Ein Amateurbergsteiger auf Everest-Expedition – Teil 15 | BERGSTEIGER Magazin
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Ein Amateurbergsteiger auf Everest-Expedition – Teil 15

Der Belgier Damien Francois träumt vom Everst – und zwar schon ziemlich lange. Im Frühjahr 2018 unternimmt er seinen vierten Versuch, er will endlich das Dach der Welt erklimmen. Den Verlauf der Expedition schildert er im Bergsteiger-Blog.
Teil 15: Everest Base Camp – Warten
 
© Damien Francois

8. Mai, EBC

Wie einst Luther vor dem Dom in Speyer, stehen wir nun bereit vor dem Mount Everest und können wohl nicht mehr anders: Der Gipfelsturm steht in Kürze an. Wir haben keine fordernden Thesen an den Berg gehämmert, mit den Sherpas und Tibetern beten wir aber zu Jomo Myo Sang Langma, der Göttin, die auf dem höchsten Berg der Welt residiert, damit sie uns einen heilen Auf- und Abstieg gewährt. Die einzige These, das einzige Statement, das ich mit meiner Everest-Besteigung 2018 abgeben möchte, steht auf dem Banner, das an unserem Dining-Zelt hängt: »Für ein starkes Europa der Nationen
 
Wie sieht der Gipfelsturm auf den Dritten Pol eigentlich aus? In der Regel, für die allermeisten Bergsteiger, ist eine Woche »gutes«, also ruhiges Wetter, mit nur leichten Winden, notwendig, um auf 8850 m auf- und wieder ins Everest Basislager abzusteigen. Viele steigen gleich ins Lager 2 (6500 m) auf und verbringen dort zwei Nächte, bevor sie auf 7200 m, ins Camp 3, aufsteigen. Ich ziehe es vor, langsam nach oben zu kommen und höre auf den Rat meines Freundes Yves Lambert, der den Everest 2002 bestiegen hat und der Sohn des legendären, weil beinahe ersten Menschen auf dem Everest (1952) Raymond Lambert ist: »Ab Lager 2 wird es richtig anstrengend, also teile dir vorher deine Kräfte gut ein!« Ich werde also wieder im ersten Lager übernachten, bevor ich ins zweite Lager aufsteige, um auch dort zu nächtigen. Dann geht's ins dritte Lager, das ich bereits von 2017 kenne, um schließlich auf den Süd-Sattel (Camp 4), auf knapp 8000 Meter (genau sind es 7950 Meter) zu klettern, von wo wir dann, nach einer Pause von nur wenigen Stunden, den Gipfel in Angriff nehmen werden. Wenn wir gegen 21.00 Uhr auf 8000 Meter losgehen, dürften wir am nächsten Morgen gegen 8.00 Uhr auf dem Dach der Welt stehen.
 
Vor zwei Tagen hat Temba ein Zelt, 2 Kocher und Gas, sowie Sauerstoff, am »South Col« deponiert. Es soll kalt gewesen sein, da oben, weil der Wind stark wehte. Hier unten jedoch, am EBC, weiterhin Null Wind. Dafür wird es tagsüber richtig warm hier unten und seit zwei Tagen häufen sich die Lawinenabgänge rund um das Basislager. Die Wettervorhersage kündigt starke Winde in großen Höhen für den 12. Mai an, sodass wir vermutlich erst danach starten werden – wenn die Aussichten auf ruhiges Wetter sich bestätigen. Das sind also weitere fünf Tage, die wir im Base Camp zu verbringen haben. Das Warten ist Teil des Ganzen, sicher, und ist nichts Neues für mich. Aber es testet auch die mentalen Fähigkeiten, sich in ungewohnter und nicht-so-einfacher Umgebung auf ein schweres Ziel zu konzentrieren. Es hat etwas Nietzschehaftes an sich, dieses »Ich bin dabei etwas Grossartiges zu tun aber die Früchte ernte ich später«. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich weiß, dass die Schritte auf das Dach der Welt inzwischen kein Meilenstein mehr in der Menschheitsgeschichte sind, klar, aber für den Einzelnen, für mich also, wäre das sehr wohl ein Riesenschritt, der größte – der höchste vor allem–, den ich je gemacht habe. Die Krönung von 13 Jahren Nepal und Himalaja.
 
Lucky thirteen? Mal sehen! Vorerst fällt mir nur noch ein Zitat von Rilke ein, aus seinen schönen Briefen an einen jungen Dichter: »Denn ich lerne es täglich, unter Schmerzen, denen ich dankbar bin, Geduld ist alles!«


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Damien Francois