europa.
 
Welche Handhabe hat der Landtag jetzt noch, um das Zielabweichungsverfahren zu verhindern?
Wir können natürlich jederzeit Anträge gegen das Vorhaben einbringen. Das werden wir sicherlich auch tun. Wir können weiterhin politischen Druck ausüben, wir werden uns aber auch an die Bundesregierung wenden. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist ja amtierende Vorsitzende der Alpenkonferenz – ich setze schon darauf, dass sie etwas unternimmt.
 
Vor wenigen Wochen waren die bayerischen Ministerinnen Scharf und Aigner noch in Ramsau bei Berchtesgaden, um das Dorf für seinen sanften Tourismus als „Bergsteigerdorf“ auszuzeichnen. Auf der anderen Seite gibt es die millionenschwere Förderung für das Sudelfeld und jetzt den Streit um das Riedberger Horn. Erkennen Sie da eine klare Linie von der Staatsregierung?
 
Es wird in Bayern sehr oft durch die Staatsregierung der Anschein erweckt, wir wären Vorbild beim Naturschutz. Je genauer man hinschaut, je mehr man den Vorhang wegzieht, desto klarer wird aber: das ist überhaupt nicht der Fall. Wir verteilen sehr viele Gelder aus Europa, vom Bund, für Naturschutzprojekte. Aber immer wenn es ans Eingemachte geht, wird im Zweifel der Wirtschaft, dem Profit, der Vorrang eingeräumt. Insofern bin ich arg enttäuscht vom Naturschutz, den die Bayerische Staatsregierung betreibt. Echter Naturschutz sieht anders aus.
 
Gerade wurde wieder das Birkhuhn oder die Bodenerosion als wichtige Gründe gegen die Skischaukel am Riedberger Horn genannt – den meisten Menschen geht es aber doch um eine Grundsatzentscheidung, ob der Massentourismus ausgebaut wird, oder nicht.
Wir wissen aus den Naturbewusstseinsstudien der Bundesregierung und aus vielen Umfragen, dass die Menschen nicht unbedingt überall Skisport wollen. Sie wollen Natur genießen, sie wollen Erholung. Die meisten Menschen kommen, um sich zu entspannen, um das Naturerlebnis zu haben, und nicht um eine Skischaukel vorzufinden im Allgäu, wie es sie in Österreich gibt. Ich glaube, wenn man zum Skifahren nach Balderschwang fährt, dann fährt man dort deswegen hin, weil es ein kleines, überschaubares Skigebiet ist. Wenn man etwas anderes will, dann fährt man in die entsprechenden Gebiete Österreichs. Die grundsätzliche Frage lautet: Was ist uns die Natur wert? Wollen wir in Zukunft noch eine intakte Natur, als Erholungsraum – oder wollen wir alles mit irgendwelchen Freizeitangeboten touristisch erschließen, noch dazu in Zeiten des Klimawandels, wo sich abzeichnet, dass der ganze Spaß bald ein Ende hat.
 
Der Ausbau des Skigebiets am Sudelfeld ist mit 3,5 Mio. Euro aus der Staatskasse gefördert worden. Für das Bergsteigerdorf Ramsau hat Ilse Aigner einen Förderscheck über 10.000 Euro überreicht. Ist das verhältnismäßig?
Ich habe bereits vor einiger Zeit eine Anfrage gestellt, wie der sanfte Tourismus in Bayern überhaupt finanziell gefördert wird und welche Programme es gibt. Es gibt demnach nahezu keine Förderung für sanften und umweltorientierten Tourismus. Es gibt keine Programme und keine Ideen der Bayerischen Staatsregierung, das ist total Fehlanzeige. Und natürlich ist es ein eklatantes Missverhältnis, wieviel Geld in den Ausbau der künstlichen Beschneiung gesteckt wird – verlorene Investitionen angesichts des Klimawandels – im Verhältnis zu dem, was beispielsweise ein Bergsteigerdorf Ramsau bekommt. Das ist eigentlich peinlich.
 
Interview: Thomas Ebert
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