Ganes: »Das Düstere inspiriert uns ungemein« | BERGSTEIGER Magazin
Ganes aus La Val/Südtirol im Interview

Ganes: »Das Düstere inspiriert uns ungemein«

Es gibt nur noch 30 000 Ladiner in den Alpen, die ihre Kultur lebendig halten. Das Trio Ganes aus La Val in Südtirol tourt derzeit durch Deutschland, Österreich und Südtirol. In ihrem Album »An cunta che« (»Man erzählt sich«) singen sie ausschließlich auf Ladinisch. Und thematisieren die Sagenwelt der Fanes. Ein Gespräch mit den Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen über Königstöchter, Murmeltiere und den Wert der Muttersprache.
 
Ganes © Zippo Zimmermann
Marlene Schuen live auf der Bühne


Sie stammen aus dem Dolomitental La Val. Wie viel Inspiration ziehen Sie aus den Bergen für Ihre Musik?
Elisabeth Schuen: Dieses Mal haben wir sehr viel Inspiration aus den Bergen gezogen. Wir haben uns intensiv mit den Dolomitensagen beschäftigt. Marlene hat sich den Zyklus »Das Königreich der Fanes« herausgesucht. Die Hochebene beginnt ja direkt hinter unserem Haus.
Marlene: Die Sagen haben wir schon als Kinder erzählt bekommen. Die starken Bilder waren also immer schon in unseren Köpfen. Die Königstochter Dolasila reitet auf die Armentara-Wiesen hinaus. Das ist wie Kopfkino. Ich sehe diese Szene.

Erzählt man sich die Sagen immer noch in den Familien?
Elisabeth: Ja. Die Sagenexpertin Ulrike Kindl forscht seit langem zu den alpinen Sagen und Märchen. Aufgeschrieben wurden die Dolomitensagen um 1900 von Karl Felix Wolff. Schon damals war es schwer, Leute zu finden, die richtig darüber Bescheid wussten. Wenn Wolff die Sagen nicht aufgeschrieben hätte, würden wir heute nichts mehr wissen. Ulrike Kindl sagt, dass die Sagen Jahrtausende alt sein können, weil es bestimmte Elemente darin gibt wie etwa Totemtiere.

Und was hat dazu geführt, dass Sie dem Sagenvolk der Fanes ein ganzes Album, Ihr fünftes, gewidmet haben?
Elisabeth: Wir wollten es dieses Mal anders machen und von Beginn an ein Thema haben, an dem wir uns orientieren. Und die Sagen passen einfach sehr gut zu uns, weil wir damit aufgewachsen sind und weil wir dazu sofort in uns Musik gehört haben.

Sie haben sich in eine Welt voller Unheil begeben: enttäuschte Lieben, verlorene Schlachten, Tod und Verderbnis. War es schwierig, sich darauf einzulassen?
Elisabeth: Im Gegenteil. Darüber zu schreiben ist einfach. Das Dunkle, die Melancholie – das fasziniert einfach beim Schreiben, inspiriert. Es sind starke Gefühle, die man gut in Musik packen kann. Nicht umsonst leben die Sagen seit Jahrtausenden fort, weil die Menschen Dinge weitererzählt haben, die sie selbst beeinflusst haben. Lebensweisheiten sozusagen.

Was bedeuten Ihnen die Berge persönlich?
Marlene: Heimat. Zuhause. Ich habe 13 Jahre in München gewohnt, jetzt lebe ich in Berlin. Das ist auch Heimat. Aber anders. Wenn ich an die Dolomiten denke, ist mehr Gefühl dabei. Familie. Das gemeinsame Wandern früher.


Beim Wandern im La Val (vor dem Paresberg, 2396m).

Und das war nicht irgendwann öde und langweilig?
Elisabeth (lacht): Mit zwölf Jahren hatte ich öfters Kopfweh bekommen und konnte nicht mitgehen. Marlene musste dann auf mich aufpassen (beide lachen).
Marlene: Wir durften nicht viel fernsehen. Das haben wir dann natürlich ausgenutzt und den ganzen Tag geschaut…

Elisabeth, was bedeuten Ihnen die Berge?
Elisabeth: Das Gefühl von Familie. Und Ruhe. In den Bergen finde ich wieder zu mir selbst. Es kehrt in mir drinnen Ruhe ein. Auf mich übt es auch eine große Faszination aus, Steine und Felsen anfassen zu können, die Millionen Jahre alt sind. Man kriegt Ehrfurcht vor dem großen Wunder Schöpfung.

Sie waren bei Hubert von Goiserns Linz-Europa-Tournee mit dabei. Goisern sagte im Bergsteiger, ihn mache eine flache Landschaft depressiv. Empfinden Sie das auch so?
Marlene: Hmm, Berge können einen auch ganz schön erdrücken. Und werfen Schatten. Deshalb ist es wohl für die Menschen so wichtig raufzugehen. Sonst hast du vor dir nur die Wand, und die ist meist grau. Andererseits inspiriert uns genau das Düstere, unsere Musik zu schreiben.
Elisabeth: Auf mich wirken Berge nicht erdrückend. Aber es ist auch nicht so, dass ich ohne Berge nicht kann. Ich bin auch gerne mal länger in der Stadt. Oder könnte am Meer leben.


Das Elternhaus, von dem aus die Familienwanderungen begannen.

Sie singen fast ausschließlich ladinisch, ab und zu mal streuen Sie ein englisches Lied ein. Sie schließen damit 99,99 Prozent Ihrer Zuhörer vom Verstehen aus – zumindest dem textlichen. Warum?
Elisabeth: In der Muttersprache kann man sich am besten ausdrücken. Ladinisch hat zudem einen ganz bestimmten Klang, der zu unserer Musik passt. Es ist am authentischsten, und wir fühlen uns am besten damit. Und wir haben das Glück, dass unser Publikum erstaunlich gut mitgeht. Viele machen sich die Mühe und schauen auf der Homepage nach, um was es bei unseren Songs geht. Es ist vielleicht sogar von Vorteil. Denn so können die Leute erst einmal die Musik auf sich wirken lassen.
Marlene: Gerade beim Thema Sagen ist das spannend. Es ist ja wie eine Phantasiesprache. Uns war es wichtig, musikalische Landschaften darzustellen und mit Hallräumen zu arbeiten.
Elisabeth: Wenn du vor der Heiligkreuzkofelgruppe stehst und singst, dann kommt dein Echo zurück – deshalb die flirrenden Teppiche von Klarinetten oder Querflöten oder auch Synthesizerklänge in unserer Musik, die eine solche Atmosphäre erzeugen.

Früher reichte das Siedlungsgebiet der Ladiner vom Gotthard bis an die Adria. Heute leben nur noch etwa 30 000 Ladiner in den Südtiroler Tälern und im Trentino. Wie empfinden Sie es, einem Volk anzugehören, das seit Jahrhunderten auf dem Rückzug ist?
Elisabeth: Inzwischen wird das Ladinische ja ganz gut gepflegt und in den Schulen unterrichtet. Es gibt Bücher, Ladinisch ist Amtssprache, also lebendig – wahrscheinlich lebendiger als vor Jahren. Andererseits weiß man schon von Kind an, dass, wenn man nur 20 Minuten Richtung Bruneck geht, einen keiner mehr versteht. Man muss sich also öffnen und andere Sprachen lernen. Erst Italienisch, dann Deutsch und Englisch. Die deutschsprachigen Südtiroler und die Italiener in Südtirol wehren sich beide sehr gegen zweisprachige Schulen. Bei uns hingegen ist das ganz selbstverständlich. Das empfinden wir als Bereicherung.

Ist das Ladinische also nicht mehr gefährdet?
Elisabeth: Prinzipiell ist jede Minderheit potenziell gefährdet. Ich glaube, dass es das Ladinische ohne die Autonomie der Provinz Südtirol heute nicht mehr gäbe. Man sieht das an anderen Tälern wie Cortina d’Ampezzo in der Provinz belluno. Die Menschen dort hatten lange Zeit kein Ladinisch in den Schulen. Inzwischen zwar schon, aber es gibt nur noch wenige Leute, die ihr Ampezzaner-Ladinisch sprechen.


Selfie beim Auftritt am Asitz (Leogang)

Ihr dreijähriges Kind lernt auch in Vorarlberg Ladinisch?
Elisabeth: Ja. ich spreche mit meinem sohn nur Ladinisch, er kann es genauso gut wie Deutsch.
Marlene: Bregenzerwälderisch.
Elisabeth: Er spricht ohnehin sehr viel…
Marlene: Ohne Pause. (lacht)
Elisabeth: Er wechselt ständig hin und her zwischen Bregenzerwälderisch und Ladinisch. (lacht) Manche Ladiner sprechen mit ihren Kindern nur Italienisch, weil man damit mehr anfangen könne. Das ginge mir zu weit. Außerdem: Wenn man Ladinisch kann, dann kann man auch schnell Italienisch und Französisch lernen.

Ganes, die Wasserhexen, können angeblich Glück oder Unglück bringen. Von was hängt das ab? Vom Gegenüber?
Marlene: Ja. Wenn die Ganes schlecht behandelt werden, dann werden sie eins mit der Natur und können zum Beispiel Lawinen abgehen lassen. Es gibt auch eine Geschichte einer Gana, die einen Prinzen kennenlernt und mit ihm in sein Reich einzieht. Sie schämt sich, weil sie keiner Dynastie entstammt, sondern nur ein Bergmädel ist, und wird rot. Mit ihr leuchten dann alle Dolomitenberge rot. Und alle anderen sind baff.
Elisabeth: Die Ganes waren auch Orakel. Sie konnten sowohl in die Zukunft schauen, hatten aber auch viel Wissen und Weisheit aus der Vergangenheit. Insofern wurden sie stark mit dem Schicksal in Verbindung gebracht.

Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2017. Jetzt abonnieren!
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