Mit Reinhold Messner im Machapuchare-Massiv

Trekkingabenteuer mit Reinhold Messner

Das Machapuchare-Massiv liegt mitten in der Annapurna-Gruppe des Himalaya und ist kaum erschlossen. Eine Gruppe abenteuerlustiger Trekker hat sich unter der Leitung von Reinhold Messner auf den Weg gemacht

 
Mit Reinhold Messner im Machapuchare-Massiv © BERGSTEIGER
Der heilige Berg Machapuchare zählt zu den formschönsten Gipfeln der Erde und gilt als ein Sitz der Götter
Warum er eine Reise wie die unsere leitet, wollen wir von Reinhold Messner in Kathmandu wissen. Weil er sich seinen lang gehegten Traum erfüllen wolle, eine interessante Route und einen besonderen, noch nicht erschlossenen Ort zu finden, antwortet er. Dabei seien wir alle seine »Geiseln«. Er lacht. Wir auch, denn das stört uns nicht weiter. Im Gegenteil. Wir sind recht angetan ob der Aussicht auf einen einsamen Trek im Annapurna-Gebiet, wo sich 60000 Touristen pro Jahr aufhalten!

Eine bunte Truppe

Unsere Gruppe ist wild zusammengewürfelt, hat aber zwei Dinge gemeinsam: Das Reiseziel Machapuchare und das Privileg, den Weg dorthin mit Reinhold Messner zurücklegen zu dürfen. Unser »Pioniertrekking« beginnt mit einem Flug von München nach Kathmandu. Dort wartet der Sirdar, der Chef des Trekkings, mit schlechten Nachrichten auf uns: Die Route durch das Tal des Seti-Flusses ist momentan nicht begehbar. Zu reißend sei der Fluss, der Weg durch das Tal schwieriger als gedacht und momentan unmöglich begehbar, da es keinerlei Brücken gäbe. Reinhold schreckt das nicht. Deswegen sei die Reise ja schließlich ein Pioniertrekking, sagt er und disponiert kurzerhand auf eine etwas anspruchsvollere, aber machbare Alternativroute um. Irgendwie werden wir schon an den Fuß des Machapuchare und in die Nähe der Hochebene in dessen Osten gelangen.

Endlich unterwegs

Von Kathmandu fliegen wir nach Pokhara – atemberaubende Blicke auf die Himalayakette im Norden und den Doppelgipfel des Machapuchare inklusive. Von Pokhara fährt uns ein Bus nach Kharpani, einem kleinen Dorf nördlich der Stadt. Hier wechseln wir zum letzten Mal das Fortbewegungsmittel: Endlich sind wir zu Fuß unterwegs und folgen zwei Stunden dem Seti Khola durch eine grüne und blühende Landschaft bis zu unserem Zeltplatz. Zwar zieht es abends zu und beginnt zu nieseln, aber im Essenszelt ist es gemütlich: Bei Keksen und Tee lauschen alle gespannt einer der vielen, interessanten Geschichten von Reinholds Expeditionen.

Wo bitte geht es lang?

Der folgende Tag wird anstrengend: Über 1600 Höhenmeter hinauf durch unwegsames Gelände und dichte Vegetation. Und so richtig weiß eigentlich auch niemand, wo es lang geht – nicht einmal die Sherpas. Das macht es umso interessanter; so sind wir unabhängiger. Reinhold bezeichnet uns und sich deshalb sogar als »eine Gruppe von Anarchisten«. Dennoch finden schließlich alle den nächsten Lagerplatz. Die Letzten kommen nach neun Stunden Wanderung über Umwege an dem kleinen See an. Geheimnisvoll hüllt er sich in Nebel und lüftet erst nach und nach sein »dunkles« Geheimnis …


Blutsaugende Quälgeister

Als sich die Nebelschwaden verziehen, tauchen nicht nur die Gipfel des mächtigen Machapuchare vor uns auf, sondern auch immer mehr Blutegel. Trotz in die Socken gesteckter Hosenbeine gelangen manche dieser kleinen Quälgeister in unsere Schuhe und irgendwie an unsere Beine. Einmal festgesaugt, veranstalten sie dort eine regelrecht blutige Sau(g)erei. Eine entspannte Nacht wird das nicht: In meinen Albträumen sehe ich mich schon mit einem dickgesaugten Blutegel mitten im Gesicht aufwachen.

Zum Glück habe ich am nächsten Morgen keinen Blutegel an der Wange, dafür ist aber wieder Nebel aufgezogen. Der Anstieg zum verlassenen Weiler Bhede Kharka auf gut 4000 Metern ist einmalig, die Stimmung irgendwie mysthisch: Keine Menschenseele weit und breit – Dörfer und die letzten bewohnten Almen haben wir lange hinter uns gelassen – dafür wachsen hier Blumen in Hülle und Fülle! Vereinzelte Sonnenstrahlen brechen durch die Nebelschwaden und tauchen die prächtig weißen und rosafarbenen Rhododendren in diffuses Licht. Als wir abends am Lagerplatz angekommen sind, beginnt es leicht zu schneien.

Morgendliche Einsamkeit

Zum Glück hatte ich beschlossen, schon um fünf Uhr morgens auf eine benachbarte Anhöhe zu steigen. Denn hier genieße ich friedlich ein prachtvolles Schauspiel: Gerade lugt die Sonne hinter Annapurna IV und II hervor. Unser Lager ist mit einer leichten Schneeschicht überzuckert. In der Ferne erstrahlt die Annapurna South im weißen Kleid. Vor mir thront der Machapuchare, dessen Gipfelwechten im eisblauen Himmel glänzen. Von dort oben bis ins Tal vor mir sind es fast 3500 Meter! Mir verschlägt es den Atem. Die Dimensionen hier sind so unfassbar, dass sie mich immer wieder faszinieren. Ich frage mich, ob der menschliche Geist überhaupt fähig ist, sie zu begreifen? Es ist zutiefst berührend, die Erhabenheit der Natur so intensiv zu spüren – allein dafür hat sich die weite Reise hierher schon gelohnt!
 
Pioniertrekking zum Machapuchare. Text:Christine Theodorovics
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