Harlin-Direttissima in der Eiger-Nordwand: Die wahre Geschichte | BERGSTEIGER Magazin
Vier Deutsche im Blickfeld

Harlin-Direttissima in der Eiger-Nordwand: Die wahre Geschichte

50 Jahre lang blieb John Harlin der tragische Held bei der Erstbegehung der nach ihm benannten Route durch die Eiger-Nordwand. Jetzt rückt ein damaliger Reporter die Personen und Ereignisse von damals ins rechte Licht. Und zwei Protagonisten äußern sich im Interview.
 
25. März 1966: Roland Votteler und Sigi Hupfauer auf dem Gipfel des Eiger © "Eiger extrem"
25. März 1966: Roland Votteler und Sigi Hupfauer auf dem Gipfel des Eiger
"Natürlich erinnere ich mich an das Teleskop«, schreibt der britische Journalist Peter Gillman in seinem neuesten Buch »Eiger extrem«. An das Teleskop auf der Terrasse der Kleinen Scheidegg, durch das er als 24-Jähriger am Nachmittag des 22. März 1966 die Eiger-Nordwand beobachtete. Und an jenen unauslöschlichen Moment, als eine rot gekleidete Gestalt für Sekundenbruchteile durch sein Blickfeld flog.

John Harlin, 30-jähriger Starkletterer aus Amerika und spiritus rector der Nordwand-Direttissima, war abgestürzt. Der Riss eines Fixseils bedeutete nicht nur seinen Tod, er führte auch zu einem Riss in der Geschichte. Denn dass Harlins Kletterpartner Dougal Haston und »vier Deutsche« drei Tage später die Route vollendeten, liest sich in der Eiger-Literatur häufig eher wie ein Nachsatz.

Und während Dougal Hastons dramatischer Überlebenskampf am Gipfeltag nicht zuletzt durch das Buch »Eiger Direct« von Peter Gillman ein fester Bestandteil britischer Bergsteigergeschichte wurde, erfuhr man vergleichsweise wenig über die Erlebnisse seiner Begleiter: Jörg Lehne, Günther Strobel, Sigi Hupfauer und Roland Votteler. Ihnen war ihre eigene Geschichte genommen worden, von der Presse verrissen und medial abgetötet.

Eiger Nordwand
Eisig und steil: die Eiger-Nordwand

Diese verlorene Geschichte wird in der Bergsteiger Ausgabe 03/2016 aufgearbeitet. Hier lesen Sie zusätzlich ein Interview über die damaligen Geschehnisse mit Sigi Hupfauer und Roland Votteler.

Interview mit Roland Votteler und Sigi Hupfauer

Roland "Donald" Votteler und Sigi Hupfauer, deren dramatische Erlebnisse in der Endphase der Eiger-Direttissima bislang höchstens Insider bekannt waren, bildeten Anfang der 1960er-Jahre eine der stärksten deutschen Seilschaften (u.a. frühe Wiederholungen extremer Dolomitenklettereien wie Philipp-Flamm an der Civetta). Beide führten in dieser Zeit ein echtes Bergvagabunden-Leben, zogen monatelang durch die Alpen und verdienten sich ihr Essen mit Hilfsarbeiten auf Hütten.

BERGSTEIGER: Was hat Eure Seilschaft, Eure Freundschaft damals ausgemacht? Was habt Ihr aneinander geschätzt?

ROLAND VOTTELER: Unsere Leichtigkeit. Verbissen waren wir nie unterwegs. Sigi hat immer großen Wert auf die Ästhetik gelegt. Einerseits, dass man sauber geht. Und andererseits schöne Wände, schöne Linien. Das hat alles passen müssen.

SIGI HUPFAUER: Wo Donald dabei war, gab es immer Spaß und Lockerheit.

Hattet Ihr eine Rollenverteilung zwischen Euch?
VOTTELER: Sigi ist mehr vorgestiegen. Er war der bessere Kletterer von uns, hat das aber nie raushängen lassen.

HUPFAUER: Zwischen uns ging es nie darum, dass einer den anderen übertrifft. Donald war ein konzentrierter Sicherer, aber auch der ruhige Vorsteiger. Und er war immer eine ehrliche Haut. Er hat alles geteilt, Essen, Geld usw.

Hupfauer Votteler 2016
Votteler und Hupfauer im Jahr 2016

Wie seid Ihr dann zur Eiger-Direttissima gekommen, und was habt Ihr über das Projekt gedacht?
VOTTELER: Peter [Haag] hat mich angesprochen."Hättest Du Lust, Interesse, Laune?" Da habe ich gesagt, "Ja, mach' ich." Ob ich noch jemand wüsste? War klar - habe ich gleich in Ulm bei Sigi angerufen. Ich hatte die Wand noch nicht einmal gesehen, aber ich wusste, das sind alles gute Leute. Probieren kann man es ja mal…

HUPFAUER: Ich hatte mich schon länger in die Literatur eingelesen und stand der Sache sofort positiv gegenüber. Da geh' ich hin! Ich wusste ja, was wir leisten konnten und wie schnell wir waren, auch im Winter - lange vor dem Speedbergsteigen.

Was war es für Euch für ein Gefühl, am Eiger dann plötzlich in der Gipfelmannschaft zu sein?
VOTTELER: Gefühle sind da bei mir gar nicht aufgekommen. Ich war ja in der Spinne und Sigi bereits in der Fliege - ich wollte eigentlich nur noch durch. Runter wollte ich nicht mehr.

HUPFAUER: Für mich waren wir ein Team. Jeder hatte seine Rolle - die, die führen, und die, die unterstützten. Wir entschieden uns gemeinsam fürs Mitmachen. Und so war in der Gipfelwand klar, wir wollen gemeinsam raus.

VOTTELER: Die letzten beiden Tage ging es gar nicht mehr um die Durchsteigung - es ging nur noch ums Überleben. Schlicht und einfach. Durch. Und zusammenbleiben.

Was haben die Erlebnisse am Eiger, gerade die letzten Tage, für Eure Freundschaft bedeutet?
HUPFAUER: Wir sind als gute Freunde zum Eiger gegangen. Nach dem Eiger ist unsere Freundschaft noch stärker gewesen. Das hat uns noch weiter zusammengeschweißt.

VOTTELER: Wie ich in der letzten Nacht am Eiger meine Schulterverletzung hatte, hat Sigi ja stundenlang meinen Arm bewegt, damit er sich nicht versteift. Über dem Biwakplatz ging es ja gleich 50-60 Meter die Verschneidung hinauf, sehr schwer. Das musste ich schaffen. So hat er stundenlang meinen Arm bewegt. Das war eine außergewöhnliche Leistung - und so etwas bleibt hängen.

Vom Eiger zum Nanga Parbat

Zwei Jahre nach dem Eiger nahmen Hupfauer und Votteler gemeinsam an einer Nanga-Parbat-Expedition von Karl Herrligkoffer teil; danach verliefen ihre Leben auf unterschiedlichen Wegen. Beide gründeten Familien. Roland Votteler arbeitete weiter in seinem Beruf als Gießer und verlagerte sich sportlich auf Langstreckenlauf und Triathlon, später auch auf Drachen- und Gleitschirmfliegen sowie Mountainbiking.

Sigi Hupfauer wurde neben seinem Beruf als Werkzeugmacher Bergführer und führte zahlreiche Expeditionen durch. Mit acht Achttausendern (drei davon mit seiner Frau Gaby) und elf Siebentausendern ist er einer der erfolgreichsten deutschen Höhenbergsteiger.

Die Freundschaft zwischen Sigi Hupfauer und Roland Votteler hält bis heute an.
 
Interview: Jochen Hemmleb
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