Bergretter: »Wir müssen vor der Ignoranz flüchten« | BERGSTEIGER Magazin
Bergretter und Flüchtlingshelfer im Interview

Bergretter: »Wir müssen vor der Ignoranz flüchten«

Täglich versuchen Flüchtlinge in der italienischen Region Bardonecchia die Alpen zu überqueren um nach Frankreich zu gelangen. Oft in Jeans und Turnschuhen und ohne Erfahrung, was die Risiken angeht. Einige der Flüchtlinge sind bereits durch die Sahara gegangen, haben die Sklavenmärkte von Libyen überlebt, das stürmische Mittelmeer. Die schneebedeckten Alpen erschrecken sie nicht, auch wenn sie wieder einmal ihr Leben gefährden. Die Bemühungen der Behörden, sie zu verhindern, bleiben ergebnislos. Freiwillige Bergretter auf beiden Seiten versuchen, den Menschen in Not zu helfen.
 
© Yann Borgnet

Bergsteiger: Welche Bedingungen herrschen in der Region, in der die Flüchtlinge gerettet werden?
Yann Borgnet: Die Flüchtlinge, Menschen ohne Erfahrung und Ausrüstung fürs Gebirge, betreten Berge ohne Wegmarkierungen, mit mehr als einem Meter Schnee und Temperaturen unter null Grad. Ihnen nicht zu helfen, würde bedeuten, unsere Grundprinzipien zu leugnen, die Prinzipien, die uns Bergbewohner charakterisieren. Wir verurteilen aufs Schärfste die Schließung der ganzjährig geöffneten Straße des Montgenèvre-Passes für die Flüchtlinge, was dazu führt, dass Schutzsuchende in gefährliche Zonen gehen.

Wie viele Flüchtlinge wurden bis heute gerettet und in welchem Zustand waren diese Menschen?
Ich habe die genaue Anzahl von Flüchtlingen, die durch den Briançonnais gekommen sind nicht im Kopf. Aber seit einem Jahr durchqueren täglich Flüchtlinge die Region. Die Bewohner des Briançonnais haben über tausend Menschen begrüßt, ihnen geholfen und sie betreut. Flüchtlinge werden identifiziert und unterstützt von Menschen, die täglich an Schichten auf den Bergpässen Montgenèvre und l’Échelle teilnehmen. Die Flüchtlinge befinden sich oft in einem Zustand extremer Ermüdung, dehydriert, unterkühlt und/oder mit Erfrierungen. Im letzten Winter mussten die Zehen eines Mannes namens Mamadou amputiert werden. Er hat den Berg während eines Sturms auf dem Échelle-Pass (1700 m) überquert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir im Frühling in den Bergen Leichen finden. Die Flüchtlinge sind psychisch stark. Aber wir können uns nicht vorstellen, was sie durchgemacht haben, um hierher zu kommen.



Gibt es außer den ehrenamtlichen Helfern noch eine andere Art von Unterstützung für die Flüchtlinge?
Nein, es gibt keine. Schlimmer noch ist, dass das Schild mit der Aufschrift »Frankreich« im italienischen Bardonecchia, dem Ausgangspunkt der Flüchtlinge absichtlich entfernt wurde. Sichere Wege werden geschlossen und die Flüchtlinge weichen ins komplizierte Gelände aus. Wir müssen erkennen, dass sich diese Menschen im zweiten und dritten Jahr ihrer Reise befinden und nichts sie daran hindern kann, bis sie ihr Ziel erreichen. Wenn das Ziel Frankreich ist, werden sie dort ankommen oder sie werden auf der Straße sterben. Tod oder Erlösung. Es gibt keine andere Wahl für sie.

In Ihrem eigenen Land und in vielen anderen europäischen Ländern werden Flüchtlinge heute von vielen Politikern und Bürgern als Feinde, als Invasoren behandelt. Wie erklären sie diese Einstellung und was kann man tun, um sie zu ändern?
Es ist ein echtes Problem. Gegenwärtig ist die von der französischen Regierung verfolgte Politik eine Politik, die auf den Umfragen basiert. Die Anwesenheit von Marine Le Pen in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen ist nichts anderes als das Zeichen einer tiefen Desinformation der Wähler, die in Angst und Introvertiertheit versinken.  Ein Teil der politischen Welt aktualisiert und nährt diese künstlichen Kreationen [diese Desinformation], um die Fahne des Nationalismus hochzuhalten. Wir aber halten an dem universellen Wert des Humanismus fest. Wir müssen diese Leute willkommen heißen und einen Austausch schaffen. Wenn wir aus der Ignoranz fliehen, wird es möglich sein die Ängste abzubauen. Flüchtlinge sollten die Möglichkeit erhalten, sich frei auszudrücken, ihnen sollte in den Medien Raum gegeben und ihre Stimme gehört werden



Französische Bürger, die Flüchtlingen halfen, wurden zur Verantwortung gezogen, wie Pierre-Alain Mannoni oder Cédric Herrou. Wie ist Ihre Meinung dazu und kann es ähnliche Anklagen gegen Sie geben?
Im Moment nicht, weil ich die Grenzen der Illegalität nicht überschritten habe. Einige Bürger des Βriançonnais wurden bereits verhört. Philippe Court, der ehemalige Präfekt der Hautes-Alpes, nannte Menschen, die Flüchtlingen in Lebensgefahr geholfen haben, Menschenhändler – trotz der Tatsache, dass sie keinen finanziellen Gewinn hatten und sie nicht dabei geholfen haben, die Grenze zu überqueren. Was mich angeht: Wenn es so kommt und ich ungehorsam sein muss, um dem höheren Prinzip des Humanismus zu folgen, der mich leitet, dann werde ich keine Sekunde zögern, es zu tun. Als Bergbewohner ist für es mich undenkbar, einen Bekannten oder Unbekannten, Einheimischen oder Ausländer, eine Person mit oder ohne Papiere in einer Notsituation zurückzulassen. Im Gegensatz zum Rest des Landes sind die Berg die letzten Orte, die weitgehend intakt geblieben sind. Sie sind die letzten Orte, an denen alle unsere Handlungen an die natürlichen Bedingungen angepasst sind. Dies schafft reale Werte, praktische Werte, die nicht auf oberflächliche Politiken reduziert werden können. Teilen, gegenseitige Hilfe, Solidarität sind solche Werte. Wir wenden sie jeden Tag an. Was völlig absurd ist, ist, dass wir dadurch an der Grenze der Legalität wandeln.  

In letzter Zeit wurden mehrere Artikel über die Situation in Montgenèvre und l’Échelle veröffentlicht. Hat sich etwas an Situation der Flüchtlinge in den Bergen verändert? 
In Frankreich hat sich die Situation nicht groß verändert. Im Januar stoppten die Übergänge am Col de l'Échelle wegen der sehr schlechten Bedingungen auf der italienischen Seite: steile und eisige Hänge, die die Flüchtlinge aufhielten. Viele von ihnen sind von den französischen Ersthelfern gerettet worden, als sie stark geschwächt herumirrten. Auf der italienischen Seite, am Bahnhof von Bardonecchia, hat sich eine Gruppe von Freiwilligen organisiert, um ein kleines Beherbergungszentrum zu öffnen und die Flüchtlinge davon abzuhalten, über den Col de l'Échelle zu gehen. Das ist eine fast unmögliche Aufgabe, so sehr sind diese Leute entschlossen, um jeden Preis Frankreich zu erreichen.


Yann Borgnet, Mitglied von »SOS Alpes Solidaires« und »Mountain Wilderness France«

Gibt es eine Reaktion des Staates? 
Der Staat bleibt immer noch still und trifft keine echte politische, würdige und mutige Entscheidung. Ein Einwanderungsgesetz ist in Vorbereitung, aber hinter der schönen Rhetorik von Macron über den Empfang und die humanistische Sorge wird die juristische Übersetzung unerbittlich sein. Vor Ort ist die Polizeipräsenz sehr stark und die Beziehungen zwischen der Grenzpolizei und den engagierten Bürgern sind angespannt. Die Bürger fühlen sich zunehmend gefangen zwischen dem Staat auf der einen Seite und ihrer seine Missionen rund um das Recht auf Asyl und einer anständigen Unterkunft für die Flüchtlinge. Und dann sind da noch die Schlepper, die sie für Relaisstationen auf der französischen Seite halten und ihre Telefonnummern an Flüchtlinge und Migranten verkaufen (für 250 bis 300 Euro). Was also tun, wenn eine Gruppe anruft und sagt, dass sie in der Kälte ist, mit Kindern und schwangeren Frauen? Dort hingehen oder sie dalassen? Implizit in das Netzwerk der Schlepper eindringen und es ermutigen, oder sich weigern, mitzumachen, und die Personen ihrem Schicksal überlassen? Momentan sind die Bewohner in der totalen Unsicherheit und Ungewissheit darüber, was sie tun sollen.

Chrissi Wilkens hat Yann Borgnet, Mitglied von »SOS Alpes Solidaires« und »Mountain Wilderness France« interviewt. (Mitarbeit und Übersetzung aus dem Französischen: Antoine Rossi)
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