Ein Amateurbergsteiger auf Everest-Expedition – Teil 4 | BERGSTEIGER Magazin
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Ein Amateurbergsteiger auf Everest-Expedition – Teil 4

Der Belgier Damien Francois träumt vom Everst – und zwar schon ziemlich lange. Im Frühjahr 2018 unternimmt er seinen vierten Versuch, er will endlich das Dach der Welt erklimmen. Den Verlauf der Expedition schildert er im Bergsteiger-Blog.
Teil 4: Namche Bazar – auch ein »einfacher« 8000er erfordert Training und Können
 
© Damien Francois
Jomo Myo Sang Langma: die Göttin, die auf dem Everest, dem »Jomolangma« residiert

29. März 2018, Namche Bazar

 
Eigentlich bereite ich mich seit vier Jahren auf den Mount Everest vor, seit meiner ersten Everest Expedition 2014. Eine verdammt lange Zeit! Aber es ist ja auch ein verdammt hoher Berg... Nur wie macht man das, wenn man nicht in der Nähe von Bergen lebt?
 
Es stimmt, der höchste Berg der Erde ist kein sonderlich technischer Berg. Aber es gibt ausreichend Teilstrecken, wo geklettert wird. Bereits am berühmt-berüchtigten Khumbu Eisfall zwischen Basislager (5300 m) und Camp 1 (ca. 6000 m) muss man 700 Höhenmeter klettern, auch wenn es von den »Icefall Doctors« fixierte Seile und Leitern gibt. Weiter geht es von circa 6700 bis 7200 Meter mit der knapp 60° steilen Schnee-und Eis Flanke des Lhotses, dem vierthöchsten Berg der Erde, der dem Everest nach Süden vorgelagert ist. Nach dem sehr exponierten Lager 3 geht es zunächst weiter sehr steil hinauf, dann werden das felsige »Yellow Band« und der »Genfer Sporn« (der Name erinnert an die Schweizer Everest Expedition von 1952, bei der Raymond Lambert und Tenzing Norgay ungefähr 200 Meter vom Gipfel aufgeben mussten) gequert, bis am »Südsattel« (knapp 8000 m) das vierte und letzte Lager aufgebaut wird. In der Todeszone, weit über 8500 Meter, warten weitere sehr steile Passage in Schnee und Eis, wie zum Beispiel der legendäre »Hillary Step« auf ca. 8750 Metern. Diese Stufe soll beim großen Erdbeben von 2015 verschwunden sein. Steil ist der Abschnitt allerdings weiterhin, nur besteht er jetzt aus Schnee und Eis und nicht mehr aus Fels (Schnee und Eis). Alpinisten, die 2016, vor allem aber 2017 den Gipfel erreicht haben, haben dies ausführlich dokumentiert.


Nichts für Sonntagswanderer: der Eisfall am Everest
 
Ja, der Everest ist sicherlich kein K2 und er wird an Fixseilen und mit Leitern bestiegen. Aber seine enorme Höhe alleine ist an sich schon eine enorme Herausforderung – selbst für Sherpas!
Das macht ihn – nicht nur – für mich so besonders. Und so kommt das Fieber in mir auf, sobald ich weiß, dass ich ihn angehen werde und steigt von Tag zu Tag, umso mehr je näher wir »Jomolangma-Sagarmatha« kommen.
 
Aber noch bin ich nicht soweit, denn wir sind erst in Namche Bazar, am zweiten Tag unseres Anmarsches. Gestern sind wir in Lukla gelandet. Also, zurück zu den Vorbereitungen und dem Training. Natürlich ist das Bergsteigen selbst das beste Training, die beste Vorbereitung – the real thing eben. Doch die wichtigen Komponenten Ausdauer und Kraft kann ich auch im flachen Belgien sehr gut trainieren. Im Osten des Landes an der Grenze zu Deutschland haben wir viele Wälder, deren Topographie nicht ganz so flach ist; die Höhe jedoch ist wirklich sehr bescheiden. Ich lebe auf 280 Meter, der höchste Punkt des Landes, Botrange, den ich in drei Stunden erreichen kann, wenn ich sehr schnell gehe, liegt auf 692 Meter. Und so mache ich lange und schnelle Wanderungen von sechs Stunden, ununterbrochen, zum Beispiel nach Botrange und zurück oder renne 90 Minuten so schnell wie möglich Hänge in den Wäldern mit Trailschuhen hoch- und wieder runter. An anderen Tagen steige ich diese Hänge mit 32 Kilogramm auf dem Rücken ein paar Mal hoch und runter, gehe vier Stunden schnell, aber im relativ flachen Gelände mit 22 Kilogramm im Rucksack oder jogge eine Stunde, während der ich Übungen für Rücken-, Schulter- und Brustmuskulatur sowie für die Arme mache. Vom April bis Oktober spiele ich ein- bis zweimal Tennis und klettere wenn möglich einmal pro Woche in der Halle oder am Fels (leider ist seit über einem Jahr keine Kletterhalle in meiner Nähe mehr vorhanden), gehe Mountainbiken und mache Systema (für die Spetsnaz, die russischen Spezialkräfte und Elite-Einheiten, entwickelte, im »Strassenkampf« sehr effektive, Kampfsportart). Letzteres praktiziere ich wegen der Verletztungsgefahr jedoch nur, bis ich weiß, dass ich wieder auf Expedition gehe. Mich im Wald, bei der Simulation vom Bergsteigen, oder beim Klettern am Fels zu verletzten, muss ich in Kauf nehmen – wie sonst soll ich mich vorbereiten? Tennis liegt dazwischen: Nicht unbedingt notwendig, gewiss, aber sehr gut für die Schnelligkeit (»Explosivität«) und die Belastung von Knöchel und Fuß. Außerdem ist Tennis meine Lieblingssportart!
 
Bergsteigen ist mehr als Sport, vielmehr, besonders im Himalaya, wo es auch das Anmarsch-Trekking, einen wichtigen Teil des ganzen Abenteuers beinhaltet. Bergsteigen ist nach meiner Auffassung eine Welt an-und-für sich, die »erschaffen« wird. Eine Welt mit ihren eigenen Gesetzen, ihren Gefahren, ihren Absurditäten. Aber vor allem eine Welt, die oft nach ganz einfachen Gesetzen funktioniert und die einem auch einfache Glücksmomente beschert. Und was kann, 2018, befriedigender sein als Einfachheit in einer wunderbaren Kulisse? Wie sagte Heiner Geißler: »Bergsteigen ist die beste Schule für das Leben.«
 
 
PS: Gerade kommt ein Träger vom Landeplatz oberhalb von Namche, Syangboche, mit einem Kühlschrank auf dem Rücken an: 140 Kilogramm! DAS habe ich noch nicht erlebt! Bisher waren 130 Kilogramm die schwerste Last, die ich auf dem Rücken eines Trägers gesehen habe. Ma ma ma, wie die Sherpas sagen...



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Damien Francois
Fotos: 
Damien Francois
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