Alpiner Skandal: Cesare Maestri und der Cerro Torre | BERGSTEIGER Magazin
Einer der größten Streitfälle in der Alpingeschichte

Alpiner Skandal: Cesare Maestri und der Cerro Torre

Das vermeintlich Unmögliche zu schaffen, hat Bergsteiger seit jeher umgetrieben. Ihr Ziel: aufsteigen in den Olymp der Alpinisten. Etliche hat es das Leben gekostet, einige auch den Ruf. Malte Roeper schildert die großen Alpinskandale und wie sie bis heute nachwirken.
 
Effektiv und zugleich obszön: Der Benzin getriebene Kompressor hängt noch heute in der Gipfelwand des Cerro Torre. © Archiv Heckmair-Auffermann (3), Lincoln Else/Red Bull Content Pool (1), Ken Robinson
Effektiv und zugleich obszön: Der Benzin getriebene Kompressor hängt noch heute in der Gipfelwand des Cerro Torre.
Da uns Bergsteigern in den Bergen normalerweise niemand zuschaut, müssen wir uns einigermaßen ehrlich verhalten, sonst glaubt am Ende niemand niemandem. Für das, was wir allein oder in Seilschaft leisten, er- und überleben, gibt es wenig Beweise. Fotos belegen, dass man in einer Wand oder auf dem Gipfel war, aber nicht die angegebenen Schwierigkeiten. Und wenn es wild hergeht, wenn Dinge schiefgehen, wenn es nur noch ums Überleben geht, sprich: wenn sich Geschichten abspielen, wie wir sie lieben, dann gibt es oft nur das Wort.

Im Zweifelsfalle ist jeder extreme Bergsteiger mehr oder weniger darauf angewiesen, dass man ihm verdammt nochmal glaubt. Dazu kommt, dass Bergsteigen ein extremes Vertrauen ineinander erfordert. Wie erwirbt man dieses Vertrauen für ein Abenteuer auf Leben und Tod? Richtig, durch absolute Ehrlichkeit. Man darf behaupten, dass Berge und die Bergsteigerei uns zur Ehrlichkeit zumindest anhalten. Und ich möchte behaupten, dass es in der Bergsteigerei sicher ehrlicher zugeht als in den meisten Bereichen der Gesellschaft.

Aber es gibt eine Handvoll solch spektakulärer Lügen und Streitfälle, oft gleichermaßen dreist, tragisch und menschlich anrührend, dass die Alpingeschichte ohne sie schon wieder ärmer und – hart gesagt – weniger unterhaltsam wäre. Sie spielen an den größten, schönsten und schwierigsten Bergen der Welt, es geht um Leben und Tod und natürlich: um die Ehre.

Cesare Meastri am Cerro Torre

Cesare Maestri
Cesare Meastri scheute zum Erreichen seiner Ziele keine Hilfsmittel
Einer der größten Alpinskandale spielte sich vor 55 Jahren am Cerro Torre ab und endete als die große tragische Lebenslüge des Cesare Maestri. Der Cerro Torre in Patagonien ist ein einmaliger Berg, wild, haltlos steil, eher ein Kunstwerk denn einfach ein Gipfel. Die Erstbesteiger des benachbarten Fitz Roy hatten 1952 geurteilt, diesen Cerro Torre könne man beim besten Willen nicht besteigen, das sei unmöglich. Daraufhin probierte man ihn natürlich. Auch Walter Bonatti scheiterte.

Im Nachhinein muss man sagen: Für diesen Gipfel und diese Schwierigkeiten war die Zeit damals schlicht noch nicht reif. Der Torre war zu schwierig. 1959 belagert den immer noch unbestiegenen Torre eine kleine italienische Expedition um Cesare Maestri aus Madonna di Campiglio sowie Toni Egger aus Lienz in Osttirol.

Maestri und Egger steigen in die Nordwand ein. Das Wetter wird schlecht, in Patagonien ist es meistens schlecht. Genaugenommen: sehr schlecht. Sechs Tage später kehrt Maestri zurück, Egger ist verschwunden. Maestri erzählt, sie seien gut vorangekommen, dann wurde das Wetter schlecht und überzog die Felsen mit einer dicken Eisschicht. Das habe ihnen aber zum Vorteil gereicht, denn Toni, dieser Teufelskerl sei einfach außen am Eis hinaufgeklettert. Und dann hätten sie den Gipfel erreicht und ein Beweisfoto geschossen. Als es im Abstieg wärmer wurde, hätte sich der Eispanzer vom Fels gelöst. Und der arme Toni sei mit einer Eislawine abgestürzt. Und die Kamera mit dem Gipfelfoto sei leider auch futsch.

Die Geschichte – zu schön

Maestri ist ein hervorragender Fels-, Egger ein hervorragender Eiskletterer und die Geschichte tragisch, aber wunderschön. Man glaubt Maestri. In einer zu dieser Zeit nicht vernetzten Welt erreichen einen ohnehin nicht viele Einzelheiten, und der einzelne Kletterer kümmert sich meist um die Berge vor der Haustür. Jahre vergehen, bis der englische Alpinautor Ken Wilson Maestri 1968 frontal angreift und die Geschichte bezweifelt.

Sie ist einfach ein bisschen zu schön, erklärt nur zu elegant, warum Wiederholer keinerlei Haken oder andere Spuren im Fels finden würden, wie es bei verflucht nochmal jeder Erstbegehung im Fels der Fall gewesen wäre: weil man eben auf einer Eisauflage hinaufgekommen sei, basta. Ein bisschen, als sei man einfach übers Wasser gelaufen. Ganz oben habe er dreißig Bohrhaken geschlagen, gibt Maestri an. Dreißig Bohrhaken von Hand in den Granit gemeißelt, bei einer Arbeitszeit von minimal einer halben Stunde pro Stück.

Das Gelübde des Toni Ponholzer

Toni Ponholzer
   Er wollte das Rätsel lösen - vergeblich
Zur gleichen Zeit erklimmt in den Lienzer Dolomiten ein Grüppchen Menschen einen Gipfel, und der Herr Pfarrer hält droben eine Bergmesse zu Ehren des toten, man möchte fast sagen, des gefallenen Toni Egger. Mit dabei ist der aus sehr einfachen Verhältnissen stammende Toni Ponholzer, eines von elf Geschwistern. Sechs Jahre ist er alt. Er hört die Geschichte. Die fernen Berge Patagoniens. Ein toter Held aus seiner Heimat. Ein ungelöstes Rätsel.

Toni Ponholzer beschließt, dieses Rätsel zu lösen. Diese Entscheidung soll sein Leben bestimmen. Währenddessen nagen die von Ken Wilson formulierten Zweifel an der Ehre des Cesare Maestri. Blind vor Zorn besorgt er sich einen benzingetriebenen Bohrkompressor und kehrt zurück an den Cerro Torre. An den »unmöglichen Berg«, an dem seit 1959 alle anderen gescheitert waren, an seinen, jawohl, verdammt nochmal seinen Berg.

In einer in der Alpingeschichte gottlob einmaligen Aktion dübelt er sich diesen wunderbaren Berg hinauf, indem er dreihundertsechzig Bohrhaken in seinen edlen Leib versenkt. Es ist obszön, es ist widerlich, eine gewaltige Leistung ist es aber auch. Er schleift den Kompressor die Wand hinauf bis kurz unter den Gipfel. Dort hängt er bis heute.

Maestri erreicht den Ausstieg aus dem Fels, besteigt aber nicht den fragilen und gefährlichen Eispilz als höchsten Punkt. Daher kann man streiten, ob er wenigstens beim zweiten Mal der Erste war oder doch erst jene italienischen Landsleute, die 1974 von der anderen Seite des Berges kamen, über das patagonische Inlandeis, und eben diesen höchsten Punkt erreichten.

Biegsame alpine Ethik

Die heftig kritisierte Kompressorroute wurde zu einer der begehrtesten Touren, führte sie doch auf den sagenhaft schönen Cerro Torre. So biegsam ist alpine Ethik eben auch. Maestris zwei Vorstöße am Cerro Torre gehören, jede für sich, zu den berühmt-berüchtigsten Unternehmungen der Alpingeschichte. Es erinnert ein wenig daran, wie Maradona 1986 in einem einzigen Spiel zwei der berühmtesten Tore der Fußballgeschichte erzielte: Erst schubste er den Ball mit der Hand ins Tor – der »Hand Gottes«, wie er in beispielloser Hybris formulierte; dann gelang ihm jener furiose Alleingang, den Experten zum »Tor des Jahrhunderts« kürten.

Beweise bleiben aus

Über Maestris vermeintliche Besteigung von 1959 entflammte ein Glaubenskrieg. Expeditionen rückten aus, um Beweise in der »Maestri-Route« zu finden, alte Haken, Schlingen, irgendwas. Diese Suchaktionen am Cerro Torre empfinde ich bis heute als tief berührend. Geht es um die alpinhistorische Frage (»gähn«), wer als erster auf dem Torre stand? Nein. Es geht um etwas zutiefst Menschliches. Hier zogen Menschen in den Kampf, um für die Ehre eines anderen zu streiten. Für die Ehre des Cesare Maestri. Weil sie wollten, dass unter uns Bergsteigern das Wort doch gelten müsse.

Sie finden: nichts. Toni Ponholzer beginnt seine Spurensuche 1990. Immer in der Hoffnung, einen Beweis zu finden, sein Kindheitsidol Toni Egger sei auf dem Gipfel gestanden, reibt er sich an der von Maestri behaupteten Linie auf, kommt bis zweihundert Meter unter den Gipfel. Die behauptete Linie selbst wird 2005 durch Rolando Garibotti, Ermanno Salvaterra und Alessandro Beltrami tatsächlich geklettert.

Die drei finden: nichts. Auch Ponholzer, der Maestris Linie etwas anders interpretiert, findet: nichts. Aber, so insistiert er beinahe verzweifelt, erst wenn er selbst auf den letzten Metern unterm Gipfel keine Spuren entdeckt, dann erst wäre der endgültige Beweis erbracht, Egger und Maestri seien nicht oben gewesen. Fände er etwas, er wäre wohl glücklicher als Maestri selbst, der verbittert in Madonna di Campiglio lebt. Und sagt, ihm wäre am liebsten, der verdammte Torre würde in sich zusammenfallen. Die wichtigste Frage ist aber: Warum log Maestri? Warum bekannte er nicht einfach, wie es war?

Ich gehe hier auf dünnem Eis und spekuliere. Etwas anderes ist bei der Aktenlage aber nicht machbar. Also: Man kann, darf, sollte Maestri unterstellen, dass der Tod seines Kameraden für ihn schwerer wog als der Gipfel. Für Eggers Tod nun gibt es drei Möglichkeiten: objektive Gefahren wie eine Lawine, eigener Fehler oder Fehler des überlebenden Maestri.

Ganz gleich wie es war: Ist es nicht wahrscheinlich, dass Maestri sich schuldig fühlte, selbst wenn er gar keine Schuld trug? So wie es manch Überlebenden von Katastrophen geht, die an der Frage verzweifeln können: Bin ich wert, dass ich überlebt habe? Die sich schämen vor den Angehörigen der anderen?
Cerro Torre
Täuschender Eindruck: Der Cerro Torre in Patagonien ist meist von Wind und Wolken umtost.

Fabelhafte Tragik

Musste Maestri nicht einfach verzweifelt sein angesichts des Umfangs seiner Niederlage, seiner Katastrophe? Der Partner tot und verschollen, und oben gewesen waren sie auch nicht? Wollte er seinem Kameraden ein Denkmal setzen, dem er ja den größeren Anteil der Kletterleistung zusprach? Die Antwort, die er mit seiner Kompressorroute geben wollte, spricht – auch wenn der Stil ein miserabler war – für den Bergsteiger Maestri, für den Menschen Maestri spricht sie nicht. Dennoch bin ich überzeugt, dass Maestri nicht einfach aus Ruhmsucht und kalter Berechnung gelogen hat, sondern aus Verzweiflung – und weil es für ihn die einfachere Methode war, um mit Eggers Tod fertig zu werden.

Dreißig Jahre später begann Toni Ponholzer mit seiner Suche nach Beweisen, die dem toten Toni Egger nichts, dem noch lebenden Maestri sehr viel genützt hätten. In gleicher Mission waren auch andere unterwegs, alle mit demselben Ergebnis. Dass gerade der unermüdliche Ponholzer nicht fündig wurde, widerlegt Maestri am deutlichsten: Welch fabelhafte Tragik einer selbstlosen Mission.

In dem Kinofilm »Nicht den Hauch einer Chance« über David Lamas furiose erste freie Begehung der Kompressorroute ist Toni Ponholzer einer der großen Sympathieträger und einer von zwei Bergführern des Kamerateams. Ein Jahr später fliegt er wieder nach Patagonien, um in der Nordwand des Cerro Torre nach dem Beweis zu suchen, dass Toni Egger doch oben war. David Lama ist mit seiner großen Tat der Champion des Torre. Der Held des Cerro Torre ist für mich Toni Ponholzer.
Lama am Gipfel des Cerro Torre
Hochgefühl auf der Haube: David Lama und Peter Ortner am Gipfel des Cerro Torre
Malte Roeper
Fotos: 
Archiv Heckmair-Auffermann (3), Lincoln Else/Red Bull Content Pool (1), Ken Robinson
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2015. Jetzt abonnieren!
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