Wandern rund um den Tegernsee

Idylle am Alpenrand

Oberbayern, wie aus dem Bilderbuch! Der lang­gezogene »Fjord« des Tegernsees, umgeben von Bergen, die zum Wandern und Mountainbiken wie geschaffen scheinen, steht als Synonym für die bezaubernde Voralpenlandschaft. Von Eugen E. Hüsler

 
Das Kloster Tegernsee © Eugen E. Hüsler
Das Kloster Tegernsee
Der Zug der BOB (Bayerische Oberland-Bahn) legt sich ganz leicht in die Kurve, man spürt es in den komfortablen Sitzen kaum. Charmante Bauernhäuser, Wiesen und Bäume ziehen im Wechsel vor dem großen Fenster vorbei, an einem Bahnübergang bimmelt es, und die Sonne scheint aus einem bayerisch weiß-blauen Himmel. Dann liegt er mit einem Mal vor uns: der Tegernsee, gut neun Quadratkilometer groß, eingebettet in Wald- und Wiesengrün, gesäumt von seinen Orten und überragt vom hohen Dachfirst des Wallbergs: Was für ein Bild!

Der Tegernsee und seine Klischees

Wie kaum eine andere Region der Bayerischen Voralpen lebte und lebt das Tegernseer Tal von und mit Klischees, kaum eine Beschreibung kommt ohne entsprechende, gebetsmühlenartig wiederholte Attribute aus: idyllisch, urbayrisch, bezaubernd, mondän, beschaulich.
Das Geschäft mit Gästen hat Tradition am Tegernsee, und den Startschuss lieferte ein Ereignis, das im Land damals sehr unterschiedlich aufgenommen wurde: die Säkularisation 1803. Ihr fiel das reiche und mächtige Kloster Tegernsee zum Opfer; die Benediktiner mussten ausziehen, und König Max. I. Joseph ließ das Kloster auf Drängen seiner Liebsten, der badischen Prinzessin Caroline, zu einer (großzügigen) Sommerresidenz umbauen.

Das lockte dann allerlei »Promis« an die freundlichen Gestade des Voralpensees, dessen Gästeliste über die Zeit zu einem »Who is who?« der Schicken und Reichen geworden ist. So schmückt sich das Tegernseer Tal heute mit Berühmtheiten wie Ludwig Ganghofer, Ludwig Thoma und Hedwig Courths-Mahler; der Norwegen-Bayer Olaf Gulbransson, genialer Zeichner des Simplicissimus, hat sogar ein eigenes Museum (das erst jüngst erweitert wurde), der Wildschütz Jennerwein gibt die unsterbliche Legende, wie Ludwig Erhard. Auch er, als Baumeister des deutschen Wirtschaftswunders gepriesen, gehört bereits zur »guten alten Zeit«, und der begegnet man am Tegernsee allenthalben. Dabei ist nicht zu übersehen, wie provinziell die Orte geblieben sind, trotz ein paar moderner »Zubauten«. Die BOB fährt ein in den Bahnhof von Gmund, der die Reisenden mit nostalgisch angehauchtem Flair begrüßt. Wir bleiben sitzen, rollen am Ostufer des Sees weiter nach Tegernsee, wo unsere Wande-rung starten wird.

Auf Schusters Rappen

Glänzend wie ein Spiegel liegt der See im Licht des frühen Tages, es ist angenehm warm, fast sommerlich. Mauersegler demonstrieren ihre Flugkünste, schreien – vor Freude? Der Bäcker hat schon auf, Brez’n und Semmeln gibt’s, man riecht es; der Parkplatz neben dem Strandbad ist noch fast leer. Am Schiffanlegeplatz ho­-cken ein paar Möwen, und Enten, den Kopf ins Gefieder gesteckt, schaukeln in den Morgen hinein. So um zehn Uhr, sagt der Fahrplan, wird das erste Kursschiff anlegen und wohl ein paar Familien und Rentner an Bord nehmen.
Wir nehmen den Weg am Ufer entlang; er führt mit freier Sicht übers Wasser südwärts zum nahen, 746 gegründeten Kloster Tegernsee, das für ein Jahrtausend hinweg hier das Maß (fast) aller Dinge war. Höfe und Wälder rund um den See gehörten ihm; daneben hatte das Kloster während seiner Blütezeit viele Besitzungen in Schwaben, im Osten Österreichs, in Südtirol und Kärnten. Tegernsee war ein kultureller und wissenschaftlicher Brennpunkt; hier entstand um die Mitte des 11. Jahrhunderts mit dem lateinischen Versepos »Ruodlieb« ein Vorläufer des Höfischen Romans. Um 1160 wurde das Stück »Ludus de Antichristo« uraufgeführt, das den Kampf Kaiser Barbarossas (der dieser Veranstaltung beiwohnte) gegen die mit dem Teufel (Antichrist) verbündeten Fürsten thematisierte – das erste deutsche Drama. Die Klosterbibliothek besaß über 60000 Bände, darunter mehr als 2000 Handschriften. Damit war sie eine der größten des Abendlandes. Im Mittelalter florierten neben der Buchmalerei auch die Glasmalerei und die Goldschmiedekunst.

Nach Rottach-Egern

Unser Weg führt zunächst weiter am See entlang. Nach einem letzten Blick zurück auf die klassizistischen Zwillingstürme betreten wir einen makellosen Sandstrand. Feinster, fast weißer Sand, eigens herbeigeschafft für Sonnenanbeter, sorgt für leicht mediterranes Flair, zumindest an einem so schönen Sommermorgen.Idyllisch geht es weiter, vorbei an der Point-Halbinsel, »einem wahrhaft elegischen Ruhepunkt. Von den Bergen schauen die friedlichen Sennhütten herab, leise schlägt die Fluth an den Strand.« Wanderer und Biker
Die Sennhütten gibt’s heute noch, wenigstens die meisten; manche sind längst Berggasthäuser. An den Almwegen stehen Schilder mit Nummern, damit das Wandervolk und die Biker mit den strammen Wadln auch problemlos zur Einkehr finden. Einige der Höhen rund um den See sind echte »Münchner Hausberge«, wie etwa der Hirschberg (1670 m), an dem in der kalten Jahreszeit viele mit dem Rodel unterwegs sind, der Wallberg (1722 m) mit seiner Bahn und die Neureuth (1261 m). Letztere ist kein richtiger Gipfel, sondern ein grasiger Rücken mit Restaurant. Auf der Terrasse gibt’s den berühmten Schweinsbraten zur schönen Aussicht. Beides verdient locker seine drei Sterne, was der Neureuth einen absoluten Spitzenplatz in der Hitparade der Ausflugsziele am Alpenrand garantiert. Und tatsächlich: Von kaum einer anderen Stelle über dem See genießt man ein so schönes Bild dieser Voralpenidylle.

Senkrecht!

Wenn allerdings stimmt, dass die Lage – nur die Lage! –  den Wert einer Immobilie bestimmt, dann ist die Tegernseer Hütte (1650 m) einfach unbezahlbar: am Verbindungsgrat zwischen Roß- und Buchstein, mit Blick über den Achensee bis zu den Tuxer Alpen, und direkt auf die Terrasse mündet eine Kletterroute – mit dem treffenden Namen »Hüttenzauber«. Die Südwände der beiden Gipfel und die schlanke Roßsteinnadel gehören zu den klassischen Kletterrevieren in den Tegernseer Bergen. Erst vor ein paar Jahren erschlossen wurde der Leonhardstein (1452 m) mit einigen zwar kurzen, aber sehr anspruchsvollen Routen und einem echten Hammer, der »Welle« im Schwierigkeitsgrad X+! Toni Lamprecht beging sie als erster, und der Kochler hat auch an der Südwand der Plankenstein-Nadel (1798 m) seine Spuren hinterlassen. Wie auch an Roß- und Buchstein finden sich hier die schönsten (und schwierigsten) Anstiege auf der Südseite: angenehm im Frühling und Herbst, fast zu heiß für den Sommer!

Tegernsee Uferpromenade

Drunten am See gewinnt die Sonne auch allmählich an Kraft. Radler und Jogger überholen uns, und draußen auf der Mole zelebriert eine Familie »Frühstück überm Wasser«. Unser Uferweg umrundet die Seebucht von Rottach; eine Büste erinnert an König Max I. Joseph (bei den Einheimischen »Moos-Maxl«). Die vornehmen Villen halten Abstand zur Straße; das »Überfahrt-Hotel« protzt mit Silber, einem Springbrunnen und viel Glas. Wir wandern weiter, schauen dabei übers Wasser zurück zum Kloster Tegernsee. »Hundestrand 600 m« verkündet ein Schild – und tatsächlich: so etwas gibt es, Anfang und Ende des Areals für die Vierbeiner sind genau markiert. Der einzige Hund, den wir zu Gesicht bekommen, hält allerdings wenig von solch tierisch-bürokratischen Vorschriften. Wir peilen die »Fährhütt’n« an, widerstehen der Versuchung zur Einkehr auf der Seeterrasse, mieten auch keinen Sonnenschirm, sondern ordern eine Überfahrt. 

Oil and money

Abwinkl, am Westufer gelegen, ist noch ein richtiges Bauerndorf. An der Schiffsanlegestelle machen wir den Fischen des Tegernsees unsere Aufwartung: im neuen Aquadome. Der Weiterweg führt seeseitig am riesigen Medical-Center vorbei; dann laufen wir ein in die Promenade von Bad Wiessee: gepflegte Idylle und viel Ruhe. Nichts deutet heute darauf hin, dass der Ort fast zu einem bayerischen Dallas geworden wäre: Anfangs des vorletzten Jahrhunderts entdeckte man hier Ölquellen. Die Vorkommen erwiesen sich allerdings als wenig ergiebig, eine Pipeline zum Bahnhof Gmund wurde zwar gebaut, doch das »schwarze Gold« versiegte bald. Dafür stieß man in 700 Metern Tiefe auf Jod-Schwefelwasser, und so setzen die Wiesseer seither auf (heilendes) Wasser statt auf Öl – mit Gewinn. Die Jodschwefelquellen zählen übrigens zu den stärksten in Deutschland.

Zurück nach Gmund

Wir folgen dem Radweg, der parallel zur Bundesstraße verläuft. Eine Tafel klärt darüber auf, dass der Physiker und Nobelpreisträger Max Planck viele Jahre seine Ferien jeweils auf dem Grundnerhof verbrachte. Nächste Station unserer »Tour du Lac« ist Kaltenbrunn, heute ein großer Gastronomiebetrieb. Zu Zeiten König Maximilians I. wurden hier Lichtspiele veranstaltet, eine Riesenattraktion, bei der »durch künstlich situierte brennende Holzstöße Namenszüge in ungeheuren Dimensionen sichtbar wurden, die weithin in der ganzen Umgebung, selbst noch nach München deutlich erkennbar waren.« Ob der Berichterstatter da vielleicht ein wenig übertrieben hat?

Es ist Mittag vorbei, die Sonne steht hoch, vom Wasser kommt ein angenehm kühlendes Lüftchen. Wir schauen zurück, über den See auf die Berge. Morgen geht’s von Wildbad Kreuth durch die Große Wolfsschlucht auf den Schildenstein (1613 m): noch so ein Klassiker hier. Oder wir schwingen uns aufs Radl, das mit der guten Federung, und nehmen einen der schönen Trails in den Tegernseer Bergen unter die dicken Profilreifen. Wie wär’s  mit der Bike & Hike-Tour auf den Fo­­­ckenstein (1564 m), einen der schönsten Aussichtsgipfel weit und breit?             
Von Eugen E. Hüsler
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