Gerlinde Kaltenbrunner: "Immer riskanter? Brauche ich nicht!" | BERGSTEIGER Magazin
Gerlinde Kaltenbrunner im Interview

Gerlinde Kaltenbrunner: "Immer riskanter? Brauche ich nicht!"

Im Jahr 2011 gelang Gerlinde Kaltenbrunner die Meisterleistung: Als erste Frau der Welt hatte sie alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Der Rummel um ihre Person war groß. Inzwischen hat sie sich von den ganz hohen Bergen verabschiedet, doch bleibt sie ihrem Lebensthema Achtsamkeit treu. Und hat neue Ziele.
 
Gerlinde Kaltenbrunner 2012 auf dem Nuptse © David Göttler
Gerlinde Kaltenbrunner 2012 auf dem Nuptse
Bergsteiger: Ihr aktueller Vortrag hat den Titel »Die hohen Berge – meine Lehrmeister«. Was haben die hohen Berge Sie gelehrt?
Gerlinde Kaltenbrunner: Bei Expeditionen vor allem die Achtsamkeit in jeder Handlung. An hohen Bergen bekommt jede Handlung, zumindest für mich, nochmals eine ganz andere Bedeutung. Das fängt damit an, dass man zum Beispiel den Rucksack in der Höhe mit Bedacht abstellt. Denn wenn er weg ist, kann das da oben lebensgefährlich werden.

Achtsam mit den Dingen, der Ausrüstung, das leuchtet ein. Aber wie schaut es mit der Achtsamkeit gegenüber sich selbst aus?
Ich habe schnell gelernt, ganz aufmerksam und sehr ehrlich in mich reinzuhören, was mir mein Körper sagt. Was will ich wirklich und was kommt von außen? Das waren sehr wichtige und prägende Komponenten für mich bei meinen Expeditionen über die vielen Jahre. Die achtsame, respektvolle Begegnung mit der Natur gehört auch zu dem, was ich von den Bergen gelernt habe. Und besonders das Sich-Selbst-Reflektieren habe ich durchs Bergsteigen, speziell durchs Höhenbergsteigen mehr und mehr gelernt und praktiziert.

Was heißt das konkret?
Selbstreflexion heißt für mich sich zu fragen, ob es mir mit meinen Ressourcen überhaupt möglich ist, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Oder ist es doch zu viel? Außerdem haben mich die Berge Disziplin gelehrt.

Die Achtsamkeit ist für Sie zum Lebensthema geworden.
Das stimmt, die Achtsamkeit ist mehr und mehr auch im Alltag zum Thema geworden. Dadurch hat mein Leben nochmals eine andere Wertigkeit bekommen. Es hört sich vielleicht klischeehaft an, aber an den hohen Bergen bist du einfach nur ein Zwerg. Ich war immer dankbar, dort sein zu dürfen und wieder gut zurückzukommen.



Gibt es für Sie ein bestimmtes Ritual, mit dem Sie bewusst nach innen schauen und die Stille suchen?
In der Tat meditiere ich mittlerweile jeden Tag. Manchmal nur 15 Minuten, manchmal 25 oder auch 30 – je nachdem, was für ein Thema gerade ansteht. In die Stille zu gehen, zum Beispiel vor dem Gipfelgang, hat mir gerade in ungemütlichen Situationen, in denen ich nicht mehr schlafen konnte, nur wartend dasaß und mir eisig kalt war, immer wieder sehr geholfen: trotz widriger Umstände ruhig zu bleiben, den Geist abzuschalten oder von außen drauf zu schauen.

Haben Sie ein Beispiel einer Expedition, in der Ihnen das Meditieren geholfen hat?
An der Shishapangma-Südwand im Jahr 2005, als ich mit Hirotaka (Takeuchi, jap. Bergsteiger, der alle 14 Achttausender bestiegen hat; Anm. d. Red.) und Ralf (Dujmovits, Anm. d. Red.) in einer Felsnische festsaß. Es ging weder rauf noch runter. Damals empfand ich es zum ersten Mal als sehr hilfreich, von außen auf die eigentlich ausweglose Situation zu schauen. Ruhe bewahren lautete mein Ergebnis, denn jede panische Attacke hätte nur sinnlos Energie gekostet. Bloß nicht reinsteigern, sich emotional gewissermaßen herausnehmen. Für mich weitet sich dann automatisch der Blick, ich lasse nur das Positive zu, denn alles andere würde eh nichts helfen.

Sie sprachen von Disziplin, ohne die vermutlich kein Bergsteiger auf einen Achttausender kommen würde. Aber gehört nicht auch viel Leidensfähigkeit dazu? Ich denke an Ihre mehrmaligen Versuche am K2. Liegt vor dem Gipfelglück nicht oft auch Schmerz?
Ich würde es nicht Schmerz nennen, aber eine Bereitschaft zu entbehren. Gemütlich ist es im Biwak auf 8000 Metern natürlich nicht mehr. Wenn ich es damals von innen von meinem Herzen her nicht unbedingt gewollt hätte, hätte ich die extreme Kälte wahrscheinlich nicht ausgehalten. Ich versuche immer, ganz da zu sein und nicht zu denken, was in drei Stunden ist. Jetzt zählt der nächste Schritt, die nächsten Meter, die wir spuren müssen. Alles andere lasse ich außen vor. So geht es ganz gut. Ich steuere ungemein viel mit dem Kopf.

Alles eine Frage der Perspektive?
Ja, ich denke schon. Wenn ich mich in großer Höhe nur damit beschäftige, dass ich jetzt schon wieder vors Zelt muss, weil die Blase drückt, ist das demotivierend. Ich habe aber die Freiheit, auf andere Dinge zu schauen. Zum Beispiel, dass ich einen gigantischen Sternenhimmel geschenkt bekomme, wenn ich rausgehe. Es gibt immer zwei Seiten.



Nach dem Gipfelerfolg am K2 im August 2011, Ihrem 14. Achttausender, brauchten Sie eine ganze Weile, bis Sie das Geschehene realisierten. Wie war das damals genau?
Als wir wieder in Deutschland ankamen, war der Wirbel groß. Ich war mit meinem ganzen Sein noch am K2. Es war einfach zu viel für mich. Ich konnte das nicht recht aufnehmen. Richtig Ruhe kehrte erst ein, als ich im Herbst des gleichen Jahres auf einer Trekkingtour im Khumbutal war. Weg von den ganzen Medien, von Internet und Telefon.

Ich stelle mir ein Leben nach den 14 Achttausendern als Höhenbergsteiger schwierig vor.
Ans Aufhören dachte ich damals keinesfalls, auch nicht, dass es genug war. Im Frühjahr nach dem K2 war ich mit David Göttler am Nuptse-Nordpfeiler, Ralf war mit und wollte nochmals auf den Everest. Und dann hatte ich noch den starken Wunsch, den Nanga Parbat auf der Rupalseite zu besteigen.

Das Loslassen von den ganz hohen Bergen ist Ihnen nicht leichtgefallen?
Überhaupt nicht. Lange Zeit wurde ich von vielen Leuten angesprochen, was mein nächstes großes Projekt sei. Erst als ich das Nanga Parbat-Ziel fallen ließ, war mir klar, dass ein anderer Abschnitt in meinem Leben kommen würde. Die Achttausender waren über Jahre so bestimmend gewesen – im Frühjahr Nepal, im Sommer Pakistan –, dass es mich schon Überwindung gekostet hat loszulassen. Ich war mir damals nicht sicher, was das mit mir machen würde.

Und was tat es?
In dem Moment, als ich offen aussprach, dass nun etwas anderes kommen würde, merkte ich, wie sehr mich das befreite. Ich hatte mir den Lebenstraum erfüllt, das war wunderbar. Aber es gab und gibt ja noch so viele andere schöne Berge, es muss ja nicht immer noch höher oder schwieriger sein – für mich zumindest. Zum Teil fragen mich die Leute heute noch nach den nächsten großen Zielen.



Wie antworten Sie?
Dass es nur noch niedrigere Berge für mich gibt. Aber eben auch schöne. Oft schauen sie erst irritiert, verstehen das dann aber meist.

Der letzte Eintrag in Ihrem Expeditions-Steckbrief stammt von März 2014 – der Monte Sarmiento auf Feuerland. Keine Expeditionen mehr?
Doch, ich habe nur zwei Jahre pausiert. Das Expeditionsleben an und für sich taugt mir schon sehr – der Anmarsch, das Basislager, der Berg. Das ist nach wie vor ein Thema für mich, künftig halt schöne Sechstausender. Jetzt im Herbst will ich so einen mit Freunden machen. Das heißt aber nicht, dass es nicht mal was Schwierigeres geben kann. Der Gasherbrum IV (7932 m, Anm. d. Red.) taucht zum Beispiel immer wieder mal in meinem Kopf auf. Der ist in meinem Herzen, der gefällt mir besonders (lacht).

Geben Ihnen die niedrigeren Berge die gleiche Erfüllung?
Sie sind anders, aber auch voll erfüllend. Auch das legt man sich im Kopf zurecht. Klar, die Achttausender sind eine andere Dimension. Man ist so weit weg und so hoch oben – unvergleichlich.

In Ihren Vorträgen steht der Teamgeist im Mittelpunkt. Worin besteht der für Sie am Berg genau?
In erster Linie im offenen und ehrlichen Umgang miteinander. Mir ist das speziell bewusst geworden, als Hirotaka am Everest höhenkrank geworden war, also ein Hirnödem gekriegt hatte– er ließ sich bis zu seinem Zusammenbruch nicht anmerken, wie schlecht es ihm bereits ging. Das hätte ihn fast das Leben gekostet.



Wie sind Sie im Nachhinein damit umgegangen?
Wir waren ja nur zu dritt und haben hinterher lange diskutiert, wie wichtig der respektvolle und vertrauensvolle Umgang miteinander ist.

Das impliziert aber auch, dass man in bestimmten Situationen besser den Mund hält.
Das ist richtig, gerade wenn man auf Expeditionen auf engstem Raum aufeinandersitzt. Da braucht es ein sehr feines Gespür. Es kann manchmal besser sein, stundenlang zu schweigen oder aber in einer anderen Situation aufmunternde Worte zu finden.

Ihre mediale Präsenz ist verglichen mit anderen Alpinisten eher gering. Es scheint, als ob Sie lieber im Hintergrund bleiben.
Stimmt. Nach dem Tod Ueli Stecks bekam ich viele Anfragen. Ich will mich dazu aber nicht äußern. Es ist total traurig, was soll ich denn da noch dazu sagen? Ich muss nicht zu allem etwas sagen. Nach dem ganzen Rummel um den K2 hat es mir gut getan, mich zurückzuziehen. Auch nach der Trennung von Ralf.

Einige Alpinisten suchen immer gefährlichere Projekte – auch aus medialen Gründen. Ein Teufelskreislauf. Wie haben Sie es geschafft, sich aus dem rauszuziehen?
Ich habe mich in den letzten Jahren sehr viel mit mir selbst beschäftigt und das Warum und Wieso in den Mittelpunkt gestellt – also die Sinnfrage. Trägt das, was ich mache, wirklich zu meiner persönlichen Bewusstseinsbildung bei? Die Berge bleiben prägend für mich, aber eben nicht ein Wettlauf um das extremste Bergprojekt. Noch schwieriger, noch riskanter – ich brauche und will das nicht. Daran kann ich persönlich nicht mehr wachsen.



Sie unterstützen Schulprojekte in Nepal – auch mit Ralf.
Zum Teil organisiert das die Nepalhilfe Beilngries, für die ich Benefizvorträge mache. Momentan läuft der Wiederaufbau der Schule, die vom Erdbeben zerstört worden ist. Zudem habe ich im Team mit Freundinnen eine 24-Stunden-Wanderung in Spital am Pyhrn ins Leben gerufen, zugunsten eines Schulprojekts in der Manaslu-Region. Das ist super angenommen worden. Und die Leute waren begeistert. Viele der Teilnehmer kamen in ihren Grenzbereich, wie bei mir an den Achttausendern: Müdigkeit, totaler Einbruch, die Überwindung, trotzdem weiter zu machen.

Sie machen aber Vorträge nicht nur für einen guten Zweck, sondern leben auch davon. Wie sehr?
Vorträge sind sicherlich mein Hauptstandbein. Mein jetziger Partner ist Yogalehrer. Viele Leute freuen sich, mit uns unterwegs zu sein. Yoga, Wandern und Bewusstseinsentwicklung passen wunderbar zusammen, so bieten wir Kurse »Yoga und Wandern« an. Nix Schwieriges, dafür bewegend.



Sie sind für viele immer noch ein Idol – auch wegen Ihres unbändigen Willens, alle Achttausender zu besteigen.
Mir geht es aber nicht darum, die Menschen zu Achttausender-Besteigungen zu motivieren, sondern dazu, ihrem Herzenswunsch zu folgen. In sich hinein zu spüren, zu sehen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen und die auch anzugehen. Und auch mal Umwege in Kauf zu nehmen, um das Ziel zu erreichen. Das gehört einfach dazu. Sich im Kopf immer wieder den positiven Dingen zuzuwenden, das wäre schon einiges.

Einige Alpinisten geben ihre Grenzerfahrungen am Berg zum Beispiel an Manager weiter. Lassen Sie sich auch buchen von BMW & Co.?
Bedingt. Ich will mich nicht in Seminaren vorne hinstellen und den Leuten erklären, was sie im Job besser machen sollen. In meinen Vorträgen bei Firmen versuche ich unter anderem zu vermitteln, wie man meine Erfahrungen in den Alltag einfließen lassen kann. Was durch tiefe Begeisterung für das jeweilige Ziel, detaillierte Planung und Vorbereitung, Willensstärke, Geduld, Disziplin et cetera erreicht werden kann. Genauso aber auch, wie ich mit Rückschlägen umgehe, und wie die eigene Intuition wieder gestärkt werden kann. Der Knackpunkt bei vielen Menschen ist die Wahrnehmung ihrer selbst. Also das In-Sich-Reinhören.


 
Interview: Michael Ruhland
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2017. Jetzt abonnieren!
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