Die Umrundung von Cerro Torre und Fitz Roy in Patagonien

Auf eisigen Pfaden

Die Umrundung von Cerro Torre und Fitz Roy in Patagonien zählt zu den eindrucksvollsten Trekkingtouren der Welt. Bei guten Witterungsbedingungen sind der Circo de los Altares und das südliche patagonische Inlandeis ein überwältigendes Naturschauspiel. Aber wehe, wenn das Wetter umschlägt…

 
Zurück ins Tal – Gepäcktransport über den reißenden Rio Tunel mit einer »Tirolesa«. Von Michaela Enck und Alexander Schötz (Text und Bilder) © Alexander Schötz
Zurück ins Tal – Gepäcktransport über den reißenden Rio Tunel mit einer »Tirolesa«.
Das fängt ja gut an! Schon in unserer ersten Zeltnacht ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken: Sturmböen zerren mit elementarer Kraft an unserer temporären Behausung. Hinter uns liegt ein anstrengender Tagesmarsch (von El Chaltén durch das Tal des Rio Electrico zum Campamento La Playita) und vor uns eine unbequeme Nacht: Zelt festhalten und Stangen stützen ist angesagt, schließlich brauchen wir es noch weitere vier Wochen und wollen weder blankgefegt noch nassgeregnet aufwachen!

Endlich unterwegs

Tags zuvor waren wir im kleinen Ort El Chaltén zur »Vuelta« aufgebrochen: In sechs Tagesetappen werden wir nun um das Cerro-Torre- und Fitz-Roy-Massiv wandern. Zu den Highlights unserer Tour zählt das südliche patagonische Inlandeis, auf dem wir mindestens zwei Tage unterwegs sein werden, je nach Wetter vielleicht auch mehr. Denn die drittgrößte zusammenhängende Eisfläche der Welt ist eine berühmte Schlechtwetterküche! An dreihundert Tagen im Jahr peitschen dort heftige Stürme gigantische Wolkenmassen gegen die Andenkordilleren und verwandeln das Eisfeld in einen menschenfeindlichen Ort. An den übrigen fünfundsechzig Tagen soll es einer der faszinierendsten Orte unserer Erde sein: einsam, gewaltig und wunderschön.

Postkartenmotiv

Lautes Klingeln reißt mich aus dem Schlaf. Ich schrecke hoch – draußen ist es schon hell. Haben wir also doch noch ein paar Stunden geschlafen! Der erste Blick aus dem Zelt entschädigt für die harte Nacht: Keine Spur mehr von Sturm und Regen. Spiegelglatt liegt der Lago Electrico vor uns, majestätisch überthront vom mächtigen Fitz-Roy-Massiv im Süden. Wir packen ein und schultern nach kurzer Stärkung unsere 25-Kilo-Rucksäcke. Es geht hinauf Richtung Paso Marconi (1 500 m), dahinter beginnt bald das südliche patagonische Inlandeis. Da der Anstieg sehr unwegsam ist, orientieren wir uns an den wenigen Steinmännern, die im endlosen Moränengeröll des Marconi-Gletschers wie verloren dastehen. Auf dem Gletscher weisen meterbreite Spalten und mit glasklarem Wasser gefüllte Riesenlöcher grob die Richtung. Schließlich müssen wir noch eine relativ steile und glattgeschliffene Felspassage überwinden, bis wir endlich den Absatz erreichen und … nichts vom Inlandeis sehen. Stattdessen peitscht uns stürmischer Wind entgegen. Und mit ihm Eiskristalle wie tausend Nadeln ins Gesicht. Willkommen auf dem Inlandeis!

Patagonischer Eistanz

Ab jetzt geht es im Schneckentempo gegen den Sturm voran: ein paar Schritte vorwärts, das Herandonnern des nächsten Windstoßes hören, stehenbleiben, auf die Stöcke gestützt die Sturmböe abwarten und wieder einige Schritte gehen. In dieser menschenfeindlichen Monotonie kreisen unsere Gedanken um das Erreichen des Refugio Soto. Eine chilenische Militärhütte und bessere Biwakschachtel – für uns ist sie das Paradies. Der seltsame Bau trotzt auf einer Anhöhe als einziger Zufluchtsort auf dem gesamten Inlandeis den unbarmherzigen patagonischen Urgewalten. Sie gleicht einem halbierten Zylinder aus Stahl, auf Pfählen gebaut.

Endlich – glücklich erreichen wir den Eingang unter der Hütte und kriechen hinein. Innen ist es gemütlich mit Koch- und Sitzecke. Wir blicken hinaus auf die stürmische Eisfläche, während Nudeln und Tee kochen. Versöhnlicher Abschluss eines harten Tages. Die Nacht verspricht Erholung. Von wegen. es beginnt immer mit einem Vibrieren und gipfelt plötzlich in einem krachenden Donnern: Jedes Mal, wenn der Wind auf die Hütte prallt, schrecken wir hoch – vor Angst, die Seitenwände könnten davonfliegen. Auch in dieser Nacht ist nicht an viel Schlaf zu denken.

Alles beim Alten

Die Seitenwände haben natürlich gehalten, ebenso, wie unser Zustand körperlicher Erschöpfung. Die Wolkendecke hängt heute relativ hoch über der Eisfläche und wir erahnen erstmals ihr gigantisches Ausmaß: Eis, so weit das Auge reicht. So stellt man sich Unendlichkeit vor. Und mittendrin immer wieder schroffe Gebirgszüge. Ein imposanter Anblick, selbst für erfahrene Gletscher-Begeher. Vor unserer »Trutzburg« erwartet uns schon ein alter Bekannter: Heftige Windböen mit gefühlten Temperaturen unter Null Grad. Trotzdem brechen wir dank guter Sichtverhältnisse gegen Mittag in Richtung Circo de los Altares auf.
 
Von Michaela Enck und Alexander Schötz (Text und Bilder)
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