Alix von Melle & Luis Stitzinger: »Wir haben bewusst auf Kinder verzichtet« | BERGSTEIGER Magazin
Im Interview

Alix von Melle & Luis Stitzinger: »Wir haben bewusst auf Kinder verzichtet«

Alix von Melle und Luis Stitzinger sind das erfolgreichste deutsche Höhenbergsteiger-Paar. Jährlich darfs ein Achttausender sein – eigentlich. Doch manchmal will es das Schicksal anders. Ein Gespräch über Prioritäten im Leben, Mut für Entscheidungen und Verzicht.
 
In schwierigen Zeiten zählt das Aufmuntern. © Archiv Melle/Stitzinger
In schwierigen Zeiten zählt das Aufmuntern.

Update vom 30. Mai 2023: 
Luis Stitzinger im Himalaya vermisst

Bergsteiger: Frau von Melle, 2016 war nicht Ihr Jahr. Sie verletzten sich bei einem Lawinenabgang in Norwegen.
Alix von Melle: Am Ende des Winters 2016 hatte ich mir auf den allerletzten Drücker bei einer Skitour das Syndesmoseband im Sprunggelenk angerissen – eine langwierige Verletzung, die sehr schmerzhaft war. Ich konnte zwar schnell wieder Mountainbiken und fuhr sogar zwei Transalps. Doch bald war klar, dass das Projekt Manaslu im Herbst 2016 nicht funktionieren würde. Zu einem Achttausender gehe ich nur, wenn ich topfit bin. Was zum Glück jetzt wieder der Fall ist.

Und nun hat es Luis erwischt. Bandscheibenvorfall. Sie wechseln sich, so scheint es, mit schlechten Nachrichten ab. Ist der Manaslu für dieses Jahr wieder in Gefahr?
Luis Stitzinger: Solche Dinge lassen sich nun mal schlecht koordinieren. Aber wenigstens trifft es nicht immer nur einen. Die Heilung verläuft bislang sehr gut und ich bin guter Dinge, dass ich bis zum Spätsommer wieder fit bin. Im Anschluss an den Manaslu möchte ich noch eine professionell organisierte Expedition führen, einen noch unbestiegenen Sechstausender in West- Nepal. Noch haben sich nicht allzu viele Interessenten gemeldet.


Alix von Melle vor Lhotse (li.) und Everest (re.)

Den haben Sie entdeckt?
Na ja, ich habe halt im American Alpine Journal und der Himalyan Database recherchiert und viel das Internet und Google Earth durchforstet. An der Grenze zu Tibet gibt es noch recht viele unbestiegene Berge. Einige Ziele sind da erst seit kurzem offen. Eine so entlegene Erstbesteigung ist auch nicht ganz billig, bei dem ganzen Aufwand und der Besteigungsgenehmigung.

Hat der Berg schon einen Namen. Sonst würden wir Luis I. vorschlagen…
(lacht): Er heißt Chandi Kang und befindet sich im Chandi Himal in Nepal.

Wenigstens eine Bayernfahne könnten Sie doch für den Gipfel mitnehmen und Fotos machen!
(lacht) 2014 hatte ich in China schon mal eine Erstbesteigung eines Siebentausenders geleitet. Normalerweise bin ich nicht so sehr von Patriotismus getrieben, ich verstehe so eine Besteigung immer als Gemeinschaftserfolg. Aber nachdem unsere Österreicher ihre Fahne am Gipfel in den Schnee steckten, konnten natürlich wir Bayern denen nicht das Feld allein überlassen…

Ist es für Sie stärker, dort der Erste zu sein als einen Achttausender zu besteigen?
Für mich ist wichtig, noch nicht da gewesen zu sein. Es braucht kein unbestiegener Berg zu sein. Es ist immer eine Entdeckungsreise. Das Besondere am Chandi Kang ist, dass man davon ausgehen kann, dort drei Wochen ganz alleine zu sein.
Von Melle: Ich finde es ausgesprochen schön, wenn wir neben der Besteigung ein Trekking rund um den Berg machen. Beim Dhaulagiri war das so – erst die Umrundung, und dann hatte auch noch der Gipfel geklappt.
Stitzinger: Ich verstehe die Leute nicht, die nur schnellstmöglich rauf auf den Berg wollen und dann wieder weg. Die Annäherung an den Berg ist für mich die Hälfte des Abenteuers. Mit dem Heli zum Basislager zu jetten, zwischendurch für einen Erholungsaufenthalt nach Kathmandu zurück, und zum Schluss direkt zum Flughafen, das käme für mich überhaupt nicht in Frage.

Wie ist das nach einer Expedition im Himalaya? Erholung geht vermutlich anders.
Von Melle: Da ist man richtig fertig und ausgelaugt und bräuchte erst einmal Urlaub. Nach dem dreiwöchigen Kletterurlaub in Frankreich im vergangenen Jahr kam ich dagegen mit viel Energie wieder zurück.


Home, sweet home: Alix von Melle und Luis Stitzinger in Camp 2 (6600 m) am Makalu (8475 m).

Wie hat sich der Fokus auf die hohen Berge auf Ihre Lebensplanung ausgewirkt?
Stitzinger: Wir haben bewusst auf ein eigenes Haus oder Kinder verzichtet. Gerade in dem Alter, in dem man sich entscheiden musste, ob ja oder nein, waren wir beide so dick im Höhenbergsteigen drin, dass wir uns öfters besprachen und zu dem Schluss kamen: Wenn wir das so weiter machen wollen, können wir uns ein Eigenheim nicht leisten und Kinderkriegen nicht verantworten. Entweder das Eine oder das Andere, oder einer hätte mit den Expeditionen aufhören müssen. Wir wollten aber unsere Leidenschaft gemeinsam ausleben. Gerade, dass wir das zusammen tun können, macht es ja so erfüllend.

War das eine schwere Entscheidung?
Es ist wie in vielen Lebenslagen: Alles kann man nicht haben. Man muss in sich reinhören, was man besser leben kann und was einem wichtiger ist.
Von Melle: Es war eine Entscheidung über einen längeren Zeitraum. Wir haben häufig darüber gesprochen. Bislang haben wir es nicht bereut. Aber wir wussten, dass uns auch etwas verloren geht. Ich bin vor einem Jahr Tante geworden und seither völlig vernarrt in das neue Familienmitglied. Super süß – und trotzdem passt es so für uns. Alles geht einfach nicht gleichzeitig.
Stitzinger: Ich denke, man verzettelt sich nur allzu leicht, wenn man versucht, alles unter einen Hut zu bekommen – und verliert am Ende womöglich sogar alles dabei. Man muss einen gewissen Verzicht hinnehmen, um einen Gewinn zu erzielen.
Von Melle: Familie geht bei Alpinisten nur, wenn einer zu Hause bleibt. Das wollte ich aber nicht. Wenn ich Mutter wäre, wollte ich mein Kind auch nicht die ganze Zeit wegorganisieren.
Stitzinger: Einen Nachteil hat der Bergsport halt: Er ist extrem zeitaufwändig. Du kannst nicht mal schnell zwei Stunden in die Tennishalle gehen. Es ist meistens der ganze Tag futsch. Dir selbst gibt es viel, aber Deine Umgebung muss in dieser Zeit auf Dich verzichten.
Von Melle: Ich könnte jede Woche meine sozialen Kontakte pflegen, hier ein runder Geburtstag, da eine Hochzeit. Man muss aber einen Cut machen, was zeitlich geht. Andererseits: Wenn man dreimal absagt, muss man sich auch nicht wundern, wenn man nicht mehr eingeladen wird.

Wie viel Egoismus muss sein, um dahin zu kommen, wo Sie beide im Bergsteigen stehen?
Von Melle: Ich denke, man muss in erster Linie zielstrebig sein. Wir haben das Bergsteigen langsam aufgebaut: Es ging ja nicht von der Zugspitze auf den ersten Achttausender. Wir waren viele Jahre an 5000-, 6000- und 7000ern unterwegs, bis wir überhaupt das erste Mal dachten, vielleicht einmal einen Achttausender zu probieren. Ich hatte Ziele, auf die ich trainierte. Das war für mich essentiell. Dennoch: Ganz ohne Egoismus gehts nicht. Den braucht man, um so ein Ziel verfolgen zu können.
Stitzinger: Wenn man regelmäßig hohe Berge besteigt, dann muss man sich viele Freiräume offenhalten. Wenn einer dagegen in vielen Abhängigkeiten steht, dann muss er viel Egoismus aufbringen, weil er sich gegen viele Widerstände durchsetzen muss. Es ist ein Lernprozess, den man im Laufe der Jahre macht.

Frau von Melle, Sie sind ja zudem noch teilzeitbeschäftigt…
…hören Sie auf ! Gerade heute dachte ich mir, es ziehen wieder alle gleichzeitig an mir.


Die gemeinsame Leidenschaft stärkt die Beziehung.

Medial werden Sie ja als das erfolgreichste deutsche Höhenbergsteiger-Ehepaar verkauft. Wie fühlen Sie sich in einer Szene, die von vielen Selbstdarstellern geprägt ist?
Von Melle: Das mag seltsam klingen, aber ich fühle mich da oft gar nicht zugehörig. Das meine ich nicht negativ. Es liegt daran, dass ich diese halbe feste Stelle bei Globetrotter habe und den Spagat zwischen Job und Bergsteigen hinkriegen muss. Es gibt viel bessere Kletterinnen in Deutschland. Ich sehe mich als gute Allround-Bergsteigerin, die in der Höhe einiges geschafft hat.
Stitzinger: Der Bergsport ist so divers geworden, jede einzelne Disziplin ist von der Leistung her extrem ausgeformt. Du kannst keinen Eiskletterer mit einem Sportkletterer und mit einem Expeditionsbergsteiger vergleichen. Das wäre wie Äpfel mit Birnen vergleichen.

Okay, aber Ihr habt doch laufend Kontakt mit der Szene.
Sicher. Die Szene ist groß und es gibt viele, die unheimlich tolle Leistungen vollbringen. Es ist wie im ganz normalen Leben. Mit dem Einen kann man gut, den Anderen meidet man lieber. Es gibt Leute, die total am Boden geblieben sind und mit denen man sich ganz normal unterhalten kann. Andere fühlen sich wie die großen Stars und halten ihre Monologe. Wenn ich manche Geschichten höre oder lese, wo es nur darum geht, etwas noch Sensationelleres als alle anderen auf die Beine zu stellen, dann will ich mich mit dem gar nicht identifizieren, das nimmt dann schon manchmal kuriose Züge an. Das ist selbst den Akteuren meist klar, aber darum geht es ja gar nicht. Die Headline ist alles, was zählt.

Sie meinen, es gibt auch viele Blender?
Als wir 2008 am Nanga Parbat waren, hängten sich zwei Bergsteiger in unser Schlepptau und kamen auch bis zum Gipfel. Nachher hieß es bei beiden in den Zeitungen: Solo-Alleinbegehung auf den Nanga Parbat. Wir dachten uns: Sonderbar, die verließen doch den ganzen Tag unsere Spur nicht. Außerdem waren sie zu zweit und wir waren alle zusammen 14 Leute.

Was ist dabei die Antriebsfeder? Der Druck durch die Sponsoren oder Medien?
Ich glaube, das ist eher der Druck, den sich manche selbst machen. Ein Gipfelerfolg am Nanga Parbat ist »schon« 300 Leuten geglückt, also nichts Einmaliges mehr. Wenn man aus der Masse herausstechen will, dann muss man eben solo auf einen Gipfel gekommen sein, oder auf einer neuen Route, oder im Winter. Von den Sponsoren wird das oft gar nicht so gesehen, die sind mit einer realistischen, echten Story oft glücklicher als mit etwas total Überzeichnetem.
Von Melle: Mit einer erfundenen Geschichte kann man sich seine Karriere schnell kaputt machen. Dann steht alles in Frage, auch wenn man vorher alles by fair means gemacht hatte.
Stitzinger: In einem Jahr geht halt auch mal nichts. Manche meinen dann, ihnen sprängen sofort die Sponsoren ab und sie müssten wieder einen Hammer bringen. Die Erwartungshaltung ist aber von Seiten der Firmen meiner Erfahrung nach nicht so extrem, wie vielleicht der eigene Anspruch oder der der Medien und des Publikums.
Von Melle: Bei uns ist es ja auch so: Bis 2013 hat fast jedes Jahr ein Achttausender geklappt, 2014 bin ich dann am Makalu krank geworden, 2015 war das Erdbeben am Everest, 2016 hatte ich die Verletzung. Das ist dann einfach mal so. Dann kommen vielleicht wieder Zeiten, in denen es jedes Jahr klappt. Man darf sich nicht verrückt machen lassen.

Sie sagten vorhin: Das sollte vielleicht so sein mit der Zwangspause 2016. Klingt, als würden Sie an Vorherbestimmung glauben.
Für mich ist es definitiv so, dass ich – auch in vielen kleinen Dingen – denke: Dann soll’s halt jetzt nicht sein, es wird für irgendetwas gut sein.
Stitzinger: Ich glaube nicht, dass man etwas erzwingen kann. Manchmal stehen die Sterne gegen einen. Dann sollte man besser nicht krampf haft versuchen, das Ruder herumzureißen.
Von Melle: Gerade bei einer Achttausender-Expedition: Da kann alles wie am Schnürchen laufen, wie am Manaslu damals. Das Trekking war super, wir kamen gesund im Basislager an, hatten uns schnell akklimatisiert und hatten das Gipfel-Wetter-Fenster. Und dann gab’s dieses Quäntchen, dass wir vielleicht einen Tick zu spät dran waren, das Gewitter früher als angekündigt kam. Am Dhaulagiri war’s genau andersherum. Damals war das Wetterfenster eigentlich viel zu klein für den Gipfel. Und es klappte trotzdem. Ich denke aber gerne an die Wochen am Manaslu zurück – auch ohne Gipfelerfolg. Der Gipfel ist so etwas wie das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Und das fehlte halt.

Wie wäre es, wenn mal einer von Ihnen beiden aus gesundheitlichen Gründen die Berge ganz sein lassen müsste? Haben Sie darüber schon gesprochen?
Für mich gibt es neben dem Bergsteigen Dinge, die mir sehr wichtig sind. Yoga zum Beispiel. Das kann man auch mit 80 noch gut machen, denke ich. Ich lese auch gerne und viel. Wir müssten uns sicherlich neue gemeinsame Ziele suchen, wenn einer nicht mehr könnte. Uns beiden ist aber klar, dass der eine nicht den anderen zu Hause fesseln darf – nach dem Motto: Wenn ich nicht kann, dann darfst Du auch nicht. Das würde uns beiden nicht guttun und der Beziehung schon gleich gar nicht.
Stitzinger: Wir verdrängen das Thema bestimmt auch ein wenig. Denn unsere gemeinsame Leidenschaft basiert natürlich auf körperlicher Unversehrtheit und Fitness. Was sein mag, wenn das einmal nicht mehr so sein sollte, das mag man sich nicht vorstellen. Es kann aber jederzeit passieren. Ich hatte mir während des Studiums in Bolivien eine schwere Lebererkrankung zugezogen. Ich konnte dann zunächst gar keinen Sport mehr machen, war total ausgezehrt. Da stellte sich schon damals, als ich noch ganz am Anfang stand, die Frage: Was mache ich jetzt?

Und wie lautete Ihre Antwort?
Ich beschäftigte mich sehr viel mit dem Computer und konnte mir vorstellen, beruflich in die Richtung zu gehen. Eigentlich wollte ich damals Sportlehrer werden, und das stand in Frage. Zumindest hatte ich einen Plan B im Kopf und war mir sicher, ich verzweifele nicht und muss nicht von einer Brücke springen.
Von Melle: Ich finde es schon jetzt total wichtig, dass man auch noch etwas anderes hat. Wenn ich mich 365 Tage im Jahr nur mit Bergen beschäftigen würde, wäre mir das zu viel. Ich brauche hin und wieder meine kleinen Auszeiten, zwei, drei Tage, in denen ich nicht um das Thema Berge kreise.
Stitzinger: Wir müssen jetzt mit Mitte 40 schon an später denken. Ich finde es wichtig, sich rechtzeitig mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass man irgendwann keine Spitzenleistungen mehr bringen kann. Mit dem Thema haben Viele aber ein Problem. Man kann für sein Alter immer noch fit und leistungsfähig sein, aber sich halt nicht mehr mit den jüngeren Generationen messen. Die laufen einem irgendwann davon.


Gemeinsames Vorbereiten eines Vortrags.

Und wie steht’s um die Altersvorsorge? Privat vorgesorgt?
Ich habe ja auch einige Zeit als Angestellter gearbeitet, insofern steht mir eine gewisse Rente zu. Weit würde ich damit aber nicht kommen. Tatsächlich habe ich mich aber auch um eine private Vorsorge gekümmert.

Die Berge geben Gelassenheit?
Genau. Viele brauchen das Gefühl, im Alltag alles im Griff zu haben. Im Leben kannst du aber nicht alles im Griff haben. Manches passiert einfach, und das muss man dann so hinnehmen. Das lernt man auch in den Bergen. Wenn man das in den Alltag mitnimmt, kann man auch ein wenig gelassener mit den Dingen umgehen. Meine Devise: Leben ist immer lebensgefährlich.
Von Melle: Man muss den Mut haben, Entscheidungen zu treffen, beim Bergsteigen und im Alltag – auch auf das Risiko hin, dass man später feststellt, dass sie falsch waren.

Interview: Michael Ruhland, Nina Hölmer; Bilder: Von Melle/Stitzinger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2017. Jetzt abonnieren!
 
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