Kirgisien: Ak-Suu-Traverse | BERGSTEIGER Magazin
Zelt-Trekking

Kirgisien: Ak-Suu-Traverse

Für Bergwanderer und Radfahrer, die Natur, Einsamkeit und Stille suchen, ist Kirgisien schon lange kein Geheimtipp mehr. Auch Bergsteiger-Leserin Gerda Pauler hatte bereits 2003 eine Radtour durch das Land geführt. Und zum Wiederkommen bewegt
 
 
© Gerda Pauler
Ein typisches Bild für Kirgisien: Jurte und hohe Berge
Bei meiner Ankunft in Jyrgalan, einem kleinen Bergort im Südosten des Landes, habe ich das Gefühl, in eine andere Zeit gereist zu sein. Als Kirgisien Teil der Sowjetunion war, erfreute sich das Dorf einer Blütezeit. Man hatte Kohle gefunden, und im Zuge des Abbaus nicht nur ein Elektrizitätswerk in die Bergeinsamkeit gestellt, sondern auch eine Wasserversorgung errichtet, Straßen, Schulen und ein Krankenhaus gebaut und Geschäfte eröffnet. Die Unabhängigkeit Kirgisiens (1991) brachte vielfältige Veränderungen für das Land mit sich. Der Kohleabbau  in Jyrgalan erwies sich als unrentabel. Reihenweise verließen Dorfbewohner den Ort und zogen in größere Städte, um Arbeit zu finden. Jyrgalan versank in einen Dornröschenschlaf. Häuser verfielen und Unkraut übernahm in vielen Gärten, wo alte Traktoren und Autos verrosten, die Vorherrschaft.

Auf der Suche nach meiner gebuchten Unterkunft wandere ich, begleitet von einigen Kühen und Kälbern, langsam die staubigen Straßen entlang. Kinder reiten freundlich grüßend an mir vorbei. Sie »parken« ihre Pferde vor einem der übriggebliebenen Geschäfte, in denen man sich nicht einmal die Mühe macht, die wenigen Waren in die Regale zu stellen. Man holt sie aus Kisten, Pappkartons und Säcken und überreicht sie dem Kunden.



Vor einigen Jahren hatte ein früherer Dorfbewohner einen genialen Plan: Tourenski-Tourismus. Russische Besucher waren begeistert von dem Angebot, mit Pferden die schneebedeckten Hänge hinaufzureiten, zu einem der Gipfel aufzusteigen und durch unberührten Pulverschnee abzufahren. Ein Hoffnungsschimmer für Jyrgalan und seine Bewohner.
2016 gründeten sechs Familien das Projekt Jyrgalan Destination Management Organisation, und mit der Hilfe von USAID wurden Wege erkundet und markiert. Man druckte Wanderkarten, und erstellte eine umfangreiche Internetseite mit wertvollen Informationen für Besucher. Seit diesem Jahr ist Jyrgalan wichtiger Ausgangspunkt für Tages- und Mehrtageswanderungen.
Durch Zufall las ich vor einigen Monaten von den neuen Wanderrouten und ich beschloss, die längste davon zu gehen; die Ak-Suu Traverse (ca. 115 Kilometer).
Obwohl empfohlen wird im Westen zu starten, beginne ich im Osten, in Jyrgalan. Für eine optimale Anpassung an die Höhe erscheint es mir sicherer, die Überquerung hoher Pässe, die knapp unter der 4000-Meter-Grenze liegen, hinauszuzögern.

Beschauliche Stille und Einsamkeit erleben

Ausgerüstet mit Zelt, Schlafsack, Kocher und Gaskartuschen, Verpflegung für etwa acht Tage und elektronischem Schnick-Schnack wie Solarpanel, Powerbank und GPS, ist mein Rucksack alles andere als leicht. »Mit 61 Jahren bist du etwas zu alt für eine derartige Solowanderung«, meldet sich eine innere Stimme »Jaja«, denke ich … und verlasse Jyrgalan.
Die ersten Etappen der Ak-Suu-Traverse sind eine Wanderung durch Einsamkeit und Stille. Es gibt Tage, an denen ich keinen Menschen treffe, meine einzigen Begleiter sind das ewige Rauschen und Plätschern der Bäche und Flüsse und das Pfeifen scheuer Murmeltiere. Ich laufe stundenlang über Bergwiesen, die von Glockenblumen, Primeln, Edelweiß und Enzian übersäht sind. Der Wind erzeugt wellenartige Bewegungen der Blumen und Grünpflanzen und ich habe den Eindruck, durch ein vielfarbiges Meer zu schwimmen. Für Botaniker ist das zweifellos das Paradies auf Erden.

Wer eine Markierungsdichte vergleichbar mit der in den Alpen erwartet, wird enttäuscht (oder schockiert) sein, denn es kann Stunden dauern, bis man erneut einen der roten Pfeile erspäht. Aber nicht nur deswegen empfiehlt es sich, ein GPS mitzunehmen. Weidende Tiere haben im Laufe der Zeit hunderte von Steigen getrampelt, die nicht immer dorthin führen, wohin man selbst will oder soll, und bei schlechtem Wetter kann es auf den weiten Hochebenen zu ernsthaften Orientierungsproblemen kommen.
Vermoorte Täler und Flussdurchquerungen stellen mich vor die Entscheidung: Sandalen anziehen und durchwaten, oder mit Bergstiefeln von Stein zu Stein (oder von Grasbüschel zu Grasbüschel) springen. Mehrmals passiert es, dass die kompakt wirkenden Grasbüschel doch nicht kompakt sind. Ich versinke bis zum Schuhrand im Morast und schaffe es kaum, den Fuß herauszuziehen. An wichtigen Stellen entlang der Route gibt es gute Brücken oder zumindest Holzplanken, aber im Türgön-Ak-Suu-Tal bin ich auf die Hilfe eines kirgisischen Hirten angewiesen, der mich und mein Gepäck mit seinem Pferd zum anderen Flussufer bringt. Wie sich herausstellt, ist das Fehlen einer Brücke für ihn eine willkommene Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Ich gönne es ihm von Herzen, denn für die erforderlichen 3,50 Euro bekomme ich anschließend auch noch Tee und einen Snack in der Jurte seiner Familie, dem typischen Rundzelt der Hirten.



Nach fünf Trekkingtagen und fünf Passüberquerungen erreiche ich Altyn Arashan, das für seine heißen Quellen bekannt ist. Auf der Karte steht RESORT; stundenlang vor meiner Ankunft sah ich mich in ein blendend weißes Badetuch gewickelt aus der Dusche steigen und ein mehrgängiges Menü vertilgen. Wunschdenken! Altyn Arashan ist nur eine kleine Ansammlung von Hütten und Jurten die Gemeinschaftsunterkünfte anbieten. Ich schlage wieder mein Zelt auf.
Seit dem Start meiner Tour sind mir sieben Touristen begegnet. Hier treffe ich 40 oder 50 Wanderer. Im ersten Moment bin ich wie erschlagen von der Menschenmenge, aber verglichen mit Nepal, wo man im Gänsemarsch zu den Highlights im Annapurna- oder Everest-Gebiet geht, sind es nicht viele. Einige kommen mit dem Jeep direkt aus Karakol, der Distrikthauptstadt, und besuchen Altyn Arashan nur für einen Tag, um in den heißen Quellen zu baden. Andere beenden hier ihre Mehrtagestour von Jety Oguz zum Ala-Köl; einem traumhaft schön gelegenen Bergsee. Der ist mein nächstes Ziel.

Ein magischer Ort

Das GPS kann endgültig weggepackt werden. Der Pfad ist deutlich erkennbar und mir begegnen nicht nur zahlreiche Individualtrekker, sondern auch organisierte Gruppen mit Führer, Träger und Küchenjunge. Beim Aufstieg zum Ala-Köl-Pass verstehe ich, warum empfohlen wird, die Tour in entgegengesetzter Richtung zu gehen. Die letzten 200 Höhenmeter sind extrem steil und kräfteraubend, da der lose Sand unter meinen Bergstiefeln weggleitet. Es gleicht einer Sisyphus-Arbeit; drei Meter bergauf – zwei Meter zurück. Als ich die Passhöhe erreiche, bin ich vollkommen erschöpft.

Meine Müdigkeit ist jedoch innerhalb einer halben Sekunde wie weggeblasen, als ich das unwirkliche, magische Blaugrün des Ala-Köl auf der anderen Seite erblicke. Unweigerlich werde ich an den Phoksumdo Lake in Dolpo (Nepal) erinnert. Ich bin ganz verzaubert von diesem Farbklecks inmitten der grauen Steinwelt. Wolken werfen ihre Schatten auf die Wasseroberfläche und neue Farbnuancen entstehen. Es dauert eine Weile, bevor ich mich von diesem Naturschauspiel losreiße und dem Pfad bergab folge.



Der Vorteil von Solo-Touren ist, dass man spontane Entscheidungen treffen kann. Ich verwerfe meinen ursprünglichen Plan, zum nächsten Camp zu gehen, und baue mein Zelt am Westufer des Sees auf. Der eiskalte, stürmische Wind kündigt eine noch kältere Nacht an, aber mit Wolljacke, Daunenanorak und einem guten Schlafsack sind die niedrigen Temperaturen kein Problem.
Der Abstieg vom Ala-Köl ist lang und beschwerlich. Ich werde von drei Gewittern und zwei Hagelschauern überrascht, und der Weg über Geröll und Felsblöcke erweist sich bei Nässe als riskanter Balanceakt. Ich bin froh, nach vielen Stunden das Jurten-Camp im Tal zu erreichen, aber ich genehmige mir nur eine kurze Kaffeepause, da ich noch ein kleines Stück in Richtung Telety-Pass gehen möchte; der letzte Pass!



Abschied von den Bergen – aber nur für zwei Tage

Es ist eine der wenigen Überquerungen, bei der ich nicht in den Wolken stehe, sondern mich der Aussicht auf schneebedeckte Berge erfreuen darf. Vielleicht ist das der Grund für die einsetzende Hochstimmung, mit der ich den Pfad in das Telety Tal heruntertanze und anschließend fröhlich vor mich hin pfeifend gemütlich am Fluss entlang in Richtung des Camps von Jety Oguz spaziere.
Schade, dass der Wanderweg die letzten Kilometer auf der Jeep-Piste verläuft, und mir mehr Fahrzeuge begegnen, als ich erwartet hatte. Die Hochstimmung verebbt und verschwindet endgültig, als ich die vielen Menschen, Jurten und Autos im letzten Camp erblicke. Wie ich später erfahre, entwickelte sich das ehemalige Hirtenlager zu einem »Abenteuer-Zeltplatz« für Urlauber. Reiten, Bogenschießen, Wandern und Grillen am Lagerfeuer sind die beliebtesten Freizeitbeschäftigungen aller Altersstufen. Der Trubel erstickt mich fast.  
Soll ich umkehren? Zurück in die Einsamkeit der Bergwelt? Ich entscheide mich für Zivilisation und eine heiße Dusche in meinem Hotel in Karakol.
... aber zwei Tage später bin ich wieder unterwegs in Richtung Berge. Kirgisien ist das Land der unbegrenzten (Touren-)Möglichkeiten.
 
 

Kurzinfo

Länge der Strecke: ca. 115 Km
Dauer: ca. 8 Tage
Höchster Punkt: Ala-Köl-Pass: ca. 3900
Anstieg/Abstieg: ca. 7500 Höhenmeter
Beste Reisezeit: Juli – Mitte Oktober
Kartenmaterial: Karakol and Jyrgalan Trekking Maps 1:100 000; erhältlich vor Ort, Empfehlenswerte App als Download mit GPS-Funktionen: Soviet Military Map
 
Gerda Pauler
Fotos: 
Gerda Pauler