Über den Westgrat auf die Guffertspitze (2194 m) | BERGSTEIGER Magazin
Wilde Wege

Über den Westgrat auf die Guffertspitze (2194 m)

Von der richtigen Seite aus betrachtet sieht der Guffert aus wie ein Mini-Matterhorn. Wem der Normalweg zu langweilig ist, der findet im Westgrat eine abenteuerliche Alternative, dessen von Latschen verwachsenen Zugang man sich aber hart erarbeiten muss. Von Thomas Ebert
 
Genussreiches Kraxeln nach den ersten steilen Metern © Dagmar Steigenberger
Genussreiches Kraxeln nach den ersten steilen Metern
Letzten Sommer, auf einem Gipfel der Bayerischen Voralpen. Klare Sicht, wunderbare Blicke auf Wetterstein und Karwendel. Auch ein paar vergletscherte Hochgipfel im Alpenhauptkamm sind zu erkennen. Große Namen, die man als gestandener Bergsteiger parat haben sollte. Denn sowie sich die Lungen der Neuankömmlinge halbwegs mit Atem füllen, beginnt die Fragerei. Wo ist der Großvenediger? Ist das die Zugspitze? Motto: Nur ein prominentes Panorama ist ein gutes Panorama.

Ein kleiner Bergzwerg aber, der seiner keuchenden Erzeugerschaft beneidenswert leichtfüßig vorweggeturnt ist und altersbedingt mehr von Formen als von Namen hält, weiß es besser. Er deutet auf die schönste Pyramide der gesamten dreihundertsechzig Grad und stellt fest: »Papa, der Berg da drüben ist der coolste.«

Autsch, das hat gesessen. Denn die Guffertspitze bzw. der Guffert, auf den der Knirps mit Sinn für Ästhetik deutet, er fehlt noch im Tourenbuch. Das nervt, denn zwischen Zugspitze und Wendelstein gibt es kaum Panoramen, in denen das allgegenwärtige Mini-Matterhorn nicht daran erinnert. Eine alpine Bildungslücke, die dringend geschlossen werden muss.

Guffert Westgipfel
Nach dem Westgrat quert man luftig durch die Südwand zum Hauptgipfel. (© Thomas Ebert)

Aber wie? Die Südkante, von den Altmeistern Dülfer und Fiechtl kurz vor dem 1. Weltkrieg eröffnet, bleibt den Kletterern vorbehalten. Der Normalweg ist nett, wird der ausgefallenen Bergform aber irgendwie nicht gerecht.

Auf der Suche nach einem Kompromiss zwischen Klettern und Wandern, Abenteuer und Genuss, bleibt das Auge am formschönen Westgrat hängen: Als schnurgerade Linie setzt er sich vom Gipfel fort, wo der Normalweg endet. Eine blitzsaubere, weglose Überschreitung also, nur ein paar schwarze Punkte in der Karte deuten einen Zustieg an – perfekt.

Nummer sicher, Abenteuer futsch

Mit diesen Infos wäre man vor zehn Jahren losgezogen und hätte einfach mal geschaut, wie weit man kommt. Heute wird abends noch gegoogelt. Man stößt auf drei, vier Blogeinträge, liest von heiklen Stellen, spärlichen Haken, gerät ins Grübeln, schneidet schließlich ein altes Kletterseil in zwei 30-Meter-Hälften und steckt eine davon für alle Fälle in den Rucksack. Nummer sicher, Abenteuer futsch.

Durch den noch kühlen Wald steigen wir am nächsten Morgen von Steinberg auf. Bald geht der Wald in Latschen über. Glatt und prall wie ein vollgefressener Bauch spannt sich die enorme Südmauer des Guffert darüber auf. Wie ein Parabolspiegel lenkt sie die Sonne in die Latschen, durch die wir uns jetzt ohne Höhen-, aber mit beträchtlichem Schweißverlust in einen Sattel am anderen Ende des Kars wühlen müssen. Der Pfad ist zwar stets gut erkennbar, trotzdem steigt mit jeder Latschenpeitsche im Gesicht die Lust auf ein anständiges chainsaw massacre.

Jenseits des Sattels wird der Dschungel noch dichter. Bis wir dem Einstieg auf die Schliche kommen, vergeht fast eine geschlagene Stunde. Jede Sackgasse führt uns weiter hinab ins Schimpfwortrepertoire, das ungeahnte Tiefen aufweist. Dann ist endlich der große Steinhaufen am Beginn des Westgrats erreicht. ...

Die gesamte Tour lesen Sie in der nächsten Ausgabe des BERGSTEIGER - ab 12. März 2016 im Handel oder hier online bestellen! 
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