Kontrastreiches Wanderparadies Dolomiten

Die Dolomiten von ihrer schönsten Seite

Gegensätzlicher präsentiert sich kaum eine Berggruppe in den Alpen - hier die schroffen Zinnen und Zacken aus Dolomitgestein, darunter tiefgrüne Wiesen und Höhenwege die zum Wandern einladen. Von Eugen E. Hüsler.

 
Grauer Fels über grünen Blumenwiesen: Traumwelt Dolomiten; in der südlichen Civetta, rechts der Bildmitte der Torre Venezia und die Cima della Busazza, zwei berühmte Kletterzacken. Foto: Manfred Kostner © Manfred Kostner
Grauer Fels über grünen Blumenwiesen: Traumwelt Dolomiten; in der südlichen Civetta, rechts der Bildmitte der Torre Venezia und die Cima della Busazza, zwei berühmte Kletterzacken.
Wenn du schon etwas älter bist, an Jahren und Erfahrung, deine Tourenliste so lang ist, dass du dich nur noch schwach an die ersten Gipfel deines Lebens erinnern kannst, dann kann man schon mal zurückschauen, sich erinnern. Etwa an eine Familienfahrt mit dem schicken Citroën des Patenonkels über die »Große Dolomitenstraße«, der Bub aus Zürich war gerade acht Jahre alt und besonders beeindruckt von den vielen Serpentinen der Strecke. Oder an die Radtour zehn Jahre später, die fast den gleichen Verlauf nahm, von der »Großglockner-Hochalpenstraße« bis zum Stilfser Joch, und – natürlich – quer durch die Dolomiten führte. Diesmal mit Muskelkraft, kleinem Gepäck und viel Enthusiasmus: Tre Croci – Falzárego – Campolongo – Grödner Joch – Sellajoch – Karerpass. Links und rechts die schönsten Gipfel der »Bleichen Berge«, wenig beachtet und größtenteils auch namenlos. Das sollte sich allerdings ändern, mit den ersten Wanderungen in diesem Teil des Alpenbogens. Aus den roten Linien der Wanderkarte – Frey­tag & Berndt 1:100 000 – wurden Bergerlebnisse, Namen wie Drei Zinnen, Civetta, Pelmo erhielten ihr Profil, und manchmal auch Besuch. Der Schlacks aus Zurigo stieg vom Rennrad; aus dem Pedaleur wurde ein Wanderer, dann Bergsteiger: süchtig nach Höhe, unheilbar. Und nach den Dolomiten.

Wunderwelt Dolomiten

»Es ist kalt und still und am Himmel zittern ein paar funkelnde Sterne dem Morgen entgegen. Im Osten wird’s hell, langsam nur, das Titanenprofil der Drei Zinnen wächst ganz allmählich aus dem Nachtdunkel heraus, als ob die Welt an diesem Tag erschaffen würde. Immer wieder und jedes Mal neu. Die ersten Sonnenstrahlen lecken über die Gipfelfelsen, und dann blinzelst du im Morgenlicht, das die Kälte aus deinen Knochen vertreibt. An den schroffen Flanken des Höhlensteintals hängen ein paar weiße Nebel wie verlorene Traumfetzen. Stein rundum – bloß Stein?
Natürlich nicht; man muss sie bloß sehen, erspüren, all die Wunder. Dann sind Berge, dann sind die Dolomiten mehr als nur schöne Kulisse, als art natur: ein Fest für die Sinne, bezaubernd da, erschre­ckend wild dort, manchmal zum Träumen einladend – und immer faszinierend.«
Faszination Dolomiten. Wer möchte etwa den Za­­­ckenwald der Cadinispitzen mit der schieren Masse eines Monte Pelmo vergleichen oder die Wüstenlandschaft des Pala-Plateaus mit dem Villnößtal? Wer über den Campolongopass fährt, hat ein unvergessliches Schwarzweißbild vor sich: der aus Vulkangestein aufgebaute Schartengrat des Padòn vor dem gleißenden Weiß der Marmolada. Und du hältst den Atem an – verzaubert.

Gipfelglück am Punta Civetta

Weiße Wolken ziehen über den blauen Himmel, die Sonne steht noch recht tief im Osten. Es ist September, ein paar hundert Höhenmeter liegen hinter uns, und zum Einstieg am ostseitigen Pfeilervorbau der Punta Civetta ist es nicht mehr weit: »Via ferrata degli Alleghesi« heißt der Klettersteig, ein alter Bekannter sozusagen, aber einer, den ich besonders gerne mag. Weil er sehr lang ist, in hochalpine Regionen und auf einen der schönsten Dolomitengipfel führt. Und weil die Möglichkeit besteht, über eine Ferrata auch wieder abzusteigen. Die ist neu für mich – und wieder nicht. Vor Jahren hatte ich die »Ferrata Tissi« schon einmal begangen; damals verlief sie noch über die westseitigen Felsen des Van delle Sasso und galt als anspruchsvoll – und gefährlich. Beides stimmte, ich konnte mich davon überzeugen: ein Unfall, verursacht durch Steinschlag, und zwei Dutzend abgeschlagene Eisenkrampen. Für (ungewollte) Spannung war also gesorgt, damals.

Was für eine Schau!

Bei der Civetta-Überschreitung im letzten Herbst, meiner vierten, passte dann alles: das Wetter, die Kondition, und auf der Torrani-Hütte gab’s sogar ein Erdinger Weißbier. Vor dem zweiten Gipfelaufstieg, denn zum Sonnenuntergang sind der Manni und ich nochmals hinauf zu dem kleinen Kreuz vor dem Dolomiten-Panorama, zum Fotografieren, aber vor allem zum Schauen und Staunen. Da stehen sie fast alle im weiten Rund, mehrfach hintereinander gestaffelt wie auf einer großen Bühne. Heute wird ein Stück gegeben, das ich mir immer wieder gerne ansehe: »Rückblick«. Denn da draußen, im Licht der untergehenden Sonne, ist mein halbes Bergsteigerleben ausgebreitet. Wie viele Tage mögen es gewesen sein zwischen dem Rosengarten und den Sextenern, zwischen Tälern, Jöchern und Gipfeln? In vierzig Jahren kommt da doch einiges zusammen… »Schau mal, Manni«, sage ich und deute nach Osten, »der Antelao mit seiner Riesenrampe.«

Hinauf oder rund herum?

Die wirkt gar nicht so steil, aus unserer Perspektive, doch wer über diese Himmelsschräge aufsteigt, fühlt sich wie Sisyphus oder die berühmte winzige Fliege an der Wand. Wenn der Höhenmesser – endlich! – die Zahl 3264 anzeigt, darfst du aufatmen: endlich oben. Zur Belohnung gibt’s (beim richtigen Wetter) ein immenses Panorama, das weit über die Dolomiten hinausreicht. Ganz nahe ragt der massige Sorapiš (3205 m) in den Himmel, noch so ein Koloss. Er bekommt nur selten Besuch, gilt er doch eher als Ziel für »Geröllfresser«, also für Leute, die es mögen, wenn’s ständig knirscht unter den Schuhsohlen und ein sicherer Stand etwa so selten ist wie ein Sechser im Lotto. Auch einsam, aber doch entschieden mehr Abwechslung bietet die Umrundung des Massivs: eine einzige Abfolge grandioser Hochgebirgsbilder, gewürzt mit Kletter- und Klettersteigpassagen. Wer die Reib’n in einem Tag schafft, darf sich durchaus als alpiner Dauerläufer fühlen.

Etwas Ausdauer brauchen auch jene Wanderer, die von Garès aus das Pala-Plateau erkunden wollen. Der Weg durch das schmale Val delle Comellle hinauf zum Altipiano ist eine Reise vom Talgrün in eine lebensfeindliche, aber trotzdem faszinierende Steinwüste. Überragt wird sie im Norden von den höchsten Gipfeln der Pale di San Martino, südseitig von der Fradusta (2939 m), deren Gletscherrest in der Sommersonne vor sich hin schmilzt.

La Marmoleda

Auch dem größten Gletscher der Dolomiten macht der Klimawandel zu schaffen: dem Ghiacciaio della Marmolada. Jener mächtige Gletscher, der vor gerade mal 20000 Jahren seine Zunge bis in die Poebene hinausstreckte, er schrumpft mehr und mehr. Als der Wiener Paul Grohmann im September 1864 als erster das »Dach der Dolomiten« bestieg, reichte das Eis noch fast herunter bis zum Fedaia-Pass. Inzwischen ist das steinige Vorgelände fast so groß wie die gesamte Eisfläche. Das lässt sich besonders schön vom berühmten »Bindelweg« aus beobachten, wenn man sich in die bunte Wanderkolonne einreiht, die vom Pordoijoch (2239 m) zum Fedaia-See pilgert, oder wenigstens bis zum Rifugio Vièl dal Pan (2432 m). Auf der Terrasse gibt’s zu Pasta asciutta und Vino rosso ganz umsonst den einmaligen Marmolada-Blick, und mit einem guten Fernglas lässt sich vielleicht die eine oder andere Seilschaft beobachten, die zur Siestazeit über den im Sonnenlicht gleißenden Firn absteigt.

Die Wand der Wände

Nicht sichtbar ist vom »Bindelweg« aus der gewaltige Südabsturz der Marmolada. Er geriet bereits früh ins Visier der Alpinisten, und später sollte die »Wand der Wände« gar zu einem Brennpunkt der Dolomiten-Kletterei werden. Luigi Rizzi aus dem Fassatal kletterte solo (!) bis zur ersten Terrasse der 600 Meter hohen Mauer, wollte dann mit einer Miss Beatrice Tomasson einsteigen – Schlechtwetter, aus. Doch die Lady aus England, felsgewandt und ehrgeizig, war auf den Geschmack gekommen. Im Sommer 1901 kehrte sie zurück, mit den Führern Bortolo Zagonel und Michele Bettega, »einem wilden Kerl mit langem Haar, struppigem Bart und lodernden Augen«, und nach zwölfstündiger Kletterei stand das Trio auf dem Gipfel der Punta di Penia (3343 m).

Buona notte!

Wir steigen im Dämmerlicht ab über den Schrofenrücken des Civetta-Gipfels, während am Himmel tausend Sterne aufgehen. Mich fröstelt ein wenig, die Sommerhitze ist vorbei, oben am Berg hat’s vor zwei Wochen schon mal richtig geschneit. In der winzigen Hütte ist es angenehm warm, neben dem Ess(und Schlaf-)raum blubbert die Polenta im großen Topf, der Rotwein steht auf dem Tisch. Wir parlieren ein wenig mit unseren Tischnachbarn – drei Frankfurtern und einem Pärchen aus Venezia; Manni stellt fest, dass es keinen Handy-Empfang gibt hier oben. Wir holen uns die Tabacco-Karte, 1:25 000, und schauen nach den roten Punkten, die zwischen Felsschraffen verlaufen, hinüber zur Moiazza, zur »Costantini«. Die drei Frankfurter waren vorgestern da, sie schwärmen von der verwegenen Schlüsselstelle, vom Engelsband und überhaupt. Morgen müssen sie zurück, und das wird wohl ein extrem langer Tag: Civetta – Francoforte in un giorno.

Zwei Engel am Band

Der Morgen sieht uns früh vor dem Haus, dessen breite Front in ein unwirkliches Rosa getaucht ist. Frühstück à l’italiana, Rucksack packen, »servus, tschüs!«, Hände schütteln und los geht’s, hinab in die Geröllmulde des Pian di Tenda, dann weiter zur »Tissi«. Sie startet eher gemütlich, zeigt dann aber ihre Zähne. Zwei-, dreimal müssen wir kräftig zupacken, während der Geröllboden des Van delle Sasse allmählich näher kommt. Die Klettersteigwand liegt noch im Schatten, alles Eisen ist kalt, da bist du froh um die Handschuhe. Die finale Rampe zwingt nochmals zu voller Konzentration, dann stehen wir am Wandfuß im Geröll, ein paar Minuten später wärmt uns die spätsommerliche Morgensonne. Angenehm.
Angenehm? Wir steigen auf zur Moiazza, der Latschengürtel und ein paar Felsstufen liegen bereits hinter uns, ein kurzer, mit Drahtseilen entschärfter Steilaufschwung ebenfalls. Jetzt werden wir geröstet, in der Steinwüste des Vant delle Nevere, kein Schnee weit und breit, und schon gar kein Schatten. Nur bleicher, knochentrockener  Fels – und die Sonne. Erbarmungslos hat sie uns ins Visier genommen, da werden die Schritte langsamer, die Zunge klebt dir am Gaumen, du träumst von einem kühlen Bier, doch die große Flasche im Rucksack ist schon halbleer und der Tag noch weit.

Höhenwege in den Dolomiten

Wir arbeiten ein paar Sünden ab unter diesem himmlischen Feuer, betreten dann geläutert das legendäre »Engelsband« der »Via ferrata Costantini«. Und tatsächlich, so nah’ dem Himmel waren wir schon lang nicht mehr, dem »bergsteigerischen« zwar nur, aber immerhin. Mannis Nikon läuft schier heiß, ich geb’ den Unerschro­ckenen. Kein Problem, dieser Tag verleiht Flügel, aber wirklich!
Höhenwege. Sie können natürlich auch ganz anders aussehen, Fels bloß in der Kulisse, dafür Wiesengrün links und rechts der markierten Spur. Wie beispielsweise am »Adolf-Munkel-Weg«. Oder an der Pralongia, die Aussicht bietet auf fast alle Berggruppen der zentralen Dolomiten. Auch auf die Fanisspitzen. »Auf die Piramide müssen wir auch noch«, sage ich, weil’s mir gerade einfällt und Pause ist. Manni nickt, er isst seine Banane: Kraft für den langen Abstieg. In der Fanisregion gibt’s nämlich einen ganz neuen Klettersteig, Jahrgang 2007, direkt über der Falzáregostraße, so gut 200 Höhenmeter im Steilfels.  Gipfel – Höhenwege – Klettersteige. Die Faszination Dolomiten ist vielfältig erlebbar. Auch wenn das einmalige Bild da und dort ein paar hässliche Flecken bekommen hat, weil der Kommerz selbst vor dem »schönsten Bauwerk der Welt« (Le Corbusier) nicht halt macht, Skipisten und Lifte (fast) jeden abfahrtstauglichen Hang erschließen, viel zu groß geratene Wellness-Oasen manches Ortsbild beeinträchtigen. Immerhin: Es gibt nicht weniger als sieben große Schutzgebiete in den Dolomiten, mit einer Gesamtfläche von über tausend Quadratkilometern, vier davon in Südtirol, und eines davon hat sogar den Status eines Nationalparks (Parco Nazionale delle Dolomiti Bellunesi).

Epilog

Wir steigen ab ins Tal. Die Sonne steht schon weit im Westen, die Ostflanke der Moiazza ist bereits tief verschattet. Über den grünen Hügeln des Zoldano steht riesig der Pelmo, vom Licht des späten Nachmittags zur Riesenskulptur stilisiert.
»Da möchte ich auch wieder mal hin«, sage ich zum Manni, »übers große Band.« Manni nickt. Noch ein schönes Ziel für zwei, die süchtig sind, nach den Bergen, den Dolomiten. »Nächsten Sommer«, sagt er. Das ist abgemacht!     
Die Dolomiten. Von Manfred Kostner
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