Frühjahrstouren in der Schweiz

Wandern Tessin - Urlaub vom Schmuddelwetter

Wandern im Tessin - zwischen Palmen und alten Steinhäusern, auf abenteuerlichen Almpfaden, traditionellen Kreuzwegen und an wilden Bächen entlang. Die Tessiner Alpen bieten vieles, auch Unerwartetes – und das meiste früher im Jahr als anderswo.
Von Andrea (Text) und Andreas Strauß (Fotos)

 
Frühjahrstouren im Tessin © Andreas Strauß
Frühjahrstouren im Tessin
Knarzend öffnet sich das Absperrgitter. Schritte hallen auf dem Beton. Das Seil zu Boden geworfen, einen Karabiner ins Geländer eingeklinkt, den zweiten am Schuh befestigt und auf die Empore über dem Abgrund gestiegen. Wie ein Sog zieht die Tiefe nach unten. Grau, kalt und winzig klein liegen dort unten die Felsbrocken.

Die Zehenspitzen ragen ins Nichts, die Sohlen heben sich, der Körper neigt sich dem Abgrund zu. 220 Meter tiefer wartet kein Wasser, nur die Gneisfelsen der Verzascaschlucht. Unaufhaltsam fällt der Körper über die überhängende Staumauer hinab. Fällt und fällt. Erst nach 28 bangen Sekunden ist das Seil straff, Pierce Brosnan zieht die Waffe, schießt einen Bolzen in die Betondecke der russischen Chemiewaffenfabrik und beginnt damit, als 007 die Welt zu retten. Meine erste, adrenalinhaltige Begegnung mit dem Verzascatal findet im Kino statt.

Wandern im Tessin: Zwischen Badegumpen und Wolfsfallen

Ein Bungeesprung über die James-Bond-Staumauer ist aber ganz bestimmt nicht der einzige Anziehungspunkt im Verzascatals. Sein besonderer Reiz liegt vielmehr in dem harmonischen Miteinander des grünen Wassers in seiner grau gebänderten Felsumgebung mit dem Dunkelgrün der Kastanienwälder und dem Dunkelgrau der ursprünglichen Bergdörfer: Mergoscia, Vogorno, Corippo, Lavertezzo, Brione, Gerra, Frasco, Sonogno. Wie Perlen sind sie am Band der Verzasca aufgereiht. Kein Wunder – an vielen Stellen ist das Tal so schmal, dass Siedlungsflächen nur unmittelbar am Fluß Platz finden. Und der hat es in sich: Rund 30 Kilometer ist die Verzasca lang. Dabei legt sie 2600 Höhenmeter zurück. Das ist selbst für einen reißenden Gebirgsbach etwas Besonderes.

Gut sieben Stunden braucht es, um  das Verzascatal auf die schönste Art kennen zu lernen: zu Fuß auf einfachem, bestens ausgeschildertem Weg, – genau so wie hier eh und je die Strecken zwischen den Dörfern zurückgelegt wurden. Die erste Straße existiert erst seit 1870.

Im Frühjahr ist die Strecke von Sonogno flussabwärts die einzige Option für Wanderer, weiter nördlich liegt dann noch Schnee. Durch die Talauen und entlang des Bachufers geht es vorbei an flaschengrünen Badegumpen, an Wolfsfallen und wilden Schluchten, wie sie schöner nicht sein könnten. Ein Wasserweg der Extraklasse. Erst ganz am Ende entfernt er sich vom Fluss und steigt nach Mergoscia an.

Fast wie unberührt

Tautropfen glitzern an den Grashalmen, während die Sonne langsam ihre Strahlen ins Tal schickt. Wie eine Sonnenuhr arbeitet sie sich die schroffe Flanke hinab. Nebenan gurgelt das »verde acqua«, das grüne Wasser, das dem Tal den Namen gegeben hat. Sonst hört man nichts, der Weg verläuft konsequent gegenläufig zur Fahrstraße. Die angenehme Illusion, in gänzlich unberührter Natur zu wandern, ist perfekt. Touristischer Höhepunkt ist die Ponte dei Salti. Kein Reiseführer kommt ohne das Bild der doppelbogigen Steinbrücke aus. Zur Mittagszeit haben sich einige Besucher eingefunden. Über die Brücke aus dem Mittelalter spazieren, ein Bild schießen, über die niedrige Steinbrüstung in die grünen Gumpen schauen – die Ponte dei Salti und das nahe Dorf Lavertezzo gehören zweifellos zu den schönsten Flecken des Tessins.

Così bello e così pericoloso, zu deutsch: so schön und so gefährlich, werben die Tafeln im Tal. Das gilt auch für den Fluss. Zwar ist es für ein Bad in der Verzasca derzeit ohnehin zu kalt, doch im Sommer muss man seinen Standort mit Bedacht wählen. An vielen Stellen zeigt sich der Fluss janusgesichtig: schön grün, scheinbar friedlich, aber doch von urtümlicher Gewalt.

Besser nicht zu nahe kommen

In vielen Tessiner Tälern ziehen sich die Dörfer noch höher hinauf als im Verzascatal. Die im Sommer beliebten Gipfelziele sind noch unter Schnee, die steilen Flanken teils von Lawinen bedroht. Einige ausgesuchte Almen liegen aber niedrig genug, um den Wanderfrühling einzuläuten.Così bello e così pericoloso – für den Bach aus dem Val Calnegia trifft das genauso zu wie für die Verzasca.

Wasser als Urgewalt erlebt man am Fuß des Wasserfalls bei Foroglio im Val Bavona, einem Seitental des Maggiatals. Wer zu nahe kommt, bekommt das Wasser schnell zu spüren. Kommunizieren ist sowieso nur per Zeichensprache möglich. Das Donnern der Wassermassen, die auf den Felsklötzen im Talgrund aufschlagen, lässt nichts anderes zu. Eine gute halbe Stunde dauert der Anstieg durch den Kastanienwald nach Puntid. Wunderschön gelegen wartet dort die Alm Puntid auf Besucher. Malerische Steinhäuser, Blumenwiesen, ein Brückchen über den Bach, blaugrüne Gumpen … Kaum vorstellbar, dass das Wasser, das hier so trügerisch friedlich die Felsblöcke umspült, ein paar Meter entfernt als freier Wasserfall in den Talgrund donnert. Wie 007 den Weg von Puntid nach Foroglio wohl zurücklegen würde?

Ruhiger geht es zur Almfläche Segna und zur dortigen Wallfahrtskirche. Ausgangspunkt ist das Centovalli. Nur das Pfeifen der Centovalli-Eisenbahn hört man zu Beginn und zum Ende der Runde. Die Schmalspurbahn aus dem Jahr 1923 ist für Bahnbegeisterte eine Attraktion, denn sie scheint nur aus Tunnels und Brücken zu bestehen. 

 
Unterwegs im Verzascatal - Dem Frühling entgegen
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2012. Jetzt abonnieren!
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