Klettertechnik - weich greifen | BERGSTEIGER Magazin
Wer weich greifen kann, kommt mit gleich viel Kraft weiter.

Klettertechnik - weich greifen

Fast nur superharte Züge, und einer geht vielleicht gar nicht«, meinte Peter nach der ersten Toprope-Inspektion der kompakten Plattenpassage. Egal – wir setzten die nötigen Bohrhaken und begannen, uns ernsthaft mit der Seillänge zu beschäftigen. Die Wand ist zwar nur senkrecht und die fragliche Passage ist nur acht Meter lang, aber dafür gibt es auch nur einen einzigen guten Griff.
Michael Hofmann erklärt die Technik des weichen Greifens.
 
Anfangs hatten wir große Mühe, die einzelnen Züge zu realisieren. An den kleinen Käntchen, die der Fels bietet, krallten wir uns mit aller Kraft fest. Greifen, weitergreifen, halten, pressen, anspannen, hängen. Ein Durchstieg der Seillänge schien unendlich weit entfernt. Nach und nach standen die Füße besser auf den abschüssigen Tritten. Langsam wurden aus einzelnen Zügen ganze Bewegungsabläufe. Und schließlich gelangen größere Streckenabschnitte sogar im Vorstieg.

Analysiert man die Ursachen dieser Leistungssteigerung, lassen sich drei Komponenten ausmachen: 
  1. Automatisieren des Bewegungsablaufs
  2. volles Ausreizen der Reibungstritte
  3. weiches Greifen. 
Punkt eins ist ein Resultat konsequenten Ausboulderns. Punkt zwei und drei hängen zusammen – auf eine oberflächliche und auf eine subtile Weise. Oberflächlich betrachtet ist klar: Je effektiver ich vorhandene Tritte nutze, umso weicher kann ich greifen. Auf einem Reibungstritt beispielsweise kann man sehr stabil stehen, indem man den Körperschwerpunkt weit von der Wand weg hält. Das kostet allerdings viel Haltekraft. Kräftesparend wäre es hingegen, den Körperschwerpunkt möglichst genau über den Reibungstritt zu bekommen. Damit läuft man jedoch leichter Gefahr abzurutschen. Könner zeichnen sich dadurch aus, dass sie Reibungstritte knapp an der Reibungsgrenze belasten. 

Der Zusammenhang zwischen Tritt- und Greifökonomie gestaltet sich allerdings nicht ganz so simpel, wie es zunächst erscheint. Und das hängt mit dem Wörtchen »kann« zusammen: Je besser ich trete, desto weicher KANN ich greifen. Viele Kletterer nutzen das aber nicht aus: Sie könnten weniger zupacken, aber sie tun es nicht. Sie könnten weich greifen, aber sie halten ihre Griffe fest umklammert.  Was ist weich greifen? Weich greifen heißt, dass ich meine Fußarbeit optimiere und die Vorteile, die ich dadurch gewinne, für die Arme und Finger maximal umsetze. Das heißt, dass ich Griffe nur so fest halte, wie es notwendig ist, um nicht aus der Wand zu kippen. Und nicht mehr.

Könner belasten also nicht nur die Tritte bis zur Reibungsgrenze, sondern auch die Griffe. Während es bei den Tritten um möglichst viel Belastung geht, geht es bei den Griffen um möglichst wenig. Das spart enorm viel Kraft und kann zu einer starken Leistungssteigerung beitragen. Oder dazu, dass man mit entsprechender Übung Routen durchklettern kann, die beim ersten Versuch utopisch erscheinen. 

Schließlich hatten wir alle Züge der Achtmeterplatte zigmal geübt. Unsere Kür hatten wir im Schlaf drauf. Und eine Rotkreisbegehung war uns auch schon gelungen. Für den Rotpunkt-durchstieg reichte die Kraft allerdings noch nicht aus. Aber wir sind uns sicher: Alle Potentiale des weichen Greifens haben wir noch nicht ausgeschöpft. Also noch ein paar Boulder-sessions, und dann gelingt uns unser Projekt im nächsten Jahr.
Text: Michael Hofmann, Foto: Bernhard Kogler
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